Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Fliegen ohne Kindeskinder

11.12.2006
Kinderlose Dynastien fungieren als Namensgeber für eine Gruppe von Genen und die von ihnen kodierten Proteine. So wie diese Königshäuser ausgestorben sind, bleiben auch Taufliegen, deren Proteine verändert sind, ohne Kindeskinder.

Wissenschaftler im Deutschen Krebsforschungszentrum haben ein neues Protein dieser Gruppe namens Capsuléen entdeckt, das für die Bildung der Geschlechtszellen in der Taufliege notwendig ist. Sie haben mehrere Details dazu aufgeklärt, wie dieses Protein zur Sicherung des Fortbestands beiträgt.

Lebewesen bestehen aus einer Vielzahl unterschiedlicher Proteine - mehr, als im Erbgut in Form von Bauanleitungen vorliegen. Dahinter stecken Strategien, mit denen Lebewesen Proteine verändern; so machen sie mehr aus dem, was ihnen zur Verfügung steht. Die Körpereiweiße steuern etwa die Übertragung von Signalen, die Verpackung des Erbguts oder den Transport von Molekülen.

Zu den "Dekorateuren" in der Zelle gehören die Methyltransferasen. Diese Proteine hängen Kohlenwasserstoffe, so genannte Methylgruppen, an andere Proteine an. Das Methylierungsmuster entscheidet zum Beispiel darüber, mit welchen Molekülpartnern ein Protein interagiert und ob es überhaupt aktiv ist. Fehler bei der Methylierung können schwer wiegen, Körpereiweiße funktionsuntüchtig machen und stehen im Zusammenhang mit Krebs.

Wissenschaftler um Professor Bernard Mechler, Leiter der Abteilung Entwicklungsgenetik im Deutschen Krebsforschungszentrum, entdeckten eine interessante Funktion der Methyltransferase Capsuléen, die für die Fruchtbarkeit von Taufliegen unverzichtbar ist. Ihnen war aufgefallen, dass Taufliegen, denen zwei funktionstüchtige Genkopien von Capsuléen fehlen, ohne Kindeskinder bleiben, denn ihre Nachkommen besitzen keine Geschlechtszellen. Durch weitere Experimente entdeckten die Forscher, dass den Nährzellen, die die Eizelle mit allem Nötigen versorgen, in den genetisch veränderten Fliegen ein wichtiges Detail verloren geht: Sie entbehren die "Nuage", eine Zellstruktur, die einen verschwommenen Ring um den Zellkern der Nährzellen formt und nach dem französischen Wort für Wolke benannt ist. Bestimmte Proteine, die für die Entstehung der Geschlechtszellen unerlässlich sind - zum Beispiel das Protein Tudor - fehlen in der Nuage der betroffenen Tiere.

Man könnte nun meinen, dass der Verlust von Tudor auf die gestörte Regulation eines Zielproteins, das Capsuléen methyliert, zurückgeht. Die Wissenschaftler machten mehrere solcher Proteine ausfindig, demonstrierten jedoch, dass die Methylierung dieser Zielproteine nichts mit der Verteilung von Tudor zu tun hat. "So konnten wir die beiden biologischen Prozesse voneinander trennen", sagt Joël Anne aus der Abteilung Entwicklungsgenetik.

Capsuléen agiert allerdings nicht allein, weiß Anne darüber hinaus, denn es bindet an ein anderes Protein, das nach der ausgestorbenen französischen Dynastie Valois benannt ist. Derzeit suchen die Wissenschaftler einen weiteren wichtigen Baustein, der aus molekularer Sicht erklärt, wie es zur Unfruchtbarkeit der Fliegen kommt. Anne ist überzeugt, dass mindestens ein zusätzliches Molekül mit im Spiel ist, dessen Verlust ebenfalls zu Fliegen ohne Kindeskinder führt.

Joël Anne, Roger Ollo, Anne Ephrussi, and Bernard M. Mechler. Arginine methyltransferase Capsuléen is essential for methylation of spliceosomal Sm proteins and germ cell formation in Drosophila, Development (2006), doi:

02687.

Das Deutsche Krebsforschungszentrum hat die Aufgabe, die Mechanismen der Krebsentstehung systematisch zu untersuchen und Krebsrisikofaktoren zu erfassen. Die Ergebnisse dieser Grundlagenforschung sollen zu neuen Ansätzen in Vorbeugung, Diagnose und Therapie von Krebserkrankungen führen. Das Zentrum wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und zu 10 Prozent vom Land Baden-Württemberg finanziert und ist Mitglied in der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren e.V.

Dr. Julia Rautenstrauch
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Krebsforschungszentrum
Im Neuenheimer Feld 280
D-69120 Heidelberg
T: +49 6221 42 2854
F: +49 6221 42 2968

Dr. Julia Rautenstrauch | idw
Weitere Informationen:
http://www.dkfz.de
http://www.dkfz.de/de/abteilungen/fspa/a040.html

Weitere Berichte zu: Capsuléen Kindeskinder Protein Taufliege

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Wie Krebszellen Winterschlaf halten
16.07.2018 | Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden

nachricht Feinstaub macht Bäume anfälliger gegen Trockenheit
16.07.2018 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

„Wir haben jetzt ein klares Bild davon, wie das heiße Atomgitter und die kalten magnetischen Spins eines ferrimagnetischen Nichtleiters miteinander ins Gleichgewicht gelangen“, sagt Ilie Radu, Wissenschaftler am Max-Born-Institut in Berlin. Das internationale Forscherteam fand heraus, dass eine Energieübertragung sehr schnell stattfindet und zu einem neuartigen Zustand der Materie führt, in dem die Spins zwar heiß sind, aber noch nicht ihr gesamtes magnetisches Moment verringert haben. Dieser „Spinüberdruck“ wird durch wesentlich langsamere Prozesse abgebaut, die eine Abgabe von Drehimpuls an das Gitter ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt in "Science Advances" erschienen.

Magnete faszinieren die Menschheit bereits seit mehreren tausend Jahren und sind im Zeitalter der digitalen Datenspeicherung von großer praktischer Bedeutung....

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Im Focus: First evidence on the source of extragalactic particles

For the first time ever, scientists have determined the cosmic origin of highest-energy neutrinos. A research group led by IceCube scientist Elisa Resconi, spokesperson of the Collaborative Research Center SFB1258 at the Technical University of Munich (TUM), provides an important piece of evidence that the particles detected by the IceCube neutrino telescope at the South Pole originate from a galaxy four billion light-years away from Earth.

To rule out other origins with certainty, the team led by neutrino physicist Elisa Resconi from the Technical University of Munich and multi-wavelength...

Im Focus: Magnetische Wirbel: Erstmals zwei magnetische Skyrmionenphasen in einem Material entdeckt

Erstmals entdeckte ein Forscherteam in einem Material zwei unabhängige Phasen mit magnetischen Wirbeln, sogenannten Skyrmionen. Die Physiker der Technischen Universitäten München und Dresden sowie von der Universität zu Köln können damit die Eigenschaften dieser für Grundlagenforschung und Anwendungen gleichermaßen interessanten Magnetstrukturen noch eingehender erforschen.

Strudel kennt jeder aus der Badewanne: Wenn das Wasser abgelassen wird, bilden sie sich kreisförmig um den Abfluss. Solche Wirbel sind im Allgemeinen sehr...

Im Focus: Neue Steuerung der Zellteilung entdeckt

Wenn eine Zelle sich teilt, werden sämtliche ihrer Bestandteile gleichmässig auf die Tochterzellen verteilt. UZH-Forschende haben nun ein Enzym identifiziert, das sicherstellt, dass auch Zellbestandteile ohne Membran korrekt aufgeteilt werden. Ihre Entdeckung eröffnet neue Möglichkeiten für die Behandlung von Krebs, neurodegenerative Krankheiten, Alterungsprozessen und Virusinfektionen.

Man kennt es aus der Küche: Werden Aceto balsamico und Olivenöl miteinander vermischt, trennen sich die beiden Flüssigkeiten. Runde Essigtropfen formen sich,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Interdisziplinäre Konferenz: Diabetesforscher und Bioingenieure diskutieren Forschungskonzepte

13.07.2018 | Veranstaltungen

Conference on Laser Polishing – LaP: Feintuning für Oberflächen

12.07.2018 | Veranstaltungen

Materialien für eine Nachhaltige Wasserwirtschaft – MachWas-Konferenz in Frankfurt am Main

11.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vertikales Begrünungssystem Biolit Vertical Green<sup>®</sup> auf Landesgartenschau Würzburg

16.07.2018 | Architektur Bauwesen

Feinstaub macht Bäume anfälliger gegen Trockenheit

16.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Wie Krebszellen Winterschlaf halten

16.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics