Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Saure Zeiten - Eine im Honig enthaltene Säure hilft Bienen gegen die Milbenplage

03.07.2006
Eine kleine Milbe aus Südostasien bedroht die Honigbiene. Sie vernichtet ganze Bienenvölker und verursacht allein in Deutschland jährlich einen Schaden von 15 Millionen Euro. Hinzu kommen finanziellen Einbußen, da unzählige Nutzpflanzen unbestäubt bleiben und somit keine Früchte tragen. Die Milbenplage "Varroose" ist derzeit das schwerwiegendste Problem für Imker weltweit: "Die wirtschaftlichen Schäden an den Bienenvölkern übersteigen die aller anderen Bienenkrankheiten zusammen", sagt Dr. Eva Rademacher. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Biologie der Freien Universität Berlin forscht auf dem Gebiet der Bienenkrankheiten, speziell der Varroose. Für ihre Arbeiten wurde die gebürtige Berlinerin im Februar dieses Jahres mit dem Apisticus-Preis der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet.

Die Milbe Varroa destructor befällt und schädigt sowohl Arbeiterinnen als auch Drohnen und ihre Brut - bei sehr starkem Befall sogar die Königinnen. Dabei schiebt sich der Parasit zwischen die Bauch- oder Rückenschuppen der Biene, durchbohrt mit seinen Mundwerkzeugen die Körperdecke und saugt das Blut, die Hämolymphe. Um die Bienenvölker zu erhalten, müssen die Milben regelmäßig bekämpft werden. Da die Milben im Laufe der Zeit jedoch gegen einige der eingesetzten Bekämpfungsmittel resistent geworden sind, kooperieren Wissenschaftler aus zehn EU-Staaten seit 1997 in einer Arbeitsgruppe. Ihr wichtigstes Ziel: die Entwicklung und Zulassung von Oxalsäure als Tierarzneimittel für alle EU-Staaten - und nicht zuletzt für Deutschland. "In Deutschland läuft das offizielle Zulassungsverfahren noch, es steht kurz vor dem Abschluss durch den Bundesrat. Seit Dezember 2005 dulden aber die meisten Bundesländer die Anwendung dieser Säure", sagt Eva Rademacher. Denn Oxalsäure, die ohnehin in Honig vorkommt, kann der Milbenplage den Garaus machen. Die Forscher konnten anhand umfangreicher Versuchsreihen belegen, dass die organische Säure die Parasiten bekämpft, ohne die Bienen zu schädigen.

Bis zur Zulassung eines Tierarzneimittels in der Europäischen Union ist es jedoch ein weiter Weg. Zunächst muss die Europäische Agentur für die Bewertung von Medizinprodukten beurteilen, wir hoch die Rückstandsmenge eines Wirkstoffes in dem von dem jeweilgen Tier erzeugten Produkt sein darf. Diesen Wert nennt man maximal zulässige Rückstandsmenge (MRL). Da ein solcher MRL-Wert für Oxalsäure in der EU bislang nicht festgelegt war, musste dieser zunächst definiert werden - eine notwendige Voraussetzung, um das Zulassungsverfahren für das Arzneimittel einleiten zu können. "Hierfür mussten wir in Zusammenarbeit mit Humantoxikologen ein umfassendes Dossier zur Oxalsäure erstellen", erklärt Eva Rademacher.

Oxalsäure kommt in vielen Lebensmitteln vor - vor allem in Gemüse wie Spinat, Rhabarber und Roter Beete, aber auch in Tee und Kakao. Verbraucher in Europa nehmen pro Tag durchschnittlich 70 bis 80 Milligramm an Oxalsäure zu sich. Bei Vegetariern liegt die Menge sogar bei 400 bis 600 Milligramm pro Tag. "Selbst wenn sich der natürliche Säuregehalt im Honig durch die Anwendung von Oxalsäure als Milbenbekämpfungsmittel eventuell geringfügig erhöhen sollte, würde das zu keinem Gesundheitsrisiko für den Verbraucher führen", sagt die Biologin. Die Aufnahme von Oxalsäure aus Honig unbehandelter oder auch sachgerecht behandelter Bienenvölker sei im Vergleich zu der täglich aufgenommenen Oxalsäure aus anderen Nahrungsmitteln laut der europäischen Kommission für veterinärmedizinische Erzeugnisse unbedeutend. "Diese Bewertung war die Basis dafür, dass wir die nationalen Zulassungen in Europa auf den Weg bringen konnten", erklärt Eva Rademacher.

Ebenso wie Medikamente für Menschen werden Tierarzneimittel in Deutschland strengstens geprüft. "Unter anderem wird bei der Zulassung ganz genau festgeschrieben, in welcher Verdünnung und Darreichungsform eine Substanz eingesetzt werden darf", sagt die Biologin. Für die Oxalsäure seien drei Anwendungsformen in Frage gekommen, dabei habe sich das Träufeln als die günstigste Methode herausgestellt. Um das Verfahren zu testen, trugen die Bienenforscher während der brutlosen Periode im Spätherbst eine zuckerhaltige Oxalsäuredihydrat-Lösung mit Hilfe einer Spritze direkt auf die Bienen in den Wabengassen auf. Das Ergebnis: Etwa 95 Prozent der Milben konnte vernichtet werden. Wie die Oxalsäure im Detail auf die Milbe wirkt, erforschen die Wissenschaftler derzeit noch. Ihre zuverlässige Wirkung hingegen haben sie bereits nachgewiesen. "Oxalsäure ist die Substanz, die uns zukünftig helfen wird, die Bienenvölker mit ihrem hohen Nutzen für die Allgemeinheit zu erhalten", sagt Eva Rademacher. Denn der Ausfall der Biene als Honigproduzentin, vor allem aber als Bestäuberin von immerhin rund 80 Prozent der durch Insekten bestäubten Wildpflanzen, hätte ernste Konsequenzen: Das ökologische Gleichgewicht würde wahrscheinlich dramatisch verschoben werden, eine Verarmung der Flora und Fauna wäre die Folge.

Schließlich wusste schon Albert Einstein: "Wenn die Biene von der Erde verschwindet, dann hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben; keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, keine Menschen mehr..."

Von Ilka Seer

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:
Dr. Eva Rademacher, Institut für Biologie/Neurobiologie der Freien Universität Berlin, Telefon: 030 / 838-52847, E-Mail: radem@zedat.fu-berlin.de

Ilka Seer | idw
Weitere Informationen:
http://www.fu-berlin.de

Weitere Berichte zu: Biene Bienenvölker Honig Milbenplage Oxalsäure

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Ein neues Mittel gegen Zöliakie
24.09.2018 | Technische Universität Wien

nachricht Zika und Gelbfieber: Impfstoffe ohne Ei
21.09.2018 | Max-Planck-Institut für Dynamik komplexer technischer Systeme Magdeburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wie Magnetismus entsteht: Elektronen stärker verbunden als gedacht

Wieso sind manche Metalle magnetisch? Diese einfache Frage ist wissenschaftlich gar nicht so leicht fundiert zu beantworten. Das zeigt eine aktuelle Arbeit von Wissenschaftlern des Forschungszentrums Jülich und der Universität Halle. Den Forschern ist es zum ersten Mal gelungen, in einem magnetischen Material, in diesem Fall Kobalt, die Wechselwirkung zwischen einzelnen Elektronen sichtbar zu machen, die letztlich zur Ausbildung der magnetischen Eigenschaften führt. Damit sind erstmals genaue Einblicke in den elektronischen Ursprung des Magnetismus möglich, die vorher nur auf theoretischem Weg zugänglich waren.

Für ihre Untersuchung nutzten die Forscher ein spezielles Elektronenmikroskop, das das Forschungszentrum Jülich am Elettra-Speicherring im italienischen Triest...

Im Focus: Erstmals gemessen: Wie lange dauert ein Quantensprung?

Mit Hilfe ausgeklügelter Experimente und Berechnungen der TU Wien ist es erstmals gelungen, die Dauer des berühmten photoelektrischen Effekts zu messen.

Es war eines der entscheidenden Experimente für die Quantenphysik: Wenn Licht auf bestimmte Materialien fällt, werden Elektronen aus der Oberfläche...

Im Focus: Scientists present new observations to understand the phase transition in quantum chromodynamics

The building blocks of matter in our universe were formed in the first 10 microseconds of its existence, according to the currently accepted scientific picture. After the Big Bang about 13.7 billion years ago, matter consisted mainly of quarks and gluons, two types of elementary particles whose interactions are governed by quantum chromodynamics (QCD), the theory of strong interaction. In the early universe, these particles moved (nearly) freely in a quark-gluon plasma.

This is a joint press release of University Muenster and Heidelberg as well as the GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung in Darmstadt.

Then, in a phase transition, they combined and formed hadrons, among them the building blocks of atomic nuclei, protons and neutrons. In the current issue of...

Im Focus: Der Truck der Zukunft

Lastkraftwagen (Lkw) sind für den Gütertransport auch in den kommenden Jahrzehnten unverzichtbar. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der Technischen Universität München (TUM) und ihre Partner haben ein Konzept für den Truck der Zukunft erarbeitet. Dazu zählen die europaweite Zulassung für Lang-Lkw, der Diesel-Hybrid-Antrieb und eine multifunktionale Fahrerkabine.

Laut der Prognose des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur wird der Lkw-Güterverkehr bis 2030 im Vergleich zu 2010 um 39 Prozent steigen....

Im Focus: Extrem klein und schnell: Laser zündet heißes Plasma

Feuert man Lichtpulse aus einer extrem starken Laseranlage auf Materialproben, reißt das elektrische Feld des Lichts die Elektronen von den Atomkernen ab. Für Sekundenbruchteile entsteht ein Plasma. Dabei koppeln die Elektronen mit dem Laserlicht und erreichen beinahe Lichtgeschwindigkeit. Beim Herausfliegen aus der Materialprobe ziehen sie die Atomrümpfe (Ionen) hinter sich her. Um diesen komplexen Beschleunigungsprozess experimentell untersuchen zu können, haben Forscher aus dem Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) eine neuartige Diagnostik für innovative laserbasierte Teilchenbeschleuniger entwickelt. Ihre Ergebnisse erscheinen jetzt in der Fachzeitschrift „Physical Review X“.

„Unser Ziel ist ein ultrakompakter Beschleuniger für die Ionentherapie, also die Krebsbestrahlung mit geladenen Teilchen“, so der Physiker Dr. Thomas Kluge vom...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

4. BF21-Jahrestagung „Car Data – Telematik – Mobilität – Fahrerassistenzsysteme – Autonomes Fahren – eCall – Connected Car“

21.09.2018 | Veranstaltungen

Forum Additive Fertigung: So gelingt der Einstieg in den 3D-Druck

21.09.2018 | Veranstaltungen

12. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

20.09.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Ein neues Mittel gegen Zöliakie

24.09.2018 | Biowissenschaften Chemie

Entscheidung über Attraktivität fällt in Millisekunden

24.09.2018 | Studien Analysen

Künstliche Intelligenz im Fokus – Schulungsangebot zum maschinellen Lernen für Industrie und Forschung startet

24.09.2018 | Seminare Workshops

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics