Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Internationale Experten diskutierten optimale Anwendung von Intravenösen Immunglobulinen

29.11.2001


Mehr als 150 Teilnehmer diskutierten am Freitag und Samstag, 23. und 24. November 2001, im Paul-Ehrlich-Institut in Langen im Rahmen eines internationalen Symposiums die optimale Anwendung intravenöser Immunglobuline. Immunglobuline sind die Stoffe, die unser Immunsystem zur Abwehr fremder Erreger bildet (Antikörper). Die aus Blutplasma gewonnenen Produkte werden zum Beispiel bei Patienten eingesetzt, die auf Grund ihrer Erbanlagen nicht in der Lage sind, selbst Antikörper zu bilden. Herausragende Themen der Tagung waren der sogenannte ’Off-Label-Use’, also die Anwendung dieser Arzneimittel außerhalb der zugelassenen Indikationen, sowie Fragen der Nutzen-Risiko-Abwägung, insbesondere im Hinblick auf die Sicherheit dieser Produkte und die Kostenoptimierung im Gesundheitswesen. "Ich freue mich, dass Experten aus Deutschland, Europa und auch den USA den Weg nach Langen gefunden haben." sagte Prof. Johannes Löwer, der Präsident des Instituts. "Ich begrüße es sehr, dass Vertreter der Krankenkassen, der zulassenden Behörden und der Industrie, sowie behandelnde Ärzte und Vertreter von Selbsthilfegruppen hier in Langen diese wichtige Thematik diskutieren".

Im Zusammenhang mit dem ’Off-Label-Use’ steht die Behandlung der Multiplen Sklerose mit Immunglobulinen immer wieder im Blickpunkt des öffentlichen Interesses. Der Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit, Dr. Klaus Theo Schröder, betonte in seinem Grußwort die Notwendigkeit, eine Antwort auf die Frage zu erhalten, inwieweit eine Immunglobulinbehandlung bei dieser Erkrankung sinnvoll und wirksam sein kann: "Es ist höchste Zeit, sich mit der Frage zu befassen, warum es bisher keine Zulassung für Immunglobuline mit der Indikation Multiple Sklerose gibt", so Schröder. Der Staatssekretär betonte jedoch auch den Stellenwert der Immunglobuline insgesamt, die heute sicherlich zu den innovativsten Präparaten innerhalb der Gruppe der Blutprodukte gehören.

In einer sehr interessanten Abfolge von Vorträgen namhafter Experten wurden die verschiedenen Facetten der Anwendung von Immunglobulinen präsentiert. So gab es Darstellungen zur Charakteristik der zugelassenen Produkte, zu den Grundlagen der Zulassung eines neuen Produktes, zur Sicherheit der Produkte im Hinblick auf vCJD, zum wissenschaftlichen Hintergrund der Indikationen sowie zur Wirkweise dieser Produkte. Einer der Ausgangspunkte der Diskussion war die Einschätzung, dass die intravenösen Immunglobuline die Arzneimittel mit dem höchsten Anteil an "Off-label"-Verschreibungen sind. Dabei stellt gegenwärtig die Multiple Sklerose unabhängig von ihrer Verlaufsform die Hauptanwendung dar, wobei die Verschreibungspraxis der neurologischen Zentren sehr unterschiedlich ist.

Einen der Schwerpunkte des Programms bildeten daher die neurologischen Anwendungen. Neben der Präsentation des klinischen Hintergrunds der Multiplen Sklerose, der Myasthenia Gravis sowie der akuten und chronischen Verlaufsformen des Guillain Barré-Syndroms, wurden die Studien diskutiert, die bislang hierzu publiziert wurden. Mit Spannung wurden die Ergebnisse einer kürzlich abgeschlossenen Studie zur Anwendung von Immunglobulinen in der sekundär-progressiven Multiplen Sklerose, erwartet. Prof. Otto Hommes, der Vorsitzende der Europäischen Charcot Foundation zur Koordination der Multiplen Sklerose Forschung, zeigte, dass das Fortschreiten der Erkrankung durch die Immunglobulin-Anwendung nicht gebremst wird. Damit wurden die in diese Studie gesetzten Hoffnungen nicht erfüllt. Es wurde erneut deutlich, dass bislang durchgeführte Studien Anlass zu kontroverser Diskussion geben. Aus ärztlicher Praxis liegen jedoch Erfahrungen vor, die der Empfehlung der Fachgesellschaft zugrunde liegen, wonach Immunglobuline in der Multiplen Sklerose als Medikament anwendbar sind, wenn andere Medikamente nicht wirken oder kontraindiziert sind.

Ein weiteres Ergebnis der Diskussionen auf dem Symposium war, dass sowohl bislang publizierte Studien als auch die Ergebnisse jüngst abgeschlossener Studien die Aufnahme der Sepsis, also der Blutvergiftung, in die Liste der anerkannten Indikationen der Immunglobuline nicht begründen. Es wurde betont, dass in der Behandlung der Sepsis mit Immunglobulinen keine deutliche Verbesserung der Situation zu erwarten wäre.

Im Ergebnis waren sich alle Beteiligten einig, dass eine kritische Betrachtung der zugelassenen als auch der "Off-Label" Indikationen nötig ist. "Dies ist jedoch nur zu erreichen, indem Einigkeit über anerkannte Indikationen hergestellt wird, Überlegungen zur Schaffung einer konzertierten Darstellung klinischer Erfahrungen angestrebt und weitere klinische Studien durchgeführt werden," betonen Dr. Jaqueline Kerr und Dr. Gabriele Schäffner vom Paul-Ehrlich-Institut, die die Tagung organisiert haben. Dabei müssten die medizinischen Fachgesellschaften, Patientengruppen, Industrie, Krankenversicherer und Zulassungsbehörden sowohl aus Deutschland als auch aus anderen EU-Mitgliedsstaaten bei der Fortführung der Diskussion beteiligt werden.

Dr. Susanne Stöcker | idw
Weitere Informationen:
http://www.pei.de/pm/2001/17_2001.htm
http://www.pei.de/termine/ivig_2001.htm

Weitere Berichte zu: Immunglobuline Indikation Multiple Sklerose Multiplen Sklerose

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Anomale Kristalle: ein Schlüssel zu atomaren Strukturen von Schmelzen im Erdinneren
16.11.2018 | Universität Bayreuth

nachricht Günstiger Katalysator für das CO2-Recycling
16.11.2018 | Ruhr-Universität Bochum

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Rasende Elektronen unter Kontrolle

Die Elektronik zukünftig über Lichtwellen kontrollieren statt Spannungssignalen: Das ist das Ziel von Physikern weltweit. Der Vorteil: Elektromagnetische Wellen des Licht schwingen mit Petahertz-Frequenz. Damit könnten zukünftige Computer eine Million Mal schneller sein als die heutige Generation. Wissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) sind diesem Ziel nun einen Schritt nähergekommen: Ihnen ist es gelungen, Elektronen in Graphen mit ultrakurzen Laserpulsen präzise zu steuern.

Eine Stromregelung in der Elektronik, die millionenfach schneller ist als heutzutage: Davon träumen viele. Schließlich ist die Stromregelung eine der...

Im Focus: UNH scientists help provide first-ever views of elusive energy explosion

Researchers at the University of New Hampshire have captured a difficult-to-view singular event involving "magnetic reconnection"--the process by which sparse particles and energy around Earth collide producing a quick but mighty explosion--in the Earth's magnetotail, the magnetic environment that trails behind the planet.

Magnetic reconnection has remained a bit of a mystery to scientists. They know it exists and have documented the effects that the energy explosions can...

Im Focus: Eine kalte Supererde in unserer Nachbarschaft

Der sechs Lichtjahre entfernte Barnards Stern beherbergt einen Exoplaneten

Einer internationalen Gruppe von Astronomen unter Beteiligung des Max-Planck-Instituts für Astronomie in Heidelberg ist es gelungen, beim nur sechs Lichtjahre...

Im Focus: Mit Gold Krankheiten aufspüren

Röntgenfluoreszenz könnte neue Diagnosemöglichkeiten in der Medizin eröffnen

Ein Präzisions-Röntgenverfahren soll Krebs früher erkennen sowie die Entwicklung und Kontrolle von Medikamenten verbessern können. Wie ein Forschungsteam unter...

Im Focus: Ein Chip mit echten Blutgefäßen

An der TU Wien wurden Bio-Chips entwickelt, in denen man Gewebe herstellen und untersuchen kann. Die Stoffzufuhr lässt sich dabei sehr präzise dosieren.

Menschliche Zellen in der Petrischale zu vermehren, ist heute keine große Herausforderung mehr. Künstliches Gewebe herzustellen, durchzogen von feinen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Kalikokrebse: Erste Fachtagung zu hochinvasiver Tierart

16.11.2018 | Veranstaltungen

Können Roboter im Alter Spaß machen?

14.11.2018 | Veranstaltungen

Tagung informiert über künstliche Intelligenz

13.11.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Mikroplastik in Kosmetik

16.11.2018 | Studien Analysen

Neue Materialien – Wie Polymerpelze selbstorganisiert wachsen

16.11.2018 | Materialwissenschaften

Anomale Kristalle: ein Schlüssel zu atomaren Strukturen von Schmelzen im Erdinneren

16.11.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics