Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Nachwuchs bei europäischen Stören wäre eine Sensation

20.03.2006


In diesem Störweibchen (Codenummer 81EF) reifen Eier heran. Foto: Frank Kirschbaum / IGB


Forscher des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin hoffen auf Nachwuchs bei den Europäischen Stören. Eine Gewebeprobe hat ergeben, dass in einem der Europäischen Störe am IGB bereits Eier heranreifen. Es wäre das erste Mal seit mehr als zehn Jahren, wenn die künstliche Vermehrung klappt.

... mehr zu:
»Eier »IGB »Stör »Weibchen

Männchen oder Weibchen? Bei den meisten Tieren ist die Frage allein durch Anschauen zu klären, doch bei Stören gibt es ein Problem: "Die Tiere haben keine äußeren Geschlechtsmerkmale", sagt Frank Kirschbaum. Der Professor am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) ist Herr über eine Population von 18 Europäischen Stören (Acipenser sturio), die seit 1996 am IGB schwimmen. Die ganze Zeit über wusste Kirschbaum nichts über das Geschlechterverhältnis seiner Fische. Ende 2005 war es dann so weit: Die Wissenschaftler entnahmen den mehr als einen Meter lang gewordenen Fischen Gewebeproben, um das Geschlecht feststellen zu können. Dabei erlebten sie eine Riesenüberraschung: Sie fanden fast reife Eier in einem der Fische. "Das war für mich wie ein Weihnachtsgeschenk", erinnert sich Kirschbaum.

Auch das Ergebnis der anderen Biopsien war erfreulich: "Wir testeten die elf größten unserer Fische und ermittelten fünf Weibchen und sechs reifende Männchen", berichtet Kirschbaum. Beste Voraussetzungen also für den Aufbau einer Zucht dieser vom Aussterben bedrohten Riesenfische. Doch bis es Nachwuchs gibt, sind noch viele Fragen zu klären. So wissen die Forscher nicht, wann die Bildung der Eier, die so genannte Vitellogenese, bei dem Weibchen angefangen hat. Sie können daher auch nur sehr grob abschätzen, wann die Eier reif sind - "Ende des Jahres vielleicht", sagt Kirschbaum.


Der Bestand am IGB stammt aus Frankreich, wo es an der Gironde eine letzte kleine Population in freier Wildbahn gibt. Die Tiere, die mehr als vier Meter lang werden können, waren noch vor hundert Jahren in vielen Zuflüssen der Nordsee und des östlichen Atlantiks, des Mittelmeers und des Schwarzen Meers heimisch. Überfischung und die Zerstörung der Laichplätze in den Flüssen haben den Europäischen Stör jedoch nahezu flächendeckend ausgerottet.

Daher ist es nicht nur Kirschbaums Team am IGB, das auf einen Zuchterfolg aus dem Bestand am Müggelsee wartet. Experten aus ganz Europa blicken gespannt nach Berlin. "Wir kooperieren mit Kollegen aus Frankreich, Italien, Spanien, den Niederlanden und aus Polen", sagt Kirschbaum. "Unsere französischen Partner und wir sind allerdings die einzigen, die Acipenser sturio vermehren könnten." 1995 war es Wissenschaftlern an der Gironde gelungen, Eier eines Weibchens zu befruchten und aus den Larven kleine Störe aufzuziehen. 1996 kamen vierzig dieser Jungfische ans IGB, was auch den Beginn des aktuellen Vorhabens mit Förderung durch das Bundesforschungsministerium (BMBF) und das Bundesamt für Naturschutz (BfN) markierte. Leider waren trotz aller Bemühungen zur Optimierung der Haltung einige Verluste in den Beständen zu beklagen. Und auch in Frankreich ist seither keine Nachzucht mehr gelungen. Vor diesem Hintergrund ist die Freude Kirschbaums über das "schwangere" Weibchen nur zu verständlich.

Freilich, bei seinem Projekt geht es um mehr als die Nachzucht einer extrem bedrohten Art. "Wir haben es mit einigen sehr interessanten biologischen Fragestellungen zu tun", erläutert der Fischexperte. Das fängt schon bei der ursprünglichen Verbreitung der riesigen Fische an. Ähnlich wie Lachse wandern die Störe zwischen Flüssen und Ozeanen. In Kanada gibt es noch Bestände, die kommerziell befischt werden. Dabei handelt es sich jedoch um eine Art als die, die früher in Nord- und Ostsee vorkam, nämlich um den Amerikanischen Atlantischen Stör Acipenser oxyrinchus.

Es waren Arbeiten am IGB, die vor wenigen Jahren aufklärten, dass A. oxyrinchus bereits im Mittelalter seine europäischen Verwandten aus der Ostsee verdrängt hatte. Für die Pläne zur Wiederansiedlung bedeutete diese Erkenntnis eine Neuorientierung: In die Zuflüsse der Ostsee könnten nun die leichter zu beschaffenden Amerikanischen Atlantischen Störe eingesetzt werden, dagegen würde man für die Nordsee weiterhin an der Zucht und Wiedereinbürgerung von A. sturio arbeiten.

Ganz so klar ist der Fall allerdings für Kirschbaum nicht. "Es gibt neuere Ergebnisse, die zeigen, dass beide Arten in der Ostsee gemeinsam existierten und sich dort sogar vermischten." Die Frage nach der Art und Weise, wie es zu der Verdrängung der A. sturio in der Ostsee kam, ist derzeit Gegenstand weiterer Untersuchungen in Zusammenarbeit mit der Universität Potsdam.

Ein erster experimenteller Besatz mit Jungfischen von A. oxyrinchus wird im April 2006 in der Oder erfolgen. Die Fische werden mit Sendern versehen, um eine Verfolgung zu ermöglichen, in deren Rahmen die Nutzung der Lebensräume und die Risikofaktoren für die Fische bestimmt werden sollen. Dies geschieht im Rahmen eines Projektes, das vom BMBF und vom BfN gefördert wird. Ob daraus jedoch später ein Massenbesatz wird, hängt von den Ergebnissen der laufenden Untersuchungen ab.

Die Wissenschaftler am IGB forschen derzeit zu grundlegenden Fragestellungen der Reproduktionsphysiologie der Störe in einem BMBF-Vorhaben. Bevor jedoch an einen Besatz mit A. sturio zu denken ist, muss das Weibchen am IGB zum Laichen gebracht werden. Ein erster Schritt zur erfolgreichen Reproduktion ist bereits getan: Die ersten Männchen in Berlin sind geschlechtsreif. "Sie warten schon auf ihren Einsatz", sagt Prof. Kirschbaum lachend. jz

Weitere Informationen Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei
Prof. Dr. Frank Kirschbaum
Tel.: 030 / 6 41 81-610
Mail: fkirschb@igb-berlin.de

Josef Zens | idw
Weitere Informationen:
http://www.igb-berlin.de
http://www.fv-berlin.de

Weitere Berichte zu: Eier IGB Stör Weibchen

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Diagnostik für alle
14.10.2019 | Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung

nachricht Inaktiver Rezeptor macht Krebs-Immuntherapien wirkungslos
14.10.2019 | Technische Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Neuer Werkstoff für den Bootsbau

Um die Entwicklung eines Leichtbaukonzepts für Sportboote und Yachten geht es in einem Forschungsprojekt der Technischen Hochschule Mittelhessen. Prof. Dr. Stephan Marzi vom Gießener Institut für Mechanik und Materialforschung arbeitet dabei mit dem Bootsbauer Krake Catamarane aus dem thüringischen Apolda zusammen. Internationale Kooperationspartner sind Prof. Anders Biel von der schwedischen Universität Karlstad und die Firma Lamera aus Göteborg. Den Projektbeitrag der THM fördert das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie im Rahmen des Zentralen Innovationsprogramms Mittelstand mit 190.000 Euro.

Im modernen Bootsbau verwenden die Hersteller als Grundmaterial vorwiegend Duroplasten wie zum Beispiel glasfaserverstärkten Kunststoff. Das Material ist...

Im Focus: Novel Material for Shipbuilding

A new research project at the TH Mittelhessen focusses on the development of a novel light weight design concept for leisure boats and yachts. Professor Stephan Marzi from the THM Institute of Mechanics and Materials collaborates with Krake Catamarane, which is a shipyard located in Apolda, Thuringia.

The project is set up in an international cooperation with Professor Anders Biel from Karlstad University in Sweden and the Swedish company Lamera from...

Im Focus: Controlling superconducting regions within an exotic metal

Superconductivity has fascinated scientists for many years since it offers the potential to revolutionize current technologies. Materials only become superconductors - meaning that electrons can travel in them with no resistance - at very low temperatures. These days, this unique zero resistance superconductivity is commonly found in a number of technologies, such as magnetic resonance imaging (MRI).

Future technologies, however, will harness the total synchrony of electronic behavior in superconductors - a property called the phase. There is currently a...

Im Focus: Ultraschneller Blick in die Photochemie der Atmosphäre

Physiker des Labors für Attosekundenphysik haben erkundet, was mit Molekülen an den Oberflächen von nanoskopischen Aerosolen passiert, wenn sie unter Lichteinfluss geraten.

Kleinste Phänomene im Nanokosmos bestimmen unser Leben. Vieles, was wir in der Natur beobachten, beginnt als elementare Reaktion von Atomen oder Molekülen auf...

Im Focus: Wie entstehen die stärksten Magnete des Universums?

Wie kommt es, dass manche Neutronensterne zu den stärksten Magneten im Universum werden? Eine mögliche Antwort auf die Frage nach der Entstehung dieser sogenannten Magnetare hat ein deutsch-britisches Team von Astrophysikern gefunden. Die Forscher aus Heidelberg, Garching und Oxford konnten mit umfangreichen Computersimulationen nachvollziehen, wie sich bei der Verschmelzung von zwei Sternen starke Magnetfelder bilden. Explodieren solche Sterne in einer Supernova, könnten daraus Magnetare entstehen.

Wie entstehen die stärksten Magnete des Universums?

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Dezember 2019

14.10.2019 | Veranstaltungen

10. Weltkonferenz der Ecosystem Services Partnership an der Leibniz Universität Hannover

14.10.2019 | Veranstaltungen

Bildung.Regional.Digital: Tagung bietet Rüstzeug für den digitalen Unterricht von heute und morgen

10.10.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

»Switch2Save«: Intelligente Fenster und Glasfassaden durch neuartige Schaltungstechnik

15.10.2019 | Architektur Bauwesen

Mittelstädte wachsen nicht nur im Süden

15.10.2019 | Gesellschaftswissenschaften

Technologiemodul senkt Ausschussrate von Mikrolinsen auf ein Minimum

14.10.2019 | Informationstechnologie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics