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Gen für Verfolgungswahn identifiziert

08.11.2005


Auch wenn nach gängiger Lehrmeinung Schizophrenie, manisch-depressive (bipolare) Erkrankung, Depression und Angststörungen unterschiedliche Erkrankungen darstellen, zeigen sich im klinischen Alltag zum Teil sehr große Überlappungen der Symptome. Aus großen Familienstudien gibt es zudem Hinweise auf eine Überlappung auf genetischer Ebene. So finden sich unter den Angehörigen eines an Schizophrenie Erkrankten nicht nur gehäuft ebenso an Schizophrenie Erkrankte sondern auch eine Häufung von Angehörigen mit Depressionen und bipolarer Erkrankung.



Wissenschaftler um Marcella Rietschel vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim konnten in Kooperation mit der Arbeitsgruppe von Markus M. Nöthen und Peter Propping von der Universität Bonn diese Überlappung zwischen Schizophrenie und bipolarer Erkrankung auf molekulargenetischer Ebene erstmalig näher beschreiben.

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Seit längerem ist bekannt, dass psychiatrische Erkrankungen wie Schizophrenie, bipolare Erkrankung, Depression und Angststörungen eine starke erbliche Grundlage haben. Allerdings erkranken nicht nur Personen mit einer familiären Belastung. Diese Krankheiten können jeden treffen, da sie durch ein Zusammenspiel unterschiedlicher Gene mit Umweltfaktoren entstehen. Auf Grund ihres häufigen Vorkommens werden sie auch als Volkskrankheiten bezeichnet. So erkranken ca. 1-2% aller Menschen im Laufe ihres Lebens an einer Schizophrenie oder bipolarer Erkrankung und bis zu 20% an einer Depression oder Angsterkrankung. Diese Erkrankungen, die meist schubweise und oftmals chronisch verlaufen, verursachen bei den Betroffenen großes Leid und sind auch von immenser volkswirtschaftlicher Bedeutung.

Charakteristisch für das Krankheitsbild der Schizophrenie ist das gehäufte Auftreten von Wahnvorstellungen und Trugwahrnehmungen (Halluzinationen), die bipolare Erkrankung ist durch einen Wechsel zwischen Phasen depressiver und gehobener/gereizter Stimmung gekennzeichnet. Aber auch bei der Schizophrenie treten häufig Phasen von Depression und Angst auf, und bei bipolaren Erkrankung sind Wahnvorstellungen in bis zu 50% der Fälle vorhanden. Aus großen Familienstudien gibt es zudem Hinweise auf eine Überlappung auf genetischer Ebene. So finden sich unter den Angehörigen eines an Schizophrenie Erkrankten nicht nur gehäuft ebenso an Schizophrenie Erkrankte sondern auch eine Häufung von Angehörigen mit Depressionen und bipolarer Erkrankung.

Die Forscher aus Mannheim und Bonn konzentrierten sich bei ihren Untersuchungen auf das Gen G72/G30, das sie als Risikogen sowohl bei schizophren als auch bipolar Erkrankten gefunden hatten.

"Durch eine systematische intensive Analyse der von den Patienten beschriebenen klinischen Symptome konnten wir herausfinden, dass der Zusammenhang, der auch genetische Assoziation genannt wird, zwischen bestimmten Varianten des Gens G72/G30 und der bipolaren Erkrankung fast ausschließlich auf ein Symptom zurückzuführen ist, nämlich den Verfolgungswahn", erklärt Thomas G. Schulze aus Rietschels Abteilung.

Verfolgungswahn, landläufig auch als Paranoia bezeichnet, ist eines der Kernsymptome der Schizophrenie. Dass dieses Symptom nun für die genetische Assoziation mit der bipolaren Erkrankung verantwortlich ist, sei ein starker Hinweis auf die genetische Überlappung beider Erkrankungen, so Schulze weiter. Laut Nöthen gebe die genaue Funktionsweise dieses Gens Forschern noch große Rätsel auf: " Wir wissen zumindest, dass dieses Gen nur bei Primaten vorkommt."

"Diese Studie bestätigt erstmals auf molekularer Ebene, was wir Psychiater längst aus unserer klinischen Erfahrung wissen, nämlich, dass sich Patienten nicht in ein Diagnoseschema pressen lassen, welches scharf zwischen Erkrankungen trennt", resümiert Rietschel. "Die genaue Beobachtung der von den Patienten geschilderten Symptome wird in Zukunft die Voraussetzung für eine erfolgreiche Entschlüsselung der molekulargenetischen Grundlagen psychischer Erkrankungen sein. Wenn wir diese Grundlagen kennen, werden wir in der Lage sein, individuelle Therapieansätze zu entwickeln."

Die Studie ist in der Novemberausgabe des Fachjournals American Journal of Psychiatry (162:2101-2108; http://ajp.psychiatryonline.org) veröffentlicht worden.

Das Projekt wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, das Bundesministerium für Bildung und Forschung, die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, sowie die National Alliance for Research on Schizophrenia and Depression (USA) unterstützt.

Marcella Rietschel ist Professorin der Rupprecht-Karls-Universität Heidelberg und Leiterin der Ab-teilung für Genetische Epidemiologie in der Psychiatrie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim.

Markus Nöthen ist Inhaber des Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Lehrstuhls für Genetische Medizin. Das Life & Brain Zentrum ist ein neues Forschungszentrum des Universitätsklinikums Bonn, das sich mit modernsten Technologien der anwendungsnahen Ursachenforschung von Krankheiten widmet.

Kontakt für Anfragen:

Dr. med. Marina Martini, M.Sc.
Referat Öffentlichkeitsarbeit
Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim J 5, 68159 Mannheim
Fon: 0621/1703-1301, -1302
Fax: 0621/1703-1305
E-Mail: martini@zi-mannheim.de

Dr. med Marina Martini | idw
Weitere Informationen:
http://www.zi-mannheim.de
http://ajp.psychiatryonline.org

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