Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neue Atemwegs-Viren sind aggressiver als gedacht

04.08.2005


Virale Atemwegsinfekte gehören zu den häufigsten Erkrankungen bei Kleinkindern. Gerade bei Frühgeborenen oder immungeschwächten Patienten bleibt es oft nicht bei einem harmlosen Husten, sondern die Viren können auch auf die Lunge übergreifen - mitunter mit lebensbedrohlichen Folgen. In den letzten Jahren wurden mehrere neue Viren identifiziert, die Atemwegserkrankungen auslösen können. Mediziner und Biologen der Universitäten Bonn und Essen versuchen nun herauszufinden, wie gefährlich die neu entdeckten Erreger sind. Anders als ursprünglich gedacht, scheinen sie hinsichtlich ihrer Aggressivität den altbekannten Atemwegs-Viren in nichts nachzustehen.



Vor vier Jahren entdeckte ein Mediziner-Team aus Holland ein bis dahin unbekanntes Virus, das die Atemwege infizieren kann. Nach aktuellen Schätzungen ist das "Humane Metapneumovirus" (HMPV) für jeden fünften Atemwegsinfekt bei Säuglingen und Kleinkindern verantwortlich. Wirklich "neu" ist der Erreger aber nicht: Inzwischen wurde er bereits in 50 Jahre alten Patientenproben nachgewiesen. "Das Problem bei unbekannten Viren ist, dass man häufig einfach nicht weiß, wonach man suchen muss", erklärt der Bonner Virologe Dr. Oliver Schildgen. "Man findet nur, was man schon kennt."



Bei nahezu jedem zweiten Patienten mit einem Atemwegsinfekt fahndeten die Mediziner daher bislang vergeblich nach dem Erreger. Das HMPV schließt diese Lücke nur zum Teil: In mindestens 20 Prozent aller Fälle ist die Krankheitsursache nach wie vor unklar. Das erschwert einerseits die Therapie: "Wenn der Arzt den Erreger nicht kennt, versucht er es zunächst häufig mit einem Antibiotikum", weiß Dr. Arne Simon vom Bonner Zentrum für Kinderheilkunde. "Gegen Viren helfen Antibiotika nicht. Der unbedachte Einsatz kann jedoch dazu führen, dass gefährliche Bakterien resistent werden."

Gefahr von Mehrfachinfektionen

In Krankenhäusern birgt die Wissenslücke noch eine zusätzliche Gefahr: "Normalerweise werden stationäre Patienten mit gefährlichen Infektionskrankheiten isoliert, damit sie nicht andere Kranke anstecken", erläutert Dr. Simon. "Wenn man nun einfach alle Patienten mit Atemwegs-Erkrankungen ohne Erregernachweis zusammenlegt, können sie sich gegenseitig infizieren."

Die Projektpartner wollen daher unter anderem eine schnelle und einfache Diagnose-Methode für das HMPV entwickeln. Dazu sammeln die Bonner Kinderärzte Proben von ihren jungen Patienten und dokumentieren den Krankheitsverlauf. Ein Antikörpertest, den die Bonner und Essener Virologen entwickeln wollen, soll Aufschluss über den jeweiligen Erreger geben. "Wir wollen so herausfinden, wie häufig Infektionen mit dem HMPV wirklich sind und wie gefährlich sie verlaufen", sagt Oliver Schildgen. "Ein Fernziel ist natürlich auch die Entwicklung schlagkräftiger Medikamente." In den nächsten zwei Jahren fördert die Else-Kröner-Fresenius-Stiftung das Projekt mit insgesamt rund 160.000 Euro.

Keine harmlose Erkältung

Wer Atemwegsinfekte als harmlose Erkältung abtut, unterschätzt die Gefahr, die von den Erregern ausgehen kann: Vor allem bei Kleinkindern, deren Immunsystem noch nicht so "fit" ist wie bei Erwachsenen, können Atemwegsinfekte wie z.B. die vom Influenzavirus ausgelöste Grippe einen dramatischen Verlauf nehmen; "das geht bis zum Lungenversagen", erklärt Arne Simon. Besonders gefährdet sind Frühgeborene, AIDS-Kranke oder Krebspatienten, deren Immunsystem durch eine Chemotherapie geschwächt ist, aber auch ältere Patienten. "An Unikliniken, die ja vor allem Schwerkranke behandeln, gehören bis zu 40 Prozent aller Patienten zu einer der Risikogruppen", betont der Mediziner. Auch das HMP-Virus scheint nach einer Bonner Studie aggressiver als zunächst erwartet: "Schwere Verläufe sind vielleicht sogar häufiger als bei einem weiteren wichtigen Erreger von Atemwegserkrankungen, dem so genannten RS-Virus", fasst Dr. Schildgen die Ergebnisse zusammen.

Inzwischen haben die Bonner einen weiteren HMPV-Subtyp gefunden, den sie ebenfalls genauer untersuchen wollen. Ihr besonderes Augenmerk gilt aber einem Virus, das erst im April 2004 ebenfalls in den Niederlanden entdeckt wurde. Wie viele Krankheitsfälle jährlich auf sein Konto gehen, ist noch unbekannt; auch spricht nichts für eine extreme Aggressivität. Die Forscher ließ jedoch aufhorchen, dass der neue Erreger zu den so genannten Coronaviren gehört - die SARS-Epidemie wurde ebenfalls von einem Coronavirus ausgelöst.

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de

Weitere Berichte zu: Atemwegs-Viren Atemwegsinfekt HMPV Kleinkind Virus

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Neues aus der Schaltzentrale
18.07.2018 | Karl-Franzens-Universität Graz

nachricht Chemische Waffe durch laterale Gen-Übertragung schützt Wollkäfer gegen schädliche Pilze
18.07.2018 | Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Superscharfe Bilder von der neuen Adaptiven Optik des VLT

Das Very Large Telescope (VLT) der ESO hat das erste Licht mit einem neuen Modus Adaptiver Optik erreicht, die als Lasertomografie bezeichnet wird – und hat in diesem Rahmen bemerkenswert scharfe Testbilder vom Planeten Neptun, von Sternhaufen und anderen Objekten aufgenommen. Das bahnbrechende MUSE-Instrument kann ab sofort im sogenannten Narrow-Field-Modus mit dem adaptiven Optikmodul GALACSI diese neue Technik nutzen, um Turbulenzen in verschiedenen Höhen in der Erdatmosphäre zu korrigieren. Damit ist jetzt möglich, Bilder vom Erdboden im sichtbaren Licht aufzunehmen, die schärfer sind als die des NASA/ESA Hubble-Weltraumteleskops. Die Kombination aus exquisiter Bildschärfe und den spektroskopischen Fähigkeiten von MUSE wird es den Astronomen ermöglichen, die Eigenschaften astronomischer Objekte viel detaillierter als bisher zu untersuchen.

Das MUSE-Instrument (kurz für Multi Unit Spectroscopic Explorer) am Very Large Telescope (VLT) der ESO arbeitet mit einer adaptiven Optikeinheit namens GALACSI. Dabei kommt auch die Laser Guide Stars Facility, kurz ...

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Im Focus: Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

„Wir haben jetzt ein klares Bild davon, wie das heiße Atomgitter und die kalten magnetischen Spins eines ferrimagnetischen Nichtleiters miteinander ins Gleichgewicht gelangen“, sagt Ilie Radu, Wissenschaftler am Max-Born-Institut in Berlin. Das internationale Forscherteam fand heraus, dass eine Energieübertragung sehr schnell stattfindet und zu einem neuartigen Zustand der Materie führt, in dem die Spins zwar heiß sind, aber noch nicht ihr gesamtes magnetisches Moment verringert haben. Dieser „Spinüberdruck“ wird durch wesentlich langsamere Prozesse abgebaut, die eine Abgabe von Drehimpuls an das Gitter ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt in "Science Advances" erschienen.

Magnete faszinieren die Menschheit bereits seit mehreren tausend Jahren und sind im Zeitalter der digitalen Datenspeicherung von großer praktischer Bedeutung....

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Innovation – the name of the game

18.07.2018 | Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

Interdisziplinäre Konferenz: Diabetesforscher und Bioingenieure diskutieren Forschungskonzepte

13.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vernetzte Beleuchtung: Weg mit dem blinden Fleck

18.07.2018 | Energie und Elektrotechnik

BIAS erhält Bremens größten 3D-Drucker für metallische Luffahrtkomponenten

18.07.2018 | Verfahrenstechnologie

Verminderte Hirnleistung bei schwachem Herz

18.07.2018 | Medizin Gesundheit

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics