Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Goldmedaille für physikalische Experimente an biologischen Molekülen

16.08.2001


International EPR Society ehrt FU-Physiker Prof. Klaus Möbius am Dienstag, dem 21. August 2001.


Prof. Dr. Klaus Möbius



Mit Mikrowellen hat wohl jeder hin und wieder zu tun: um ein Fertiggericht zu erwärmen oder die Reste vom Vortag. Eingesetzt werden Mikrowellen aber nicht nur in der Küche sondern auch in ganz anderen Bereichen, z.B. bei der Funknavigation. Für militärische Anwendungen wurde diese Technik im Kalten Krieg immer weiter perfektioniert. Da die präzise Steuerung von Raketen und Abwehrsystemen extrem hochfrequente Mikrowellen erfordert, entwickelten Experten sowohl in der Sowjetunion als auch in den USA die notwendigen Mikrowellengeneratoren: Bauteile, von denen zivile Forscher nur träumen konnten. Aber die militärischen Entwicklungen blieben streng geheim. Erst nachdem der Eiserne Vorhang gefallen war, war es möglich, an diese Grenztechnologien heranzukommen. Eine solche Technologie ist das "Orotron" aus Russland: eine Strahlungsquelle, die 360 Gigaherz Mikrowellen erzeugt. Der Experimentalphysiker Prof. Dr. Klaus Möbius von der Freien Universität Berlin arbeitet heute mit "Orotron". Er allerdings setzt es für ganz zivile Zwecke ein. Mit seinen Mitarbeitern untersucht Prof. Möbius die Prozesse, die bei der Photosynthese ablaufen sowie bei der Reparatur von Strahlenschäden an der DNA mittels des Enzyms DNA-Photolyase. Dazu hat er die Methoden der elektronenparamagnetischen Resonanz, kurz EPR, bis an die Grenze des technisch machbaren ausgereizt - eine Leistung, für die ihm die International EPR Society nun ihre höchste Auszeichnung, die Gold Medal, verleiht. Die Preisverleihung findet am Dienstag, dem 21. August 2001, anlässlich der Tagung der International Society of Magnetic Resonance in Rhodos/Griechenland statt.



Die EPR nutzt die Tatsache aus, dass sich ein einzelnes Elektron wie ein kleiner Magnet verhält und sich ähnlich einer Kompassnadel parallel zu einem äußeren Magnetfeld ausrichtet. Prinzipiell kann es sich auch genau entgegengesetzt zum äußeren Magnetfeld orientieren. Um von der parallelen in die antiparallele Ausrichtung zu wechseln, benötigt das Elektron Energie, die ihm durch geeignete Mikrowellen zugeführt werden kann: Je größer das äußere Magnetfeld desto mehr Energie kostet die Umorientierung und desto höher muß die Frequenz der Mikrowelle sein. Klaus Möbius benötigt in seinen Experimenten äußerst starke Magnetfelder, wie sie nur mit supraleitenden Magneten erzeugt werden können, und entsprechend extrem hochfrequente Mikrowellen. Bei den EPR-Experimenten setzt man die Probe einer Mikrowelle mit fester Frequenz aus und beobachtet, welche Magnetfeldstärke genau "passt", so dass die Elektronen von einer Ausrichtung in die andere wechseln können. Diese Situation wird als paramagnetische Resonanz bezeichnet. Allerdings kann die EPR nur eingesetzt werden, wenn die Proben ungepaarte Elektronen enthalten, das sind Elektronen, die in dem untersuchten System solitär - ohne ein "Partner"elektron existieren.

Die Arbeitsgruppe Möbius untersucht große Proteinkomplexe, in denen Photosynthese oder ähnliche Prozesse ablaufen. Die Messungen beginnen mit einem kurzen Laser-Lichtblitz, der in den Molekülkomplexen die entsprechenden Prozesse auslöst. Im Fall der Photosynthese wird das Licht von "Chlorophyllantennen" eingefangen und in das Reaktionszentrum des Photosynthesekomplexes weitergeleitet. Hier lösen die Lichtquanten eine Reaktionskaskade aus, in der Elektronen über die Zellmembran transportiert werden und sie dadurch wie einen Akku aufladen. Diese Reaktionen laufen in einer Reihe von molekularen Untereinheiten ab, entlang derer der Ladungstransport stattfindet. Bei diesen Zwischenschritten entstehen Zustände mit ungepaarten Elektronen, mit denen sich in den EPR-Experimenten die Prozesse bei der Photosynthese verfolgen lassen: "Ein Elektron ist wie eine Sonde, die über das ganze Molekül läuft und abtastet, welche kleinen molekularen Magnetfelder von den Atomkernen dort sind und wie sie sich verändern, wenn z.B. ein Molekül mit seinem Nachbarmolekül reagiert und dadurch seinen elektromagnetischen Zustand verändert", erklärt Klaus Möbius.

Da sich bei der EPR das von außen angelegte Magnetfeld und die zusätzlichen molekularen Felder addieren, variiert man das äußere Feld und beobachtet, wann eine Resonanz auftritt. "Als Ergebnis der Messung erhält man ein Spektrum, und dieses Spektrum spiegelt die Struktur der Anordnung von Kernen und Elektronen in solch einem biologischen Molekül wider." Damit lassen sich aber noch nicht die einzelnen Schritte bei dem Elektronentransport zeitlich verfolgen, sie dauern teilweise nicht länger als eine Nanosekunde (in einer Nanosekunde bewegt sich ein Düsenjäger, der mit einer Geschwindigkeit von 3.000 km/h fliegt, knapp den Tausendstel Teil eines Millimeters vorwärts). Daher wenden Möbius und seine Mitarbeiter verschiedene Techniken an, bei denen ein festes Magnetfeld von außen angelegt wird und ein extrem kurzer Mikrowellenpuls eingestrahlt wird. Er zwingt die magnetischen Momente kurzzeitig in eine Ordnung, die anschließend gleich wieder zerfällt. Diesen Zerfall studieren die Wissenschaftler bei Tausenden von Experimenten mit schrittweise verändertem Magnetfeld und setzen die Ergebnisse zu einem dreidimensionalen Bild zusammen. Dieses verrät ihnen Einzelheiten über die Prozesse, die bei dem Elektronentransport ablaufen, z.B. welche Moleküle dabei miteinander reagieren und welche Zwischenprodukte entstehen.

Ähnliche Experimente führt die Gruppe Möbius an dem Enzym DNA-Photolyase durch, welches im Körper besonders stark durch UV-Strahlung gefährdeter Tiere gebildet wird, beispielsweise neugeborener Känguruhs oder kleiner durchsichtiger Fische. Es ermöglicht eine sehr effiziente Reparatur von UV-Schäden an der DNA, bei denen zwei gegenüberliegende Basen an dem DNA-Strang sich zu einem Doppelmolekül verbunden haben. Die Wirkungsweise der DNA-Reparatur durch die Photolyase beruht ebenfalls auf der Absorption von Lichtenergie und dem Transport eines Elektrons, welches die fehlerhafte Bindung wieder aufspaltet.

Wenn die einzelnen Schritte bei der Photosynthese und der DNA-Reparatur genau verstanden sein werden, wird es vielleicht möglich sein, künstliche biologische Photozellen herzustellen bzw. diesen effizienten DNA-Reparaturmechanismus durch neuentwickelte Medikamente auch beim Menschen auszulösen.

Die Beobachtung der unglaublich schnellen Prozesse gelang Möbius erst, indem er die EPR-Techniken weiterentwickelte und optimierte. Mit am längsten und mühsamsten war dabei, die Kontakte zu den russischen Partnern aufzubauen und zu pflegen, um deren Wissen über die Konstruktion der notwendigen Mikrowellenbauteile nutzen zu können. "Vor zehn Jahren wären diese Experimente noch völlig undenkbar gewesen, man hätte davon träumen, aber sie nicht realisieren können. Das ist unser ziviler Spin-Off vom Ende des Kalten Krieges."


Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:
Prof. Dr. Klaus Möbius, Institut für Experimentalphysik der Freien Universität Berlin, Arnimallee 14, 14195 Berlin, Tel.: 030 / 838-52770, Fax: 838-56046, E-Mail: klaus.moebius@physik.fu-berlin.de

Gabriele André | idw

Weitere Berichte zu: Elektron Magnetfeld Mikrowelle Molekül Photosynthese

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Risikofaktor für Darmkrebs entschlüsselt
13.07.2018 | Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung

nachricht Algen haben Gene fürs Landleben
13.07.2018 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Im Focus: First evidence on the source of extragalactic particles

For the first time ever, scientists have determined the cosmic origin of highest-energy neutrinos. A research group led by IceCube scientist Elisa Resconi, spokesperson of the Collaborative Research Center SFB1258 at the Technical University of Munich (TUM), provides an important piece of evidence that the particles detected by the IceCube neutrino telescope at the South Pole originate from a galaxy four billion light-years away from Earth.

To rule out other origins with certainty, the team led by neutrino physicist Elisa Resconi from the Technical University of Munich and multi-wavelength...

Im Focus: Magnetische Wirbel: Erstmals zwei magnetische Skyrmionenphasen in einem Material entdeckt

Erstmals entdeckte ein Forscherteam in einem Material zwei unabhängige Phasen mit magnetischen Wirbeln, sogenannten Skyrmionen. Die Physiker der Technischen Universitäten München und Dresden sowie von der Universität zu Köln können damit die Eigenschaften dieser für Grundlagenforschung und Anwendungen gleichermaßen interessanten Magnetstrukturen noch eingehender erforschen.

Strudel kennt jeder aus der Badewanne: Wenn das Wasser abgelassen wird, bilden sie sich kreisförmig um den Abfluss. Solche Wirbel sind im Allgemeinen sehr...

Im Focus: Neue Steuerung der Zellteilung entdeckt

Wenn eine Zelle sich teilt, werden sämtliche ihrer Bestandteile gleichmässig auf die Tochterzellen verteilt. UZH-Forschende haben nun ein Enzym identifiziert, das sicherstellt, dass auch Zellbestandteile ohne Membran korrekt aufgeteilt werden. Ihre Entdeckung eröffnet neue Möglichkeiten für die Behandlung von Krebs, neurodegenerative Krankheiten, Alterungsprozessen und Virusinfektionen.

Man kennt es aus der Küche: Werden Aceto balsamico und Olivenöl miteinander vermischt, trennen sich die beiden Flüssigkeiten. Runde Essigtropfen formen sich,...

Im Focus: Magnetic vortices: Two independent magnetic skyrmion phases discovered in a single material

For the first time a team of researchers have discovered two different phases of magnetic skyrmions in a single material. Physicists of the Technical Universities of Munich and Dresden and the University of Cologne can now better study and understand the properties of these magnetic structures, which are important for both basic research and applications.

Whirlpools are an everyday experience in a bath tub: When the water is drained a circular vortex is formed. Typically, such whirls are rather stable. Similar...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Interdisziplinäre Konferenz: Diabetesforscher und Bioingenieure diskutieren Forschungskonzepte

13.07.2018 | Veranstaltungen

Conference on Laser Polishing – LaP: Feintuning für Oberflächen

12.07.2018 | Veranstaltungen

Materialien für eine Nachhaltige Wasserwirtschaft – MachWas-Konferenz in Frankfurt am Main

11.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Interdisziplinäre Konferenz: Diabetesforscher und Bioingenieure diskutieren Forschungskonzepte

13.07.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Maschinelles Lernen: Neue Methode ermöglicht genaue Extrapolation

13.07.2018 | Informationstechnologie

Fachhochschule Südwestfalen entwickelt innovative Zinklamellenbeschichtung

13.07.2018 | Materialwissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics