Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Der mit der langen Nase und den schwangeren Männchen

01.06.2005


Nasenfrösche leben in Chile und wurden vor etwa 170 Jahren schon von dem berühmten Naturforscher Charles Darwin gesammelt. Doch sind die merkwürdigen Amphibien, die ihre Jungen im Maul "ausbrüten", inzwischen selten geworden. Der Tübinger Zoologe Mirco Solé hat nun kürzlich bei einer eigens anberaumten Suchexpedition eine einzige Nasenfrosch-Population entdeckt. Er befürchtet, dass die Art bald aussterben könnte.


Von einer Suchexpedition nach dem seltenen Darwin-Frosch in Chile

Der britische Naturforscher Charles Darwin ist durch die Entwicklung einer ersten Theorie zur Evolution bekannt geworden. Doch diesen theoretischen Erkenntnissen ging eine jahrelange Forschungsexpedition unter anderem zu den Kapverdischen Inseln, den Galapagos-Inseln und den südamerikanischen Küsten voraus, bei der er umfangreiche Sammlungen verschiedenster Arten anlegte. Zum Beispiel ist bekannt, dass Darwin im Süden von Chile einen Frosch mit einer auffallend langen Nase gefunden hat. Dieser erhielt ihm zu Ehren später den Name Rhinoderma darwinii - Darwin-Frosch. Eine weitere Nasenfrosch-Art wurde vor etwas 100 Jahren als Rhinoderma rufum beschrieben. Während der Darwin-Frosch heute sehr selten geworden ist, gilt Rhinoderma rufum mittlerweile als verschollen. Daher hat sich Mirco Solé vom Zoologischen Institut der Universität Tübingen, der Mitarbeiter am Brasilien-Zentrum ist, zu Beginn dieses Jahres auf eine Suchexpedition nach den markanten Fröschen begeben - hauptsächlich finanziert von der Zoologischen Gesellschaft für Arten- und Populationsschutz (ZGAP) in Bonn. Und in den letzten Tagen seines zweimonatigen Aufenthalts in Chile hat er schließlich doch noch Erfolg gehabt: in einem Naturschutzpark entdeckte er ein ganzes Völkchen der Darwin-Frösche.


Mirco Solé, der bereits seit 1998 an Fröschen in Südamerika forscht, ist ein geübter Beobachter. Allerdings sind die Nasenfrösche nur etwa drei Zentimeter groß und leben versteckt in der Bodenstreu unter Bäumen. "Sie sind nicht immer froschgrün, sondern häufiger braun gezeichnet. Innerhalb von einigen Monaten können sie ihre Farbe auch ändern", erzählt Solé. Kurios wirken die Tiere nicht nur wegen ihrer langen Nase, von der keine besondere Funktion bekannt ist, sondern auch wegen des ungewöhnlichen Verhaltens bei der Aufzucht ihres Nachwuchses. "Bei vielen Froscharten legt das Weibchen die Eier im Wasser ab, das Männchen befruchtet sie und im Wasser schlüpfen dann die Kaulquappen aus den Eiern", sagt der Froschforscher. Nicht so der Darwin-Frosch: "Bei ihm werden die Eier auf feuchtem Boden abgelegt. Das Männchen nimmt dann die schlüpfenden Kaulquappen in seinen Kehlsack auf. Nach zwei bis drei Monaten hüpfen die kleinen Fröschchen aus seinem Mund." Und Solé setzt hinzu: "Dass Männchen den Nachwuchs im Maul ’bebrüten’, das ist unter den Amphibien weltweit einzigartig." Hungern müssen die "schwangeren" Männchen übrigens nicht, der Weg zum Magen bleibt frei. Die Nasenfrösche haben gegenüber anderen Froscharten so viele Besonderheiten, dass die zwei Arten Rhinoderma darwinii und Rhinoderma rufum eine eigene Familie bilden. Letzterer kommt im nördlich anschließenden Gebiet vor. Jedenfalls hat Rhinoderma rufum früher dort gelebt. "Seit 25 Jahren hat man keinen Lebendnachweis mehr von ihm gefunden", sagt Solé. Viele hielten ihn bereits für ausgestorben, berichtet der Wissenschaftler. Doch so pessimistisch ist er selbst nicht: "Wenn man alles sammelt, was man zu einer ausgestorben geglaubten Art an Wissen hat und in heutigen geeigneten Lebensräumen sucht, wäre der Erfolg vielleicht größer, als immer dort zu suchen, wo die Tiere früher einmal waren."

Doch auch Mirco Solé hält es für umso wichtiger, wenigstens die nachweislich noch lebende Art der Nasenfrösche nicht aussterben zu lassen. "Der Darwin-Frosch kommt - abgesehen von einem sehr kleinen Gebiet in Argentinien - nur in Chile vor. Er würde sich deshalb auch als Werbeträger für den Artenschutz in diesem Land hervorragend eignen", sagt Solé. Vor Mirco Solé hatten bereits die Spezialisten Klaus Busse von der Zoologischen Gesellschaft in Bonn und Heiko Werning, Chefredakteur der Zeitschrift Reptilia, nach den Nasenfröschen gesucht. Auch sie fanden keine Exemplare von Rhinoderma rufum und Frösche der Art Rhinoderma darwinii erst viel weiter im Süden. "Wie sie habe auch ich zunächst die Küstenstreifen südlich von Santiago bis Concepción abgesucht, wo sie früher in den Mischwäldern vorkamen", erzählt der Froschforscher. Allerdings seien diese Gebiete inzwischen abgeholzt und mit schnell wachsenden Kiefern aufgeforstet worden. Als Folge versauere der Boden und trockne aus: "Dort halten sich kaum noch Amphibien auf." Solé hat seine Suche daraufhin stärker auf das Landesinnere konzentriert. Sieben Wochen lang hat er die Wälder - auch dort häufig aus Kiefern bestehend - und die Naturschutzparks durchstreift. "Ich habe in dieser Zeit praktisch alle Froscharten gefunden, die aus dieser Region bekannt sind, aber keinen einzigen Nasenfrosch", sagt er.

Sieben Tage vor dem Ende seiner Expedition hat Mirco Solé den Nationalpark Villarrica besucht. Auch dort war nicht eine lange Froschnase zu finden. "Einer der Parkwächter hat mir dann gesagt, dass ich mir die falsche Stelle ausgesucht hätte. Hundert Kilometer weiter, auf der anderen Seite des Parks und hinter dem dortigen Vulkan sei es viel feuchter und gebe mehr Frösche", erinnert sich Solé. Das erwies sich als der entscheidende Hinweis. "Gleich am nächsten Tag bin ich dorthin gefahren. Schon auf den ersten Metern ist mir im dortigen Araukarienwald ein Nasenfrosch begegnet." Wegen der maulbrütenden Männchen sind diese Amphibien von Gewässern unabhängig. "Die ersten Fotos von den Nasenfröschen habe ich vor lauter Aufregung verwackelt", erzählt Solé. Glücklicherweise hat er aber noch viele weitere Darwin-Frösche gefunden. Er hat die letzten Tage seiner Expedition genutzt, um sich ein Bild von der Froschpopulation zu machen. "Sie scheint sehr stabil zu sein, nachdem auch viele Jungtiere zu finden waren", so Solé.

Chile sei eigentlich recht weit im Naturschutz, sagt der Forscher. "Die Parks sind gut gepflegt, allerdings viel zu klein." Außerhalb der geschützten Gebiete sehe es hingegen schlecht aus. "Die Holzproduktion mit Kiefern ist in Chile interessant, weil die Bäume dort weltweit am schnellsten wachsen. Schon nach acht Jahren können sie für die Papierproduktion geschlagen werden", erklärt er. Zu den ökologischen kämen soziale Probleme hinzu, weil die Holzfäller jeweils in Massen mit mobilen Siedlungen in die Wälder kommen. "In den Kiefernwäldern gibt es häufig Brände. Dafür sind die dort einheimischen Bäume der Art Araucaria araucana viel weniger anfällig." Den Fröschen bleiben durch diese Entwicklungen nicht mehr viele Lebensräume übrig. Dennoch will sich Mirco Solé bereits im Oktober erneut auf die Suche nach den Nasenfröschen machen. "Die haben dann Paarungszeit und lassen sich leichter durch Rufe ihrer Artgenossen anlocken", sagt der Forscher. Ihr typisches Fiepen wurde schon vor langer Zeit aufgenommen, Solé will es dann an viel versprechenden Stellen abspielen.

Über die Lebensweise der Nasenfrösche ist insgesamt nicht viel bekannt. Mirco Solé würde es daher für sinnvoll halten, die neu entdeckte Population der Darwin-Frösche für einige Jahre zu beobachten. Denn er befürchtet, dass die Frösche ohne weiteren Schutz im Laufe der nächsten zehn Jahre aussterben könnten. "Für die Studien wird es sehr hilfreich sein, dass sich die Darwin-Frösche individuell stark unterscheiden", sagt Solé - nicht etwa an den langen Nasen, die haben sie alle. "Aber die Bauchseite ist bei jedem Tier anders gezeichnet."

Michael Seifert | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-tuebingen.de

Weitere Berichte zu: Amphibien Darwin-Frosch Darwin-Frösche Männchen Nasenfrösche Rhinoderma

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Neues aus der Schaltzentrale
18.07.2018 | Karl-Franzens-Universität Graz

nachricht Chemische Waffe durch laterale Gen-Übertragung schützt Wollkäfer gegen schädliche Pilze
18.07.2018 | Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Superscharfe Bilder von der neuen Adaptiven Optik des VLT

Das Very Large Telescope (VLT) der ESO hat das erste Licht mit einem neuen Modus Adaptiver Optik erreicht, die als Lasertomografie bezeichnet wird – und hat in diesem Rahmen bemerkenswert scharfe Testbilder vom Planeten Neptun, von Sternhaufen und anderen Objekten aufgenommen. Das bahnbrechende MUSE-Instrument kann ab sofort im sogenannten Narrow-Field-Modus mit dem adaptiven Optikmodul GALACSI diese neue Technik nutzen, um Turbulenzen in verschiedenen Höhen in der Erdatmosphäre zu korrigieren. Damit ist jetzt möglich, Bilder vom Erdboden im sichtbaren Licht aufzunehmen, die schärfer sind als die des NASA/ESA Hubble-Weltraumteleskops. Die Kombination aus exquisiter Bildschärfe und den spektroskopischen Fähigkeiten von MUSE wird es den Astronomen ermöglichen, die Eigenschaften astronomischer Objekte viel detaillierter als bisher zu untersuchen.

Das MUSE-Instrument (kurz für Multi Unit Spectroscopic Explorer) am Very Large Telescope (VLT) der ESO arbeitet mit einer adaptiven Optikeinheit namens GALACSI. Dabei kommt auch die Laser Guide Stars Facility, kurz ...

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Im Focus: Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

„Wir haben jetzt ein klares Bild davon, wie das heiße Atomgitter und die kalten magnetischen Spins eines ferrimagnetischen Nichtleiters miteinander ins Gleichgewicht gelangen“, sagt Ilie Radu, Wissenschaftler am Max-Born-Institut in Berlin. Das internationale Forscherteam fand heraus, dass eine Energieübertragung sehr schnell stattfindet und zu einem neuartigen Zustand der Materie führt, in dem die Spins zwar heiß sind, aber noch nicht ihr gesamtes magnetisches Moment verringert haben. Dieser „Spinüberdruck“ wird durch wesentlich langsamere Prozesse abgebaut, die eine Abgabe von Drehimpuls an das Gitter ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt in "Science Advances" erschienen.

Magnete faszinieren die Menschheit bereits seit mehreren tausend Jahren und sind im Zeitalter der digitalen Datenspeicherung von großer praktischer Bedeutung....

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Innovation – the name of the game

18.07.2018 | Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

Interdisziplinäre Konferenz: Diabetesforscher und Bioingenieure diskutieren Forschungskonzepte

13.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vernetzte Beleuchtung: Weg mit dem blinden Fleck

18.07.2018 | Energie und Elektrotechnik

BIAS erhält Bremens größten 3D-Drucker für metallische Luffahrtkomponenten

18.07.2018 | Verfahrenstechnologie

Verminderte Hirnleistung bei schwachem Herz

18.07.2018 | Medizin Gesundheit

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics