Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

T-Zell-Leukämie: Überlebenshilfe mit bösartigen Folgen

24.01.2005


Dass bei Leukämien die Zellvermehrung außer Kontrolle gerät, ist nicht der einzige Grund für die "Überschwemmung" von Blut und Lymphsystem mit weißen Blutzellen; die krankhaft veränderten Zellen sterben auch nicht mehr ab. Natürliche Abwehrprogramme, welche die übermäßig wachsenden Zellen abtöten könnten, sind außer Kraft gesetzt. Ein Virusprotein mit der Bezeichnung Tax ist wesentlich beteiligt, wenn das menschliche T-Zell-Leukämievirus Typ 1 Lymphozyten zu permanentem Wachstum transformiert. Am Institut für Klinische und Molekulare Virologie der Universität Erlangen-Nürnberg ist Prof. Dr. Ralph Grassmann in einem Projekt, das von der Wilhelm-Sander-Stiftung gefördert wird, molekularen Mechanismen auf der Spur, mit denen das Leukämievirus das Zelltod-Programm hemmt. Vieles spricht dafür, dass Tax bestimmte Gene übermäßig aktiviert und dadurch die Überlebensfähigkeit Virus-infizierter Blutzellen so sehr steigert, dass in der Folge eine tödliche Leukämie entstehen kann.



Das Menschliche T-Zell-Leukämievirus (HTLV-1), ein entfernter Verwandter des AIDS-Erregers, verursacht die Adulte T-Zell-Leukämie (ATL). Weltweit sind zehn bis zwanzig Millionen Menschen mit diesem Virus infiziert. Im Vergleich dazu, aber auch mit Blick auf die Daten aus anderen westeuropäischen Ländern wirkt die Zahl von 6.000 Virusträgern in Deutschland niedrig. Die Tendenz ist jedoch steigend, bedingt durch Zuwanderung und den weltweiten Reiseverkehr.



Auf die Infektion mit HTLV-1 folgt zwar nur in der Minderzahl der Fälle der Ausbruch einer Krankheit; dann aber ist die Prognose schlecht. Ein bis drei Prozent der Infizierten erkranken an ATL, einer Leukämie-Form, gegen die Chemotherapie wenig auszurichten vermag, vermutlich, weil sich die Leukämiezellen erfolgreich vor dem Absterben schützen. Bei weiteren ein bis drei Prozent der Virusträger tritt eine Degeneration von Nervenzellen auf, die Lähmungserscheinungen bedingt. In beiden Fällen geht der Erkrankung eine lange Inkubationszeit voraus. Die Viren richten sich in diesem Zeitraum dauerhaft in Lymphozyten ein, die sie umfunktionieren, um sie für ihre eigene Vermehrung zu nutzen. Die Folgen zeigen sich beispielsweise in Zellkultur: infizierte Zellen von Patienten mit beiden Krankheitsbildern können ohne spezielle Hilfe permanent wachsen.

Das Virusprotein Tax vermittelt die Wachstumstransformation und stimuliert über bestimmte Signalwege die Genexpression der befallenen Zelle, übt also einen Einfluss darauf aus, welche Gene "abgelesen" werden und als Bauplan für Proteine dienen. Bei ihrer systematischen Suche nach Mechanismen, die den programmierten Zelltod, die Apoptose, in solchen Zellen hemmen, fiel den Erlanger Virologen auf, dass auch bestimmte regulatorische Proteine, die den Zelltod unterdrücken, im Übermaß produziert werden. Verantwortlich dafür ist offensichtlich Tax.

Zunächst soll nun geklärt werden, auf welche Weise dieses Virusprotein die entsprechenden Gene der Zelle zu erhöhter Aktivität veranlasst. Anschließend wird untersucht, ob Tax über diese Modulation der Genexpression die infizierten Zellen vor endogener oder exogener Apoptose schützt. Dazu werden kurze doppelsträngige RNA-Nukleotide (siRNA) eingesetzt, mit deren Hilfe die Aktivität bestimmter Gene gezielt unterbrochen werden kann. Wenn sich herausstellt, dass Tax tatsächlich auf diesem Weg Überlebenshilfe für infizierte T-Zellen leistet und damit zur Entstehung der bösartigen Leukämie beiträgt, könnten künftige Therapiekonzepte an die Ergebnisse des Projekts anknüpfen.

Weitere Informationen:

Prof. Dr. Ralph Grassmann
Institut für Klinische und Molekulare Virologie
Tel.: 09131/85 -26784
grassmann@viro.med.uni-erlangen.de

Ute Missel | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-erlangen.de/

Weitere Berichte zu: Leukämie T-Zell-Leukämie Tax Virusprotein

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Optische Kontrolle von Herzfrequenz oder Insulinsekretion durch lichtschaltbaren Wirkstoff
17.07.2018 | Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

nachricht Künstliche neuronale Netze helfen, das Gehirn zu kartieren
17.07.2018 | Max-Planck-Institut für Neurobiologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Im Focus: Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

„Wir haben jetzt ein klares Bild davon, wie das heiße Atomgitter und die kalten magnetischen Spins eines ferrimagnetischen Nichtleiters miteinander ins Gleichgewicht gelangen“, sagt Ilie Radu, Wissenschaftler am Max-Born-Institut in Berlin. Das internationale Forscherteam fand heraus, dass eine Energieübertragung sehr schnell stattfindet und zu einem neuartigen Zustand der Materie führt, in dem die Spins zwar heiß sind, aber noch nicht ihr gesamtes magnetisches Moment verringert haben. Dieser „Spinüberdruck“ wird durch wesentlich langsamere Prozesse abgebaut, die eine Abgabe von Drehimpuls an das Gitter ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt in "Science Advances" erschienen.

Magnete faszinieren die Menschheit bereits seit mehreren tausend Jahren und sind im Zeitalter der digitalen Datenspeicherung von großer praktischer Bedeutung....

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Im Focus: First evidence on the source of extragalactic particles

For the first time ever, scientists have determined the cosmic origin of highest-energy neutrinos. A research group led by IceCube scientist Elisa Resconi, spokesperson of the Collaborative Research Center SFB1258 at the Technical University of Munich (TUM), provides an important piece of evidence that the particles detected by the IceCube neutrino telescope at the South Pole originate from a galaxy four billion light-years away from Earth.

To rule out other origins with certainty, the team led by neutrino physicist Elisa Resconi from the Technical University of Munich and multi-wavelength...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

Interdisziplinäre Konferenz: Diabetesforscher und Bioingenieure diskutieren Forschungskonzepte

13.07.2018 | Veranstaltungen

Conference on Laser Polishing – LaP: Feintuning für Oberflächen

12.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Optische Kontrolle von Herzfrequenz oder Insulinsekretion durch lichtschaltbaren Wirkstoff

17.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Umweltressourcen nachhaltig nutzen

17.07.2018 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Textilien 4.0: Smarte Kleidung und Wearables als Innovation

17.07.2018 | Innovative Produkte

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics