Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Fieber im Reagenzglas statt im Versuchskaninchen

14.12.2000


Der Ilse-Richter-Tierschutzforschungspreis 2000 ging in diesem Jahr an drei Forscher, die einen Test zur Marktreife gebracht haben, mit dem sich im Reagenzglas fieberauslösende Stoffe in Arzneimitteln nachweisen lassen. Sofern die Europäische Arzneibuchkommission zustimmt, kann dieser Test zukünftig den bisher vorgeschriebenen Pyrogentest am Kaninchen ersetzen.

Für ihre wissenschaftlichen Leistungen bei der Entwicklung eines Tests, der Tierversuche am Kaninchen zum Nachweis fiebererregender Stoffe in der Arzneimittelprüfung vollständig ersetzen kann, haben Dr. Matthias Fischer (Tierarzt am Paul-Ehrlich-Institut in Langen), Dr. Stefan Fennrich (Mediziner an der Uni Konstanz) und Markus Weigand (Pharmazeut an der Uni Heidelberg) am Freitag, 8. Dezember 2000, in der Tierärztlichen Hochschule Hannover den mit 30.000 DM dotierten Ilse-Richter-Tierschutz-Forschungspreis erhalten.

Die Preisträger brachten ein neues Verfahren zur Marktreife, das zum Nachweis fiebererregender Stoffe in Arzneimitteln indirekt die natürliche Fieberreaktion des Menschen nutzt. Bisher musste für diesen Nachweis bei bestimmten Arzneimitteln der sogenannte Kaninchen-Pyrogentest durchgeführt werden.

Das neue Verfahren der drei Forscher baut auf einem Test von Prof. Albrecht Wendel, dem Inhaber des Lehrstuhls für biochemische Pharmakologie der Universität Konstanz und seinem Mitarbeiter, Privat-Dozent Dr. Thomas Hartung, auf. Sie hatten 1995 erstmals die Idee, als Maß für die fieberauslösende Wirkung den Botenstoff zu messen, der die Information über Verunreinigungen im Blut zum Fieberzentrum im Gehirn übermittelt. Diese Messung kann im Reagenzglas durchgeführt werden. Sie hat den Vorteil, menschliches Blut zu benutzen. So wird bei diesem Test auch das generelle Problem von Tierversuchen gelöst, das darin besteht, die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf den Menschen einzuschätzen.

Die Umsetzung der Idee von Wendel und Hartung in die Praxis war allerdings ein langer Weg. Das neue Testsystem musste nicht nur in eine handhabbare Form gebracht werden, sondern auch beweisen, dass es mindestens genauso sicher ist wie der Tierversuch. Nur wenn dies gewährleistet ist, besteht die Hoffnung, dass die Europäische Arzneibuchkommission entscheidet, den Kaninchen-Pyrogentest in der Arzneimittelprüfung abzuschaffen.

Die drei Preisträger nahmen sich der Aufgabe an, ein solches Testsystem zu entwickeln und zu optimieren. In den letzten drei Jahren ist es ihnen mit Hilfe ihrer Laborteams gelungen, den Test zur Marktreife zu führen. Damit hängt es nun nur noch von der Zustimmung der Europäischen Arzneibuchkommission ab, ob zukünftig je ein Tropfen Blut ausreicht, um drei Kaninchen den Versuch zu ersparen. Pro Jahr könnte so europaweit auf Versuche mit 100.000 Kaninchen verzichtet werden, allein in Deutschland wären es 20.000 Tiere pro Jahr.

Der Kaninchen-Pyrogentest und bisherige Alternativen dazu
Für die Sicherheit der Patienten ist es unverzichtbar, dass Arzneimittel frei von fieberauslösenden Verunreinigungen (Pyrogenen) sind, da diese schwerwiegende und zum Teil lebensbedrohende Schockzustände verursachen können. Der Gesetzgeber verlangt aus diesem Grund Sicherheitsprüfungen, für die seit ca. 50 Jahren ein Tierversuch am Kaninchen durchgeführt wird. Dieser Test und seine Durchführung sind im Europäischen Arzneibuch festgeschrieben. Für jedes Arzneimittel, das getestet wird, werden dabei drei Tiere benötigt, deren Fieberreaktion man misst. Sollte eine Wiederholung notwendig sein, müssen weitere drei Tiere eingesetzt werden.

Eine erste Alternativmethode, der LAL-Test (Limulus-Amöbozyten-Lysat-Test), funktioniert nicht bei allen Arzneimitteln, weil es beispielsweise bei Blutzubereitungen zu störenden Kreuzreaktionen kommt, die das Ergebnis verfälschen.

Der Ilse-Richter-Tierschutz-Forschungspreis


Der Verband Niedersächsischer Tierschutzvereine verleiht alle drei Jahre den Ilse-Richter-Tierschutz-Forschungspreis "für hervorragende wissenschaftliche Arbeiten aus dem deutschen Sprachraum, deren Ziel bzw. Ergebnis es ist oder sein kann, Versuche mit oder an lebenden Tieren bei der Entwicklung, Prüfung und Kontrolle von chemischen und pflanzlichen Stoffen, insbesondere im Bereich der Arzneimittel, Lebensmittelzusatzstoffe und Bedarfsgegenstände sowie bei der Entwicklung medizinischer Techniken einzuschränken, zu ersetzen und soweit wie möglich entbehrlich zu machen". Der Preis ist dotiert mit 20.000 Mark. Da es in diesem Jahr drei Preisträger gab, ist die Dotation ausnahmsweise auf 30.000 Mark erhöht worden. Der Preis ist benannt nach der Tierschützerin Ilse Richter, die ihr Vermögen dem Tierschutzbund vermacht hat.

Haben Sie noch Rückfragen?
Wenden Sie sich bitte an Dr. Susanne Stöcker
Tel: +49/6103 / 77 1030 oder Fax: +49/6103 / 77 1262

Weitere Informationen finden Sie im WWW:


Dr. Susanne Stöcker | idw

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Darmkrebs: Erhöhte Lebenserwartung dank individueller Therapien
20.02.2020 | Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

nachricht Krebsstammzellen nachverfolgen
20.02.2020 | Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Fraunhofer IOSB-AST und DRK Wasserrettungsdienst entwickeln den weltweit ersten Wasserrettungsroboter

Künstliche Intelligenz und autonome Mobilität sollen dem Strukturwandel in Thüringen und Sachsen-Anhalt neue Impulse verleihen. Mit diesem Ziel fördert das Bundeswirtschaftsministerium ab sofort ein innovatives Projekt in Halle (Saale) und Ilmenau.

Der Wasserrettungsdienst Halle (Saale) und das Fraunhofer Institut für Optronik,
Systemtechnik und Bildauswertung, Institutsteil Angewandte Systemtechnik...

Im Focus: A step towards controlling spin-dependent petahertz electronics by material defects

The operational speed of semiconductors in various electronic and optoelectronic devices is limited to several gigahertz (a billion oscillations per second). This constrains the upper limit of the operational speed of computing. Now researchers from the Max Planck Institute for the Structure and Dynamics of Matter in Hamburg, Germany, and the Indian Institute of Technology in Bombay have explained how these processes can be sped up through the use of light waves and defected solid materials.

Light waves perform several hundred trillion oscillations per second. Hence, it is natural to envision employing light oscillations to drive the electronic...

Im Focus: Haben ein Auge für Farben: druckbare Lichtsensoren

Kameras, Lichtschranken und Bewegungsmelder verbindet eines: Sie arbeiten mit Lichtsensoren, die schon jetzt bei vielen Anwendungen nicht mehr wegzudenken sind. Zukünftig könnten diese Sensoren auch bei der Telekommunikation eine wichtige Rolle spielen, indem sie die Datenübertragung mittels Licht ermöglichen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) am InnovationLab in Heidelberg ist hier ein entscheidender Entwicklungsschritt gelungen: druckbare Lichtsensoren, die Farben sehen können. Die Ergebnisse veröffentlichten sie jetzt in der Zeitschrift Advanced Materials (DOI: 10.1002/adma.201908258).

Neue Technologien werden die Nachfrage nach optischen Sensoren für eine Vielzahl von Anwendungen erhöhen, darunter auch die Kommunikation mithilfe von...

Im Focus: Einblicke in die Rolle von Materialdefekten bei der spin-abhängigen Petahertzelektronik

Die Betriebsgeschwindigkeit von Halbleitern in elektronischen und optoelektronischen Geräten ist auf mehrere Gigahertz (eine Milliarde Oszillationen pro Sekunde) beschränkt. Die Rechengeschwindigkeit von modernen Computern trifft dadurch auf eine Grenze. Forscher am MPSD und dem Indian Institute of Technology in Bombay (IIT) haben nun untersucht, wie diese Grenze mithilfe von Lichtwellen und Festkörperstrukturen mit Defekten erhöht werden könnte, um noch größere Rechenleistungen zu erreichen.

Lichtwellen schwingen mehrere hundert Trillionen Mal pro Sekunde und haben das Potential, die Bewegung von Elektronen zu steuern. Im Gegensatz zu...

Im Focus: Charakterisierung von thermischen Schnittstellen für modulare Satelliten

Das Fraunhofer IFAM in Dresden hat ein neues Projekt zur thermischen Charakterisierung von Kupfer/CNT basierten Scheiben für den Einsatz in thermalen Schnittstellen von modularen Satelliten gestartet. Gefördert wird das Projekt „ThermTEST“ für 18 Monate vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie.

Zwischen den Einzelmodulen von modularen Satelliten werden zur Kopplung eine Vielzahl von Schnittstellen benötigt, die nach ihrer Funktion eingeteilt werden...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Gemeinsam auf kleinem Raum - Mikrowohnen

19.02.2020 | Veranstaltungen

Chemnitzer Linux-Tage am 14. und 15. März 2020: „Mach es einfach!“

12.02.2020 | Veranstaltungen

4. Fachtagung Fahrzeugklimatisierung am 13.-14. Mai 2020 in Stuttgart

10.02.2020 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

10.000-mal schnellere Berechnungen möglich

20.02.2020 | Physik Astronomie

Darmkrebs: Erhöhte Lebenserwartung dank individueller Therapien

20.02.2020 | Biowissenschaften Chemie

Krebsstammzellen nachverfolgen

20.02.2020 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics