Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Pflanzliche Grundlagenforschung kann Krebsforschern helfen

15.07.2008
Proteinfunktionen in Pflanzenzellen mit Relevanz für die Krebsforschung entdeckt

Der Arbeitsgruppe von Dr. Claus Schwechheimer am Zentrum für Molekularbiologie der Pflanzen (ZMBP) der Universität Tübingen ist es gelungen, in Pflanzenzellen eine Proteinfunktion zu identifizieren, deren Verständnis wichtige Impulse für die Krebsforschung beim Menschen geben könnte (Development 135 - Juni 2008).

Für alle Lebewesen ist der geregelte Abbau von Proteinen in ihren Zellen ebenso überlebenswichtig wie deren Herstellung: Ein fehlerhafter oder unvollständiger Proteinabbau führt oft zu Fehlfunktionen in der Zelle oder sogar zu deren Absterben.

Der zentrale Steuerungsapparat für die Kontrolle dieser Abbauprozesse ist in allen Organismen - ob Pflanze, Tier oder Mensch - sehr ähnlich: Ein als COP9-Signalosom bezeichneter Proteinkomplex steuert die Aktivität sogenannter E3-Ligasen, deren Aufgabe es ist, Proteine so zu kennzeichnen, dass sie dem gezielten Abbau über einen weiteren Proteinkomplex zugeführt werden können. Eine verringerte Anzahl von Signalosomen in einer Zelle führt zu massiven Störungen in der E3-Ligasefunktion, und als Konsequenz zu einem Anstieg an krankhaften Fehlfunktionen, die in den betroffenen Zellen zur unkontrollierten Zellteilung (Tumore) oder zum Zelltod führen können.

Das COP9-Signalosom ist für viele Prozesse in einer Zelle verantwortlich, indem es eine große Anzahl von E3-Ligasen und damit den Abbau einer Vielzahl regulatorischer Proteine steuert. Eine Aufklärung sämtlicher dieser Regelkreise stellt eine nahezu unlösbare Aufgabe für einen einzelnen Forscher dar. Mit Hilfe modernster Technologie ist es Claus Schwechheimer nun jedoch gelungen, aus der Vielzahl dieser Regelkreise Hinweise auf die Fehlfunktion eines die Zellteilung kontrollierenden Mechanismus zu erhalten. Die Zellteilung stellt einen essentiellen Prozess im Wachstum eines Organismus dar; "und gleichermaßen stellt sie die Zelle vor die knifflige Aufgabe, die DNA der Mutterzelle vollständig und unverändert an die beiden Tochterzellen weiterzugeben - eine fehlerhafte Weitergabe führt fast zwangsläufig zu Krankheit oder Tod", führt der Wissenschaftler aus. Zellen haben daher ausgeklügelte Mechanismen entwickelt, um die Entstehung solcher Fehler zu minimieren und dennoch auftretende Fehler wieder zu reparieren.

Tatsächlich gelang es nun Schwechheimer und seinem Team, an Pflanzenzellen mit geschädigtem Signalosom aufzuzeigen, dass diese zwar ihre DNA verdoppelt hatten, aber den eigentlichen Teilungsprozess abgebrochen hatten, da ihre DNA geschädigt war. Da dadurch jegliches Wachstum verhindert wird, verharrt die Zelle in einem unvollständigen Teilungszustand. Schwechheimer vermutet nun, dass die speziell für die Reparatur der DNA-Schäden verantwortlichen E3-Ligasen nicht mehr korrekt arbeiten, wenn das Signalosom als zentrale Steuerungseinheit beschädigt ist oder fehlt. Damit wäre eine Verbindung zwischen einem defekten Signalosom und einer überlebenswichtigen Zellfunktion gefunden. "Das war wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen, und wir hatten auch Glück dabei", gibt Schwechheimer zu.

Dieser überlebenswichtige Reparaturmechanismus ist aber keineswegs auf Pflanzenzellen beschränkt, denn auch tierische und menschliche Körperzellen sind darauf angewiesen, dass die DNA-Verdoppelung und die Zellteilung fehlerfrei funktionieren. Andernfalls entstehen Fehlfunktionen, die in vielen Fällen die Ursache für Krebs sind. "Wir haben hier mit großer Wahrscheinlichkeit einen Mechanismus gefunden, der auch in unseren Körperzellen für die DNA-Reparatur essentiell ist, eine Verbindung zur Krebsentstehung ist daher äußerst wahrscheinlich", sagt Schwechheimer. Diese Relevanz für menschliche Zellen und die Entstehung von Krebs muss nun überprüft werden, und dabei setzt der Pflanzenforscher auf den Austausch mit seinen Kollegen aus der medizinischen Forschung.

Für seine eigene Forschung an Pflanzenzellen hat Schwechheimer klare Ziele: "Wir haben einen universellen Zellmechanismus gefunden, den wir in Pflanzen sehr gezielt und ohne Risiko für den Menschen erforschen können. Uns fehlen noch wichtige Details, die wir nun mit Nachdruck aufklären wollen, um diese Prozesse in der Zelle in Zukunft beeinflussen zu können."

Bildmaterial
Online zum Download unter http://www.zmbp.uni-tuebingen.de, dort weiter unter News.
Für Nachfragen:
Matthias Hendrichs
ZMBP - Development & Communication
Tel. 0 70 71/2 97 30 95
E-Mail mh@uni-tuebingen.de
Weiterführende Informationen
- Original-Publikation online erschienen im Juni 2008 in Development: The Arabidopsis COP9 signalosome is essential for G2 phase progression and genomic stability. (http://dev.biologists.org/cgi/content/full/135/11/2013)
- Arbeitsgruppe Claus Schwechheimer: http://www.zmbp.uni-tuebingen.de/DevelopmentalGenetics/ResearchGroups/schwech/index.html
- Schwerpunktprogramm SPP 1365 der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG): http://www.dfg.de/aktuelles_presse/information_fuer_die_wissenschaft/

schwerpunktprogramme/archiv/info_wissenschaft_21_07.html

Michael Seifert | idw
Weitere Informationen:
http://www.zmbp.uni-tuebingen.de

Weitere Berichte zu: Pflanzenzelle Protein Signalosom Zelle Zellteilung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Waldrand oder mittendrin: Das Erbgut von Mausmakis unterscheidet sich je nach Lebensraum
19.07.2018 | Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover

nachricht Infrarotsensor als neue Methode für die Wirkstoffentwicklung
19.07.2018 | Ruhr-Universität Bochum

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Superscharfe Bilder von der neuen Adaptiven Optik des VLT

Das Very Large Telescope (VLT) der ESO hat das erste Licht mit einem neuen Modus Adaptiver Optik erreicht, die als Lasertomografie bezeichnet wird – und hat in diesem Rahmen bemerkenswert scharfe Testbilder vom Planeten Neptun, von Sternhaufen und anderen Objekten aufgenommen. Das bahnbrechende MUSE-Instrument kann ab sofort im sogenannten Narrow-Field-Modus mit dem adaptiven Optikmodul GALACSI diese neue Technik nutzen, um Turbulenzen in verschiedenen Höhen in der Erdatmosphäre zu korrigieren. Damit ist jetzt möglich, Bilder vom Erdboden im sichtbaren Licht aufzunehmen, die schärfer sind als die des NASA/ESA Hubble-Weltraumteleskops. Die Kombination aus exquisiter Bildschärfe und den spektroskopischen Fähigkeiten von MUSE wird es den Astronomen ermöglichen, die Eigenschaften astronomischer Objekte viel detaillierter als bisher zu untersuchen.

Das MUSE-Instrument (kurz für Multi Unit Spectroscopic Explorer) am Very Large Telescope (VLT) der ESO arbeitet mit einer adaptiven Optikeinheit namens GALACSI. Dabei kommt auch die Laser Guide Stars Facility, kurz ...

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Im Focus: Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

„Wir haben jetzt ein klares Bild davon, wie das heiße Atomgitter und die kalten magnetischen Spins eines ferrimagnetischen Nichtleiters miteinander ins Gleichgewicht gelangen“, sagt Ilie Radu, Wissenschaftler am Max-Born-Institut in Berlin. Das internationale Forscherteam fand heraus, dass eine Energieübertragung sehr schnell stattfindet und zu einem neuartigen Zustand der Materie führt, in dem die Spins zwar heiß sind, aber noch nicht ihr gesamtes magnetisches Moment verringert haben. Dieser „Spinüberdruck“ wird durch wesentlich langsamere Prozesse abgebaut, die eine Abgabe von Drehimpuls an das Gitter ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt in "Science Advances" erschienen.

Magnete faszinieren die Menschheit bereits seit mehreren tausend Jahren und sind im Zeitalter der digitalen Datenspeicherung von großer praktischer Bedeutung....

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Stadtklima verbessern, Energiemix optimieren, sauberes Trinkwasser bereitstellen

19.07.2018 | Veranstaltungen

Innovation – the name of the game

18.07.2018 | Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Europaweit erste Patientin mit neuem Hybridgerät zur Strahlentherapie behandelt

19.07.2018 | Medizintechnik

Waldrand oder mittendrin: Das Erbgut von Mausmakis unterscheidet sich je nach Lebensraum

19.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Automatisiertes Befüllen von Regalen im Einzelhandel

19.07.2018 | Verkehr Logistik

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics