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Inseln im Regenwald

11.06.2008
IZW-Forscher untersuchen, wie sich die Fragmentierung des Regenwaldes auf die
genetische Vielfalt auswirkt

Der brasilianische Küstenregenwald gehört zu den Regionen der Welt mit der größten Artendichte - Biodiversitäts-Hotspot sagen die Fachleute dazu. Es gibt allein 1360 verschiedene Wirbeltierarten; rund 40 Prozent dieser Arten sind hier endemisch, das heißt sie kommen nirgendwo sonst auf der Welt vor. Aber der Küstenregenwald gehört auch zu den am stärksten bedrohten Lebensräumen der Welt: Von den ursprünglichen Waldgebieten sind nur noch sieben Prozent vorhanden.

Noch vor fünfhundert Jahren erstreckte sich der Wald über eine Fläche von 1,5 Millionen Quadratkilometern bis weit in das Innere des Landes hinein - das ist in etwa fünfmal soviel wie die Fläche von Deutschland. Dann rodeten die Menschen den Wald, um auf den freien Flächen Kaffee und Zuckerrohr anzubauen. Heute zieht sich nur noch ein schmaler Gürtel an der atlantischen Küste entlang.

Das Problem ist aber nicht nur die Gesamtfläche, sondern auch die Fragmentierung. "Der Wald bildet kleine Inseln, dazwischen züchten die Bauern Kohlköpfe", sagt Prof. Simone Sommer vom Leibniz-Insitut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW). Viele Tiere überwinden die Grenzen zwischen den Waldinseln nicht, die manchmal nur wenige hundert Meter betragen. Welche Folgen das auf die Artenvielfalt und die Gesundheit der Individuen im Regenwald hat, untersucht Sommer gemeinsam mit ihrem Team im Rahmen des groß angelegten vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten deutsch-brasilianischen Kooperationsprojektes"MATA ATLANTICA - Science and Technology for the Mata Atlantica."

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Die IZW-Forscher konzentrieren sich dabei auf Nager und Beuteltiere. Diese Kleinsäuger nehmen im Regenwald eine wichtige ökologische Schlüsselfunktion ein: So sorgen sie für die Verbreitung von Samen, indem sie diese annagen und damit erst keimfähig machen. Zudem verteilen sie die Samen über ihren Kot. Weil sie leicht zu fangen sind, kurze Generationszeiten haben und in höherer Dichte vorkommen als größere Säugetiere, eignen sie sich sehr gut als Modellorganismen zum Erforschen der Auswirkungen menschlicher Eingriffe auf das Ökosystem.

Die Forscher haben Waldfragmente als Untersuchungsflächen ausgewählt, deren Größenordnung (15-175 Hektar) noch am häufigsten in der Mata Atlantica vorzufinden ist. Die Untersuchungen werden zudem in drei verschiedenen Regionen durchgeführt, die sich in ihrem Waldbedeckungsgrad (15, 30 und 45 Prozent) unterscheiden. Die Wissenschaftler wollen so den Einfluss der verbleibenden Waldfläche in Relation zur Nutzfläche auf die ökologischen und genetischen Prozesse verstehen. Als Vergleich dienen Waldflächen mit einhundert Prozent Bedeckung, von denen es jedoch nur noch sehr wenige gibt.

Auf den Flächen stellen die Forscher viele Monate lang Fallen auf - sie bestimmen die Arten, zählen die Tiere, untersuchen ihren Kot auf Darmparasiten und nehmen Gewebeproben, um diese im Labor in Berlin zu untersuchen. "Wir wollten herausfinden, ob die Tiere ihre Waldinseln verlassen, sich mit den Bewohnern anderer Waldflecken paaren und so für ausreichend genetische Vielfalt und eine gesunde Population sorgen", so Sommer.

Erste Ergebnisse der Untersuchungen liegen nun vor. Sie sind für Sommer überraschend und stimmen optimistisch: "Bei nur30-prozentiger Bedeckung konnten wir bei den meisten Arten schon keinen Unterschied mehr zur Kontrollfläche finden, das heißt die Populationen auf diesen Flächen sind intakt, ihre Artenvielfalt mit der von vollständig bedeckten Gebieten vergleichbar." Damit können die Forscher den Naturschutzbehörden und der brasilianischen Regierung nun ganz konkrete Hinweise geben, dass es sich lohnt, solche Gebiete unter Schutz zu stellen. Sommer weiß, dass Naturschutzbehörden heute umdenken müssen. Lange Zeit habe man nur große intakte Flächen geschützt. "Aber die gibt es ja kaum noch."

Bei Flächen mit nur 15-prozentiger Bedeckung hingegen fanden die Forscher signifikant weniger Arten, einige kamen auch überhaupt nicht mehr vor. "Solche Gebiete sind nicht in der Lage sich selbst zu regenerieren", folgert Sommer, sie eigneten sich deshalb nicht als Schutzgebiete. Sommer erläutert, warum das so ist: "Damit eine Population gesund bleibt, ist es wichtig, dass sie ihre genetische Vielfalt erhält. Dafür müssen sich ihre Mitglieder immer wieder weiträumig durchmischen können." Je größer die Grenzen zwischen den Waldinseln seien, desto mehr Arten sind nicht mehr in der Lage, diese zu überwinden.

"Die ehemals großen zusammenhängenden Populationen zerfallen in kleine Einzelpopulationen und verlieren ihre genetische Vielfalt. Dadurch werden sie anfälliger für Krankheiten und Parasiten, bis sie schließlich ganz verschwinden." Die Forscher wollen nun auch herausfinden, warum manche Arten so sensibel auf die Veränderung des Lebensraumes reagieren und andere nicht. Sie hoffen, dass sich daraus Strategien entwickeln lassen, mit denen insbesondere den bedrohten Arten geholfen werden kann.

Kontakt: Prof. Simone Sommer, Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung, Tel.: 030 5168 315, E-Mail: sommer@izw-berlin.de

Christine Vollgraf | idw
Weitere Informationen:
http://www.izw-berlin.de

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