Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Der Pharao und seine Esel - Altägyptische Funde liefern Hinweise zur Domestikationsgeschichte

19.03.2008
Er ist vielleicht nicht so treu wie der Hund oder so rassig wie das Pferd. Der Esel begleitet den Menschen aber auch schon seit Tausenden von Jahren und leistet dabei wertvolle Dienste.

Ein internationales Forscherteam, dem auch Professor Joris Peters, Vorstand des Instituts für Paläoanatomie und Geschichte der Tiermedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, angehört, konnte jetzt die Domestikationsgeschichte dieser Spezies anhand von etwa 5.000 Jahre alten Eselsknochen aus dem Alten Ägypten nachvollziehen.

Wie in der Fachzeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS)" berichtet, weisen die Ergebnisse der Studie den ersten Gebrauch des Esels als Transporttier nach sowie frühe Phasen seiner Haustierwerdung. Die Funde zeigen auch, dass sich der Esel in seiner körperlichen Erscheinung noch deutlich veränderte und die Domestizierung langsamer und weniger geradlinig verlief als bisher angenommen. Auch die Körpergröße reduzierte sich wohl viel langsamer als vermutet - was zu einer Revision der Erkenntnisse zu anderen Nutztierarten führen könnte. Denn oft gilt die Verminderung der Körpergröße als wichtigstes Kriterium für die Datierung einer Domestizierung. "Ein solches Projekt erfordert immer ein hohes Maß an Interdisziplinarität - und zwar vor allem zwischen Geistes- und Naturwissenschaften", betont Peters. "In unserem Fall sind dies die Archäologie, die Ägyptologie, die Mathematik, die Archäozoologie und die Tiermedizin."

Es war eine prunkvolle letzte Ruhestätte für die bescheidenen Grautiere: Angrenzend an den Grabkomplex eines frühen Pharaos in Abydos in Mittelägypten wurden die Skelette in eigenen Grabkammern gefunden. "Grundsätzlich ist eine Ansammlung von zehn Eselskeletten in einem solch frühen Kontext bisher einmalig", berichtet Peters.

"Die Anbindung an den Königsfriedhof der Gründerdynastie in Altägypten vor etwa 5.000 Jahren bezeugt die Bedeutung der Tiere für den König. Denn diese Eselherde sollte ihm in seinem nächsten Leben weiterhin gute Dienste leisten, so die Interpretation aus Sicht unserer Ägyptologen." Als erste Besonderheit fiel den Forschern auf, dass es sich um die Knochen recht stattlicher Tiere handelte, die ohne den Kontext des Pharaonengrabes möglicherweise als Überreste von Wildeseln gedeutet worden wären. Für den Status als Haustier spricht aber, dass die Skelette spezifische pathologisch-anatomische Veränderungen an bestimmten Körperstellen aufweisen. Konkret bedeutet dies, dass diese Schäden wohl von der Nutzung der Esel als Lasttiere herrühren.

Bisher galt als gesichert, dass Wildtiere schon zu Beginn ihrer Domestizierung kleiner werden, weil der Mensch in ihren Lebenszyklus - also die Ernährung und die Partnerwahl bei der Fortpflanzung - eingreift. Unter diesen veränderten Lebensbedingungen würde ihre Körpergröße signifikant abnehmen, so die herrschende Meinung. "Doch unsere Funde widerlegen dies", sagt Peters. "Der Wildesel wurde nämlich bereits vor etwa 6.000 Jahren in den Haustierstand überführt, ohne dass er tausend Jahre später tatsächlich kleiner geworden ist, wie unsere Funde zeigen. Möglicherweise muss man jetzt auch die Erkenntnisse zu anderen Nutztierarten revidieren. Denn bei Schafen, Ziegen, Rindern und Schweinen wurde die Veränderung der Körpergröße als wichtigstes Kriterium genutzt, um ihre Domestizierung zu datieren. Es ist denkbar, dass die bisher angenommenen Domestikationszeitpunkte um Jahrhunderte zu spät angesetzt wurden - wenn nämlich die bereits domestizierten Tiere tatsächlich an Körpergröße verloren haben."

Der Mensch begann vor etwa 11.000 Jahren mit der Domestikation von Pflanzen und Tieren. Der Esel ist dabei ein besonders spannendes Beispiel, weil er möglicherweise mehrmals in derselben geografischen Region, in Nordostafrika, domestiziert wurde. Zudem war bislang sehr wenig über den Ablauf seiner Haustierwerdung bekannt. "Bemerkenswert ist auch, dass der Esel als vormaliger Fleischlieferant sehr schnell nach erfolgter Domestikation für Handel und Transport eingesetzt wurde - bis dann sehr viel später das Dromedar wichtiger wurde", so Peters. Doch zuerst hat noch die Nutzbarmachung des Esels die ländlichen Gesellschaften und frühen Staaten verändert: Die Tiere sind zähe Wüstenbewohner und können schwere Lasten durch trockenes Gebiet tragen. Das wiederum erlaubte den Hirtenvölkern, häufiger als bisher noch längere Strecken zurückzulegen und dabei ihren Haushalt mit den Herden zu transportieren. "Die Nutzung des Esels dehnte den Handel in Afrika und im westlichen Asien merklich aus", meint Peters.

Am Lehrstuhl von Professor Joris Peters werden mehrere internationale Projekte verfolgt, in denen die Haustierwerdung eine zentrale Rolle spielt. Die Ergebnisse der vorliegenden Studie sind Teil einer internationalen Kooperation zur Aufklärung der Domestikationsgeschichte des Esels in Nordostafrika. Als nächster Schritt ist vorgesehen, Knochenproben von Eseln aus vor- und frühgeschichtlichen Siedlungen molekularbiologisch zu analysieren, um tiefere Einblicke in die Verwandtschaft der beiden Unterarten des Wildesels, des Nubischen Wildesels und des Somaliwildesels sowie der domestizierten Form zu gewinnen. "Mithilfe dieser Ergebnisse und im Zusammenspiel mit den Überresten aus archäologischen Ausgrabungen wollen wir die Ursprungs- und Verbreitungsgeschichte dieser für die Entwicklungsländer wichtigen Nutztierart rekonstruieren", meint Peters. "Denn noch heute sind Esel und Maultiere in trockenen, schlecht erschlossenen und armen Regionen der Welt als Lasttiere unverzichtbar."

Publikation:
"Domestication of the donkey: Timing, processes, and indicators", Stine Rossel, Fiona Marshall, Joris Peters, Tom Pilgram, Matthew D. Adams, and David O'Connor, PNAS, März 2008, Bd. 105, S. 3715-3720
Ansprechpartner:
Professor Dr. Dr. Joris Peters
Institut für Paläoanatomie, Domestikationsforschung und Geschichte der Tiermedizin der LMU
Tel.: 089 / 2180 - 5710
Fax: 089 / 2180 - 6278
E-Mail: joris.peters@palaeo.vetmed.uni-muenchen.de

Luise Dirscherl | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-muenchen.de/

Weitere Berichte zu: Domestikation Domestikationsgeschichte Domestizierung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Need for speed: Warum Malaria-Parasiten schneller sind als die menschlichen Abwehrzellen
20.07.2018 | Universitätsklinikum Heidelberg

nachricht Erwiesen: Mücken können tropisches Chikungunya-Virus auch bei niedrigen Temperaturen verbreiten
20.07.2018 | Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Future electronic components to be printed like newspapers

A new manufacturing technique uses a process similar to newspaper printing to form smoother and more flexible metals for making ultrafast electronic devices.

The low-cost process, developed by Purdue University researchers, combines tools already used in industry for manufacturing metals on a large scale, but uses...

Im Focus: Rostocker Forscher entwickeln autonom fahrende Kräne

Industriepartner kommen aus sechs Ländern

Autonom fahrende, intelligente Kräne und Hebezeuge – dieser Ingenieurs-Traum könnte in den nächsten drei Jahren zur Wirklichkeit werden. Forscher aus dem...

Im Focus: Superscharfe Bilder von der neuen Adaptiven Optik des VLT

Das Very Large Telescope (VLT) der ESO hat das erste Licht mit einem neuen Modus Adaptiver Optik erreicht, die als Lasertomografie bezeichnet wird – und hat in diesem Rahmen bemerkenswert scharfe Testbilder vom Planeten Neptun, von Sternhaufen und anderen Objekten aufgenommen. Das bahnbrechende MUSE-Instrument kann ab sofort im sogenannten Narrow-Field-Modus mit dem adaptiven Optikmodul GALACSI diese neue Technik nutzen, um Turbulenzen in verschiedenen Höhen in der Erdatmosphäre zu korrigieren. Damit ist jetzt möglich, Bilder vom Erdboden im sichtbaren Licht aufzunehmen, die schärfer sind als die des NASA/ESA Hubble-Weltraumteleskops. Die Kombination aus exquisiter Bildschärfe und den spektroskopischen Fähigkeiten von MUSE wird es den Astronomen ermöglichen, die Eigenschaften astronomischer Objekte viel detaillierter als bisher zu untersuchen.

Das MUSE-Instrument (kurz für Multi Unit Spectroscopic Explorer) am Very Large Telescope (VLT) der ESO arbeitet mit einer adaptiven Optikeinheit namens GALACSI. Dabei kommt auch die Laser Guide Stars Facility, kurz ...

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Stadtklima verbessern, Energiemix optimieren, sauberes Trinkwasser bereitstellen

19.07.2018 | Veranstaltungen

Innovation – the name of the game

18.07.2018 | Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Neue Anwendungen für Mikrolaser in der Quanten-Nanophotonik

20.07.2018 | Physik Astronomie

Need for speed: Warum Malaria-Parasiten schneller sind als die menschlichen Abwehrzellen

20.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Die Gene sind nicht schuld

20.07.2018 | Medizin Gesundheit

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics