Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kontaktscheue Mäuse

29.01.2008
Göttinger Max-Planck-Forscher entwickeln ein neues Mausmodell für die Autismusforschung

Erkrankungen aus dem Autismus-Spektrum gehören zu den häufigsten Entwicklungsstörungen des menschlichen Gehirns. Sie sind durch ein gestörtes Sozialverhalten, eine verzögerte oder völlig ausbleibende Sprachentwicklung und sich wiederholende Verhaltensmuster charakterisiert und werden hauptsächlich durch genetische Faktoren verursacht. Göttinger Hirnforscher haben nun in Mäusen die Folgen einer genetischen Veränderung untersucht, die beim Menschen zu einer familiär erblichen Form des Autismus führt. Entsprechend genetisch veränderte Mäuse zeigen selektive Störungen im Kommunikations- und Sozialverhalten, die den Symptomen von Autismus ähneln. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass ihr neues Tiermodell die Entwicklung von Autismus-Therapien erheblich beschleunigen wird. (PNAS, Online-Veröffentlichung, 28. Januar 2008)



Eine normale Maus interessiert sich für ihren Artgenossen im Käfig (oben); eine Maus mit einer Mutation, die bei Menschen Autismus verursacht, tut dies nicht (unten). Die hinzukommende Maus wird durch einen kleinen Drahtkäfig geschützt, um Revier-Rangeleien zu vermeiden, die schon kurz nach der Interaktion einsetzen würden. Bild: Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin


Raymond lernt Telefonbücher auswendig, kann 1045 und 346 in Windeseile multiplizieren und hat die restlichen, noch verdeckten Karten bei einem Kartenspiel im Kopf. Andererseits ist er völlig unfähig, den normalen Alltag zu bewältigen. Er kann kommunizieren und versteht, was man zu ihm sagt, doch wirklich begreifen tut er nur das wenigste. Der US-amerikanische Spielfilm 'Rain Man' schilderte die Alltagssituation eines Autisten. Tatsächlich sind die im Film beschriebenen Inselbegabungen und Hochbegabung bei Autisten jedoch eher selten - etwa 60 % der Betroffenen leiden unter einer geistigen Behinderung. Doch die typischen Symptome des Autismus wie Störungen beim Spracherwerb, ein gestörtes Sozialverhalten sowie stereotype oder sich wiederholende Interessen und Verhaltensweisen brachte Dustin Hoffman in der Rolle des Raymond eindrucksvoll zum Ausdruck.

Der Begriff 'Autismus' umfasst eine ganze Gruppe von Erkrankungen. Sie werden ganz wesentlich durch genetische Faktoren verursacht, wie Forscher bereits vor Jahren durch Studien an eineiigen Zwillingen nachgewiesen haben: Leidet einer der beiden Zwillinge an Autismus, dann erkrankt der zweite Zwilling mit einer Wahrscheinlichkeit von fast 90 % ebenfalls an einer autistischen Störung. Darüber hinaus zeigen neueste Erkenntnisse, dass Autismus in etwa 1-3 % aller Fälle - ähnlich wie die Mukoviszidose - sogar durch die Mutation eines einzigen Gens hervorgerufen werden kann. "Bei den meisten dieser monogen erblichen, nicht-syndromalen Autismus-Formen ist das Neuroligin-4-Gen mutiert", erklärt Nils Brose, Direktor am Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin in Göttingen. Dieses Gen ist für die Produktion eines Proteins verantwortlich, das die Signalübertragung zwischen Nervenzellen reguliert.

... mehr zu:
»Autismus »Tiermodell
Zusammen mit der Neurologin und Psychiaterin Hannelore Ehrenreich, Leiterin der Division Klinische Neurowissenschaften am Göttinger Max-Planck-Institut, und der Verhaltensforscherin Julia Fischer vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen hat der Neurobiologe eigens erzeugte genetisch veränderte Mäuse untersucht. Sie besitzen - genau wie die entsprechenden Autismus-Patienten - kein funktionierendes Neuroligin-4-Gen mehr. Vollkommen überrascht zeigten sich die Forscher vom Verhalten dieser Mäuse, das in bestimmten Bereichen deutlich an Autismus erinnert: "Im Gegensatz zu ihren normalen Geschwistern zeigen Mäuse mit einer Neuroligin-4-Mutation kein besonderes Interesse für ihre Artgenossen. Und was noch interessanter ist: Sie kommunizieren weniger mit anderen Mäusen", sagt Brose. Normale Mäuse tauschen sich mittels Ultraschall-Rufen untereinander aus, etwa wenn ein Männchen auf ein brünstiges Weibchen trifft. Diese Art der Kommunikation ist bei Neuroligin-4-mutanten Mäusen erheblich gestört.

Weil diese Mäuse keine anderen Verhaltensauffälligkeiten zeigen, glauben die Göttinger Forscher, dass ihr Tiermodell auf ideale Weise für die Autismus-Forschung geeignet ist. "In gewisser Weise kopieren unsere Mäuse die Leitsymptome von Autismus beim Menschen. Was die Selektivität der mit Autismus vergleichbaren Verhaltensänderungen angeht, gibt es aus unserer Sicht derzeit kein besseres Tiermodell für Autismus als unsere Mäuse", meint Brose. Ob dieses Tiermodell zur Entwicklung neuer Diagnose- und Therapieverfahren dienen kann, sollen weitere Studien zeigen.

Originalveröffentlichung:

Stephane Jamain, Konstantin Radyushkin, Kurt Hammerschmidt, Sylvie Granon, Susann Boretius, Frederique Varoqueaux, Nelina Ramanantsoa, Jorge Gallego, Anja Ronnenberg, Dorina Winter, Jens Frahm, Julia Fischer, Thomas Bourgeron, Hannelore Ehrenreich and Nils Brose
Reduced social interaction and ultrasonic communication in a mouse model of monogenic heritable autism

PNAS, Online Early Edition, 28. Januar 2008

Dr. Bernd Wirsing | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de

Weitere Berichte zu: Autismus Tiermodell

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Parasit tarnt sich durch Umstrukturierung
18.10.2018 | Ludwig-Maximilians-Universität München

nachricht Was macht Graphen in der Lunge?
18.10.2018 | Empa - Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Größter Galaxien-Proto-Superhaufen entdeckt

Astronomen enttarnen mit dem ESO Very Large Telescope einen kosmischen Titanen, der im frühen Universum lauert

Ein Team von Astronomen unter der Leitung von Olga Cucciati vom Istituto Nazionale di Astrofisica (INAF) Bologna hat mit dem VIMOS-Instrument am Very Large...

Im Focus: Auf Wiedersehen, Silizium? Auf dem Weg zu neuen Materalien für die Elektronik

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Polymerforschung (MPI-P) in Mainz haben zusammen mit Wissenschaftlern aus Dresden, Leipzig, Sofia (Bulgarien) und Madrid (Spanien) ein neues, metall-organisches Material entwickelt, welches ähnliche Eigenschaften wie kristallines Silizium aufweist. Das mit einfachen Mitteln bei Raumtemperatur herstellbare Material könnte in Zukunft als Ersatz für konventionelle nicht-organische Materialien dienen, die in der Optoelektronik genutzt werden.

Bei der Herstellung von elektronischen Komponenten wie Solarzellen, LEDs oder Computerchips wird heutzutage vorrangig Silizium eingesetzt. Für diese...

Im Focus: Goodbye, silicon? On the way to new electronic materials with metal-organic networks

Scientists at the Max Planck Institute for Polymer Research (MPI-P) in Mainz (Germany) together with scientists from Dresden, Leipzig, Sofia (Bulgaria) and Madrid (Spain) have now developed and characterized a novel, metal-organic material which displays electrical properties mimicking those of highly crystalline silicon. The material which can easily be fabricated at room temperature could serve as a replacement for expensive conventional inorganic materials used in optoelectronics.

Silicon, a so called semiconductor, is currently widely employed for the development of components such as solar cells, LEDs or computer chips. High purity...

Im Focus: Blauer Phosphor – jetzt erstmals vermessen und kartiert

Die Existenz von „Blauem“ Phosphor war bis vor kurzem reine Theorie: Nun konnte ein HZB-Team erstmals Proben aus blauem Phosphor an BESSY II untersuchen und über ihre elektronische Bandstruktur bestätigen, dass es sich dabei tatsächlich um diese exotische Phosphor-Modifikation handelt. Blauer Phosphor ist ein interessanter Kandidat für neue optoelektronische Bauelemente.

Das Element Phosphor tritt in vielerlei Gestalt auf und wechselt mit jeder neuen Modifikation auch den Katalog seiner Eigenschaften. Bisher bekannt waren...

Im Focus: Chemiker der Universitäten Rostock und Yale zeigen erstmals Dreierkette aus gleichgeladenen Ionen

Die Forschungskooperation zwischen der Universität Yale und der Universität Rostock hat neue wissenschaftliche Ergebnisse hervorgebracht. In der renommierten Zeitschrift „Angewandte Chemie“ berichten die Wissenschaftler über eine Dreierkette aus Ionen gleicher Ladung, die durch sogenannte Wasserstoffbrücken zusammengehalten werden. Damit zeigen die Forscher zum ersten Mal eine Dreierkette aus gleichgeladenen Ionen, die sich im Grunde abstoßen.

Die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen den Professoren Mark Johnson, einem weltbekannten Cluster-Forscher, und Ralf Ludwig aus der Physikalischen Chemie der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Rettungsdienst und Feuerwehr - Beschaffung von Rettungsdienstfahrzeugen, -Geräten und -Material

18.10.2018 | Veranstaltungen

11. Jenaer Lasertagung

16.10.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Dezember 2018

16.10.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Nanodiamanten als Photokatalysatoren

18.10.2018 | Materialwissenschaften

Schichten aus Braunschweig auf dem Weg zum Merkur

18.10.2018 | Physik Astronomie

Rettungsdienst und Feuerwehr - Beschaffung von Rettungsdienstfahrzeugen, -Geräten und -Material

18.10.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics