Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Bereits Spuren von Insektiziden machen Wespen geruchsblind

15.02.2017

Biologen der Universität Regensburg untersuchten in einer Studie die Wirkung des Insektizids Imidacloprid auf parasitische Wespen, die andere Insekten parasitieren und so quasi als natürliche Schädlingsbekämpfer dienen. Sie fanden heraus, dass selbst geringste Mengen des Wirkstoffes die Wahrnehmung von chemischen Signalen bei den Insekten stören, so dass sie nicht mehr in der Lage sind, Paarungspartner und Wirte für die Eiablage zu finden.

„Was uns nicht tötet, härtet uns ab.“ Diese häufig gebrauchte Floskel gilt nicht unbedingt für Insekten, wenn sie mit geringen Dosen hochwirksamer Insektizide, sogenannten Neonicotinoiden, in Kontakt kommen. Viele Insektizide sind Nervengifte, die z. B. die Sinneswahrnehmung oder die Muskelfunktion von Tieren beeinträchtigen.


Porträt eines Nasonia vitripennis-Weibchens auf ihrem Wirt sitzend (Fliegenpuppe)

Prof. Dr. Joachim Ruther – Zur ausschließlichen Verwendung im Rahmen der Berichterstattung zu dieser PM

Wirkstoffe wie das Insektizid Imidacloprid können sich in der Umwelt anreichern und mit Organismen in Kontakt kommen, gegen die sie ursprünglich gar nicht eingesetzt wurden. Wirkstoffe aus der Gruppe der Neonicotinoide stehen aktuell besonders im Fokus, da für sie bereits zahlreiche negative Effekte auf Bienen und andere Bestäuber nachgewiesen wurden.

Forscher der Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Joachim Ruther, Professur für Chemische Ökologie an der Universität Regensburg, konnten jetzt zeigen, dass auch andere Nutzinsekten durch geringe Dosen des Wirkstoffs Imidacloprid geschädigt werden. Sie untersuchten die Wirkung von Imidacloprid auf die Wahrnehmung chemischer Signale bei der parasitischen Wespe Nasonia vitripennis.

Parasitische Wespen spielen als natürliche Feinde anderer Insekten eine wichtige Rolle für das Funktionieren von Ökosystemen, indem sie die Dichte und Ausbreitung ihrer Wirte natürlich regulieren. Die Regensburger Forscher fanden heraus, dass Wespenweibchen, die mit geringsten Dosen von Imidacloprid behandelt wurden, den männlichen Sexuallockstoff nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr wahrnehmen.

Zudem können die weiblichen Wespen ihre Wirte nicht mehr über den Geruch lokalisieren. Auch in ihrem Balzverhalten sind die Wespen durch das Insektizid eingeschränkt, so dass es, abhängig von der Dosis, in bis zu 80 % der Experimente zu gar keiner Paarung mehr kam.

„Diese Einschränkungen des Geruchssinns, die wir im Labor festgestellt haben, dürften auch in der Natur drastische Folgen für den Fortpflanzungserfolg der Wespen haben“, erklärt Professor Dr. Joachim Ruther. Dies würde dann wahrscheinlich auch die wichtige Funktion dieser Tiere als natürliche Schädlingsbekämpfer beeinträchtigen. „Wir befürchten zudem, dass die Effekte nicht nur auf andere parasitische Wespen, sondern auf Insekten generell übertragbar sind“, so Ruther.

Berücksichtigt man die Bedeutung des chemischen Sinnes für den Reproduktionserfolg von Insekten sowie ihre Rolle als Nahrungsquelle für andere Tiere, wie z. B. Singvögel, könnte das dramatische Folgen für die Umwelt haben.

Bei der Massenproduktion von Agrarprodukten ist der Gebrauch von Insektiziden weit verbreitet, um Nutzpflanzen vor Insektenbefall zu schützen. Die weltweit am meisten verwendete Wirkstoffklasse sind die so genannten Neonicotinoide, chemisch relativ stabile Nervengifte, mit denen oft Saatgut behandelt wird. Nach dem Auskeimen werden die Wirkstoffe über die Pflanzenwurzeln aufgenommen und finden sich in geringen Mengen auch in Nektar und Pollen.

Die Zulassung der drei wichtigsten Neonicotinoide Imidacloprid, Thiamethoxam und Clothianidin wurde 2013 von der Europäischen Union für solche Pflanzen ausgesetzt, die attraktiv für Bienen sind, da die Wirkstoffe bereits in nicht tödlichen Mengen negative Effekte auf Bienen und andere Bestäuber haben. Neonicotinoide werden daher auch in Zusammenhang mit dem derzeit beobachteten Rückgang von Wildbienen gebracht. Über die Wirkung von nicht tödlichen Dosen von Neonicotinoiden auf andere nützliche Insekten war hingegen bislang kaum etwas bekannt.

Die Ergebnisse der Studie wurden gerade in der renommierten Fachzeitschrift „Scientific Reports“ veröffentlicht (Scientific Reports 7:42756. DOI: 10.1038/srep42756)

Titel der Studie: Tappert, L., Pokorny, T., Hofferberth J. & Ruther, J. (2017) „Sublethal doses of imidacloprid disrupt sexual communication and host finding in a parasitoid wasp.“

Ansprechpartner für Medienvertreter:
Prof. Dr. Joachim Ruther
Universität Regensburg
Professur für Chemische Ökologie
Telefon: 0941 943-2151
E-Mail: Joachim.Ruther@ur.de

Petra Riedl | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.uni-regensburg.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Anomale Kristalle: ein Schlüssel zu atomaren Strukturen von Schmelzen im Erdinneren
16.11.2018 | Universität Bayreuth

nachricht Günstiger Katalysator für das CO2-Recycling
16.11.2018 | Ruhr-Universität Bochum

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Rasende Elektronen unter Kontrolle

Die Elektronik zukünftig über Lichtwellen kontrollieren statt Spannungssignalen: Das ist das Ziel von Physikern weltweit. Der Vorteil: Elektromagnetische Wellen des Licht schwingen mit Petahertz-Frequenz. Damit könnten zukünftige Computer eine Million Mal schneller sein als die heutige Generation. Wissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) sind diesem Ziel nun einen Schritt nähergekommen: Ihnen ist es gelungen, Elektronen in Graphen mit ultrakurzen Laserpulsen präzise zu steuern.

Eine Stromregelung in der Elektronik, die millionenfach schneller ist als heutzutage: Davon träumen viele. Schließlich ist die Stromregelung eine der...

Im Focus: UNH scientists help provide first-ever views of elusive energy explosion

Researchers at the University of New Hampshire have captured a difficult-to-view singular event involving "magnetic reconnection"--the process by which sparse particles and energy around Earth collide producing a quick but mighty explosion--in the Earth's magnetotail, the magnetic environment that trails behind the planet.

Magnetic reconnection has remained a bit of a mystery to scientists. They know it exists and have documented the effects that the energy explosions can...

Im Focus: Eine kalte Supererde in unserer Nachbarschaft

Der sechs Lichtjahre entfernte Barnards Stern beherbergt einen Exoplaneten

Einer internationalen Gruppe von Astronomen unter Beteiligung des Max-Planck-Instituts für Astronomie in Heidelberg ist es gelungen, beim nur sechs Lichtjahre...

Im Focus: Mit Gold Krankheiten aufspüren

Röntgenfluoreszenz könnte neue Diagnosemöglichkeiten in der Medizin eröffnen

Ein Präzisions-Röntgenverfahren soll Krebs früher erkennen sowie die Entwicklung und Kontrolle von Medikamenten verbessern können. Wie ein Forschungsteam unter...

Im Focus: Ein Chip mit echten Blutgefäßen

An der TU Wien wurden Bio-Chips entwickelt, in denen man Gewebe herstellen und untersuchen kann. Die Stoffzufuhr lässt sich dabei sehr präzise dosieren.

Menschliche Zellen in der Petrischale zu vermehren, ist heute keine große Herausforderung mehr. Künstliches Gewebe herzustellen, durchzogen von feinen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Event News

“3rd Conference on Laser Polishing – LaP 2018” Attracts International Experts and Users

09.11.2018 | Event News

On the brain’s ability to find the right direction

06.11.2018 | Event News

European Space Talks: Weltraumschrott – eine Gefahr für die Gesellschaft?

23.10.2018 | Event News

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Mikroplastik in Kosmetik

16.11.2018 | Studien Analysen

Neue Materialien – Wie Polymerpelze selbstorganisiert wachsen

16.11.2018 | Materialwissenschaften

Anomale Kristalle: ein Schlüssel zu atomaren Strukturen von Schmelzen im Erdinneren

16.11.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics