Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Auch Vögel bilden komplexe Gesellschaften

05.11.2019

Erstes Vorkommen einer mehrschichtigen Gesellschaftsform bei einem Nichtsäugetier zeigt, dass ein großes Gehirn keine Voraussetzung für die Bildung komplexer Gesellschaften ist.

Mehrschichtige Gesellschaften waren bislang nur bei Säugetieren mit großem Gehirn bekannt, wie zum Beispiel beim Menschen, anderen Primaten, Elefanten, Giraffen und Delfinen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie in Konstanz sowie der Universität Konstanz berichten nun, auch bei einem Vogel mit kleinem Gehirn, dem Geierperlhuhn (Acryllium vulturinum), eine mehrschichtige Gesellschaftsform beobachtet zu haben.


Geierperlhühner bewegen sich in Gruppen mit engem Zusammenhalt fort.

James Klarevas


Geierperlhühner können ausgesprochen große Gruppen bilden. Wenn mehrere Gruppen in Kontakt kommen, kann die Anzahl der Tiere in die Hunderte gehen.

Danai Papageorgiou

Die aktuell in der Zeitschrift Current Biology veröffentlichte Studie legt nahe, dass die Vögel den Überblick über soziale Vereinigungen mit Hunderten anderer Individuen behalten können – was die Vorstellung in Frage stellt, dass ein großes Gehirn Voraussetzung für die Bildung komplexer Gesellschaften sei. Die Studie liefert zudem einen Hinweis darauf, wie sich diese Gesellschaften entwickelt haben könnten.

Mehrschichtige Gesellschaften

Mehrschichtige Gesellschaften entstehen, wenn soziale Einheiten von Tieren, wie zum Beispiel Pärchen, Gruppen mit stabiler Zugehörigkeit bilden, und diese Gruppen dann bevorzugt mit bestimmten anderen Gruppen Umgang pflegen.

Da dies erfordert, dass die Tiere den Überblick über die Individuen sowohl in ihrer eigenen als auch in anderen Gruppen behalten müssen, wurde lange Zeit davon ausgegangen, dass mehrschichtige Gesellschaften nur bei Arten mit der entsprechenden Intelligenz vorkommen, um diese Komplexität zu bewältigen. Es gibt zwar viele Vogelarten, die in Gruppen leben, diese sind jedoch entweder offen, langfristig nicht stabil oder sehr territorial, mit wenig Kontakt zu anderen Gruppen.

Geierperlhühner stellen dagegen eine bemerkenswerte Ausnahme dar: Die Forschenden beobachteten, dass diese Vögel, die aus einer alten, eher Dinosauriern als Vögeln gleichenden Linie stammen, einen sehr starken Zusammenhalt pflegen, ohne dabei die charakteristische Aggression gegenüber anderen Gruppen zu zeigen, wie sie bei anderen in Gruppen lebenden Vögeln üblich ist. Und das, obwohl sie ein relativ kleines Gehirn haben, selbst im Vergleich zu anderen Vögeln.

„Sie schienen die richtigen Elemente zu vereinen, um komplexe soziale Strukturen zu bilden, und dennoch war nichts über sie bekannt“, sagt Danai Papageorgiou, Erstautor der Veröffentlichung und Doktorand am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie.

Feldstudie in Kenia

Diese Studie ist die erste, die jemals an dieser Vogelart durchgeführt wurde. Sie verfolgte über ein Jahr hinweg die sozialen Beziehungen einer Population von über 400 erwachsenen Vögeln in einem Forschungsgebiet in Kenia. Die Forschenden markierten jeden einzelnen Vogel und entdeckten im Laufe ihrer Beobachtungen, dass die Population 18 verschiedene soziale Gruppen umfasste (mit jeweils 13 bis 65 Individuen).

Auffällig war, dass diese Gruppen stabil blieben, obwohl sie sich sowohl tagsüber als auch nachts regelmäßig mit einer oder mehreren anderen Gruppen überschnitten. Um zu sehen, ob diese Gruppen bevorzugt miteinander Umgang pflegten, brachten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an einer Stichprobe von Individuen in jeder Gruppe GPS-Tags an. Somit konnten sie die Position jeder einzelnen Gruppe jeden Tag kontinuierlich erfassen und gleichzeitig beobachten, wie alle 18 Gruppen in der Population interagierten.

Die Beobachtungen ergaben, dass sich die Gruppen auf Präferenzen basierend und nicht zufällig miteinander vermengten. Sie zeigten auch, dass Interaktionen zwischen den Gruppen verstärkt zu bestimmten Zeiträumen des Jahres und um charakteristische Punkte der Landschaft herum stattfinden.

„Nach unserer Kenntnis ist dies das erste Mal, dass eine solche soziale Struktur bei Vögeln beschrieben wurde“, so Papageorgiou. „Es ist schon bemerkenswert, Hunderte von Vögeln zu beobachten, die jeden Tag aus dem Schlafplatz kommen und sich perfekt in völlig stabile Gruppen aufteilen. Wie stellen sie das an? Das hat ganz offensichtlich nicht nur mit Intelligenz zu tun.“

Mechanismen komplexer Gesellschaften

Obwohl noch weitgehend unerforscht, so haben die Perlhühner doch unser Verständnis über die Entstehung von Sozialität ins Wanken gebracht.

„Diese Entdeckung wirft eine Menge Fragen über die grundlegenden Mechanismen komplexer Gesellschaften auf und eröffnet spannende Forschungsperspektiven, welche Eigenschaften diese Vögel dazu gebracht haben, ein Sozialsystem zu entwickeln, das in vielerlei Hinsicht eher dem von Primaten gleicht als dem von anderen Vögeln“, erklärt Dr. Damien Farine, Hauptautor der Veröffentlichung und maßgeblich beteiligter Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie und dem Exzellenzcluster Centre for the Advanced Study of Collective Behaviour an der Universität Konstanz.

Geierperlhühner geben uns wichtige Hinweise darauf, wie sich komplexe Gesellschaften entwickelt haben könnten. „Viele Beispiele für mehrschichtige Gesellschaften – Primaten, Elefanten und Giraffen – könnten sich unter ähnlichen ökologischen Bedingungen wie das Geierperlhuhn entwickelt haben“, so Damien Farine.

Faktenübersicht:

- Originalpublikation: The multilevel society of a small-brained bird. Danai Papageorgiou, Charlotte Christensen, Gabriella E.C. Gall, James A. Klarevas-Irby, Brendah Nyaguthii, Iain D. Couzin, Damien R. Farine. Current Biology. DOI: 10.1016/j.cub.2019.09.072

- Die Studie wird am 4. November um 17 Uhr MEZ (11 Uhr US-Ostküstenzeit) im Journal Current Biology in gedruckter Form und online veröffentlicht.

- Damien Farine wurde kürzlich vom Europäischen Forschungsrat (ERC) ein fünfjähriger ERC Starting Grant (Förderhöhe: 1,5 Millionen Euro) bewilligt, um zu untersuchen, wie ökologische Faktoren eine solche Gesellschaft prägen und wie diese Vögel ihre gemeinsame Fortbewegung koordinieren, die ihnen die Aufrechterhaltung ihrer stabilen sozialen Gruppen ermöglicht.

- Die Autoren Danai Papageorgiou, James Klaveras, Iain Couzin und Damien Farine sind Mitglieder des Exzellenzclusters Centre for the Advanced Study of Collective Behaviour an der Universität Konstanz.

- Das Forschungsprojekt wurde gefördert durch die Max-Planck-Gesellschaft, die Daimler und Benz-Stiftung, durch die Association for the Study of Animal Behaviour sowie durch einen National Geographic Young Explorers Grant.

Hinweis an die Redaktionen:
Fotos können im Folgenden heruntergeladen werden:

https://cms.uni-konstanz.de/fileadmin/pi/fileserver/2019/Bilder/geierperlhuehner...
Bildunterschrift: Geierperlhühner bewegen sich in Gruppen mit engem Zusammenhalt fort. Dies ermöglicht ihnen bei ihren Zügen durch die Landschaft, sich gegenseitig zu koordinieren sowie stabile Gruppenzugehörigkeiten über längere Zeiträume aufrechtzuerhalten.
Bild: James Klarevas

https://cms.uni-konstanz.de/fileadmin/pi/fileserver/2019/Bilder/geierperlhuehner...
Bildunterschrift: Geierperlhühner können ausgesprochen große Gruppen bilden. Wenn mehrere Gruppen in Kontakt kommen, kann die Anzahl der Tiere in die Hunderte gehen. Sobald sich diese „vereinten Gruppen“ jedoch wieder aufteilen, formieren sich die Tiere erneut in ihren ursprünglichen, stabilen Gruppen. Das bedeutet, dass die einzelnen Tiere wissen, wer Teil ihrer Gruppe ist und wer nicht.
Bild: Danai Papageorgiou

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Dr. Damien Farine, Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Konstanz und Exzellenzcluster Centre for the Advanced Study of Collective Behaviour an der Universität Konstanz

Originalpublikation:

The multilevel society of a small-brained bird. Danai Papageorgiou, Charlotte Christensen, Gabriella E.C. Gall, James A. Klarevas-Irby, Brendah Nyaguthii, Iain D. Couzin, Damien R. Farine. Current Biology. DOI: 10.1016/j.cub.2019.09.072

Julia Wandt | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.uni-konstanz.de

Weitere Berichte zu: Biology GPS-Tags Gehirn Geierperlhühner Giraffen Intelligenz Verhaltensbiologie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Wie Zellen unsere Organe dichthalten
05.11.2019 | Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik

nachricht Synthetische Phagen mit programmierbarer Spezifität
04.11.2019 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Gedächtniseffekt auf Einzelatom-Ebene

Eine internationale Forschungsgruppe hat an einem künstlichen Riesenatom neue Quanteneigenschaften beobachtet und ihre Ergebnisse nun im hochrangigen Fachjournal Nature Physics veröffentlicht. Das untersuchte Quantensystem weist offenbar ein Gedächtnis auf – eine neue Erkenntnis, die man für den Bau eines Quantencomputers nutzen könnte.

Die Forschergruppe aus deutschen, schwedischen und indischen Wissenschaftlern hat ein künstliches Quantensystem untersucht und dabei neue Eigenschaften...

Im Focus: A Memory Effect at Single-Atom Level

An international research group has observed new quantum properties on an artificial giant atom and has now published its results in the high-ranking journal Nature Physics. The quantum system under investigation apparently has a memory - a new finding that could be used to build a quantum computer.

The research group, consisting of German, Swedish and Indian scientists, has investigated an artificial quantum system and found new properties.

Im Focus: Shedding new light on the charging of lithium-ion batteries

Exposing cathodes to light decreases charge time by a factor of two in lithium-ion batteries.

Researchers at the U.S. Department of Energy's (DOE) Argonne National Laboratory have reported a new mechanism to speed up the charging of lithium-ion...

Im Focus: Visible light and nanoparticle catalysts produce desirable bioactive molecules

Simple photochemical method takes advantage of quantum mechanics

Northwestern University chemists have used visible light and extremely tiny nanoparticles to quickly and simply make molecules that are of the same class as...

Im Focus: An amazingly simple recipe for nanometer-sized corundum

Almost everyone uses nanometer-sized alumina these days - this mineral, among others, constitutes the skeleton of modern catalytic converters in cars. Until now, the practical production of nanocorundum with a sufficiently high porosity has not been possible. The situation has changed radically with the presentation of a new method of nanocorundum production, developed as part of a German-Polish cooperation of scientists from Mülheim an der Ruhr and Cracow.

High temperatures and pressures, processes lasting for even dozens of days. Current methods of producing nanometer-sized alumina, a material of significant...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Hochentropie-Legierungen für heiße Turbinen und unermüdliche Pressen

05.11.2019 | Veranstaltungen

Herrenhausen Late: „It’s Laser-Time! Über die Vorzüge gebündelten Lichts“

04.11.2019 | Veranstaltungen

Zukunft HR - Die Online Fokus Herbstkonferenz 2019 vom 4. bis 8. November

01.11.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Hochentropie-Legierungen für heiße Turbinen und unermüdliche Pressen

05.11.2019 | Veranstaltungsnachrichten

Rastertunnelmikroskop zeigt Magnetismus in atomarer Auflösung

04.11.2019 | Physik Astronomie

Synthetische Phagen mit programmierbarer Spezifität

04.11.2019 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics