Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Nicht der Artenreichtum ist bedroht sondern der Reichtum ökologischer Entwürfe

23.03.2010
Jahr der Biodiversität: Selektiver Holzeinschlag gilt als nachhaltige Methode, den Regenwald zu bewirtschaften. Ob es wirklich ein schonender Weg ist, untersuchen Biologen der TU Berlin

Amphibien sind für Biologen wie Monique Hölting und Raffael Ernst ideale Forschungsobjekte. Die beiden Wissenschaftler untersuchen, wie sich das Eingreifen des Menschen auf die verschiedenen Ebenen biologischer Vielfalt, also zum Beispiel auf die Artenanzahl oder die ökologischen Eigenschaften einer Tierart auswirken.

"Und Frösche eignen sich hierfür außerordentlich gut, da sie besonders empfindlich und rasch auf Veränderungen ihrer Umwelt wie Holzeinschlag reagieren", erklärt Monique Hölting, die am Fachgebiet Biodiversitätsdyna-mik promoviert, das von Prof. Dr. Frank Dziock geleitet wird.

In einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekt wollen Monique Hölting und der Leiter des Vorhabens, Raffael Ernst, in den kommenden drei Jahren untersuchen, welche Auswirkungen eine scheinbar schonende Methode des Holzeinschlages auf Artenreichtum und die Artenvielfalt tatsächlich hat. Dabei werden sie sich nicht auf die im Naturschutz gängige Praxis beschränken, lediglich die Anzahl der Arten in einem vorher bestimmten Ökosystem zu zählen und zu vergleichen. Vielmehr werden sie minutiös die ökologischen Eigenschaften, also die Lebensweise einzelner Arten dokumentieren, da es oftmals genau diese sind, die darüber bestimmen, ob eine Art ausstirbt oder überlebt.

Ab April 2010 wird Monique Hölting im Regenwald im Norden Guyanas forschen. Dort wird sie mit dem "Iwokrama International Centre for Rainforest Conservation and Development", das Guyanas Regenwälder schützt und nachhaltig bewirtschaftet, eng zusammenarbeiten. Die Holzwirtschaft, die unter Kontrolle des Zentrums betrieben wird, trägt das Ökosiegel FSC (Forest Stewardship Council). Dieses Siegel begrenzt den Holzeinschlag strikt. So dürfen auf einer Regenwaldfläche von hundert mal hundert Metern zum Beispiel durchschnittlich nur zwei bis drei Bäume geschlagen werden. Erst nach 60 Jahren ist eine erneute Bewirtschaftung der Flächen erlaubt.

Bislang geht man davon aus, dass dieses Vorgehen den Wald schont und die Lebensweise der Frösche und anderer Tiere dadurch kaum berührt wird. Ob diese Vermutung stimmt, ist bisher allerdings noch nie wissenschaftlich untersucht worden. Innerhalb des DFG-Vorhabens wird Monique Hölting dies nun tun.

Die Ansprüche, die besonders tropische Amphibien an ihre Umwelt stellen, sind so vielfältig wie ihre Überlebensstrategien: So kleben Glasfrösche ihre Eier in vier bis sechs Metern Höhe an die Unterseite von Blättern, die über einem Bach oder Fluss im Regenwald hängen. Schlüpft die Larve aus dem Ei, fällt sie sofort in ihren Lebensraum. Andere Froscharten schleppen ihre Kaulquappen auf dem Rücken zu einem Gewässer. "Finden sie kein geeig-netes, bürden sie ihre Brut ähnlich wie ein Kuckuck seinen Nachwuchs einfach fremden Arten auf", berichtet Monique Hölting. Sie lassen ihre Larven einfach in die Schaumnester fallen, die andere Amphibien aus Körpersekreten produziert haben. In der Luft trocknet die äußere Schicht dieser schaumartigen Gebilde aus und die Amphibienlarven haben ein Mini-Aquarium, in dem sie sich geschützt vor Feinden und Austrocknung ungestört entwickeln können.

Durch das Fällen von Bäumen kann sich das lokale Mikroklima drastisch ändern. Einerseits besteht dadurch die Gefahr, dass sich die Lebensbedingungen für bestimmte Frösche so modifizieren, dass sie aussterben, weil zum Beispiel die Sonneneinstrahlung intensiver geworden ist und die Verfügbarkeit geeigneter Fortpflanzungsorte dadurch eingeschränkt wurde. Für die Larvenentwicklung erforderliche Zeitspannen können sich so drastisch verkürzen, so dass die Entwicklung hin zum erwachsenen Frosch gar nicht mehr abgeschlossen werden kann. Andererseits können durch den Eingriff des Menschen aber auch völlig neue Lebensraumstrukturen entstehen, die für andere Arten wiederum von Nutzen sind. "Würde man jetzt nur die Arten zählen, ohne genau zu untersuchen, wie sich der Lebensraum und damit die Lebensbedingungen verändert haben, würde Wissenschaft die Wirklichkeit verzerrt abbilden", erklärt Monique Hölting. Im schlimmsten Fall ist aus einem Regenwaldgebiet eine halbtrockene Zone geworden, ohne dass sich an der Anzahl der Arten etwas verändert hat.

Monique Hölting wird 24 Flächen untersuchen, um zu dokumentieren, ob der Holzeinschlag zum Beispiel die Lebensweise der Glasfrösche in irgendeiner Weise tangiert. Acht Flächen liegen in einem bislang unberührten Regenwald, in dem auch zukünftig das Fällen von Bäumen untersagt ist. Acht weitere erstrecken sich auf ein Waldgebiet, in dem 2007 Bäume nach den FSC-Standards herausgeholt wurden. In den anderen acht Flächen findet der Holzeinschlag erst im Laufe des Jahres statt.

Tags wie nachts wird sie die Flächen ablaufen und dabei eben nicht nur die Anzahl der gefundenen Froscharten aufzeichnen, sondern deren Häufigkeit und die sie umgebenden Umweltfaktoren.

"Unsere bisherigen Ergebnisse aufgrund unserer Forschungen in Westafrika und Guyana weisen in dramatischer Weise darauf hin, dass menschliche Eingriffe meist unterschätzt werden, da sich Artenzahlen oftmals gar nicht ändern, sehr wohl aber Artenzusammensetzungen", erklärt Monique Hölting. Ganze Artengruppen sterben aus, während andere profitieren. Wir verlieren zwar oberflächlich nicht an Artenreichtum, sehr wohl aber an Reichtum ökologischer "Entwürfe".

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern: Monique Hölting, Fachgebiet Biodiversitätsdynamik terrestrischer Ökosysteme, Institut für Ökologie, Rothenburgstr. 12, 12165 Berlin, Tel.: 030/314-71501, E-Mail: monique.hoelting@tu-berlin.de

Dr. Kristina R. Zerges | idw
Weitere Informationen:
http://www.pressestelle.tu-berlin.de/?id=4608
http://www.pressestelle.tu-berlin.de/medieninformationen/
http://www.tu-berlin.de/?id=79104

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Klimafolgenforschung in Hannover: Kleine Pflanzen gegen große Wellen
17.08.2018 | Leibniz Universität Hannover

nachricht Forschende entschlüsseln das Alter feiner Baumwurzeln
17.08.2018 | Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Farbeffekte durch transparente Nanostrukturen aus dem 3D-Drucker

Neues Design-Tool erstellt automatisch 3D-Druckvorlagen für Nanostrukturen zur Erzeugung benutzerdefinierter Farben | Wissenschaftler präsentieren ihre Ergebnisse diese Woche auf der angesehenen SIGGRAPH-Konferenz

Die meisten Objekte im Alltag sind mit Hilfe von Pigmenten gefärbt, doch dies hat einige Nachteile: Die Farben können verblassen, künstliche Pigmente sind oft...

Im Focus: Color effects from transparent 3D-printed nanostructures

New design tool automatically creates nanostructure 3D-print templates for user-given colors
Scientists present work at prestigious SIGGRAPH conference

Most of the objects we see are colored by pigments, but using pigments has disadvantages: such colors can fade, industrial pigments are often toxic, and...

Im Focus: Eisen und Titan in der Atmosphäre eines Exoplaneten entdeckt

Forschende der Universitäten Bern und Genf haben erstmals in der Atmosphäre eines Exoplaneten Eisen und Titan nachgewiesen. Die Existenz dieser Elemente in Gasform wurde von einem Team um den Berner Astronomen Kevin Heng theoretisch vorausgesagt und konnte nun von Genfern Astronominnen und Astronomen bestätigt werden.

Planeten in anderen Sonnensystemen, sogenannte Exoplaneten, können sehr nah um ihren Stern kreisen. Wenn dieser Stern viel heisser ist als unsere Sonne, dann...

Im Focus: Magnetische Antiteilchen eröffnen neue Horizonte für die Informationstechnologie

Computersimulationen zeigen neues Verhalten von Antiskyrmionen bei zunehmenden elektrischen Strömen

Skyrmionen sind magnetische Nanopartikel, die als vielversprechende Kandidaten für neue Technologien zur Datenspeicherung und Informationsverarbeitung gelten....

Im Focus: Unraveling the nature of 'whistlers' from space in the lab

A new study sheds light on how ultralow frequency radio waves and plasmas interact

Scientists at the University of California, Los Angeles present new research on a curious cosmic phenomenon known as "whistlers" -- very low frequency packets...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

LaserForum 2018 thematisiert die 3D-Fertigung von Komponenten

17.08.2018 | Veranstaltungen

Aktuelles aus der Magnetischen Resonanzspektroskopie

16.08.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Oktober 2018

16.08.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Bionik im Leichtbau

17.08.2018 | Verfahrenstechnologie

Klimafolgenforschung in Hannover: Kleine Pflanzen gegen große Wellen

17.08.2018 | Biowissenschaften Chemie

HAWK-Ingenieurinnen und -Ingenieure entwickeln die leichteste 9to-LKW-Achse ihrer Art

17.08.2018 | Messenachrichten

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics