Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Antikörper auf Abwegen

22.10.2010
Stiff-Person-Syndrom: So heißt eine seltene Nervenerkrankung, deren Ursachen der Wissenschaft noch Rätsel aufgeben.

Ein Forschungsteam aus der Neurologischen Uniklinik hat jetzt Neues über die Krankheit herausgefunden. Beim Stiff-Person-Syndrom versteift sich die gesamte Körpermuskulatur erst anfallsartig, später dauerhaft. Platzangst und übergroße Schreckhaftigkeit kommen hinzu. Wenn die Krankheit voll ausgeprägt ist, können die Betroffenen weder gehen noch stehen; sie sind dann auf den Rollstuhl angewiesen.


Die krank machenden Antikörper (rot) von Patienten, die am Stiff-Person-Syndrom leiden, richten sich gegen das Protein Amphiphysin. Sie können Strukturen innerhalb von Nervenzellen erreichen, wie Würzburger Wissenschaftler nachgewiesen haben. Die Antikörper wurden mit Nanokristallen im Fluoreszenzmikroskop sichtbar gemacht. Bild: Christian Geis

Antikörper attackieren Gehirn und Rückenmark

Dem Syndrom liegt eine Immunerkrankung des Zentralen Nervensystems zu Grunde: Bestimmte Antikörper greifen in Gehirn und Rückenmark gezielt ein Protein an. Normalerweise wehren Antikörper gefährliche Eindringlinge wie Bakterien oder Viren ab. Sie können sich aber auch fälschlicherweise gegen den eigenen Körper richten, wie es beim Stiff-Person-Syndrom geschieht. Mediziner sprechen dann von einer Autoimmunkrankheit.

Beim Stiff-Person-Syndrom attackieren die fehlgeleiteten Antikörper das Protein Amphiphysin, das für die ordnungsgemäße Funktion der Schaltstellen zwischen Nervenzellen sowie zwischen Nerven und Muskeln wichtig ist. Nach der vorherrschenden Meinung in der Wissenschaft befindet sich dieses Protein innerhalb der Zellen – und sollte darum für Antikörper eigentlich gar nicht erreichbar sein.

GABA-Mangel führt zum Stiff-Person-Syndrom

Die Würzburger Forscher haben aber klar nachgewiesen, dass die aus Patienten isolierten Antikörper ihr Zielmolekül in den Zellen erreichen und spezifisch daran binden können. Über Zwischenschritte im Zellzyklus bewirken sie dann eine verminderte Freisetzung des Botenstoffs GABA, der die Aktivität der Nervenzellen bremst. Im Tiermodell führt das zu den typischen Symptomen des Stiff-Person-Syndroms, wie muskulärer Übererregbarkeit, Steifigkeit und Muskelkrämpfen.

Publikation in der Zeitschrift Brain

Claudia Sommer, Christian Geis und Klaus V. Toyka von der Neurologischen Uniklinik stellen ihre neuen Erkenntnisse in der aktuellen Ausgabe der renommierten Fachzeitschrift Brain vor. Die Publikation ist in Zusammenarbeit mit Manfred Heckmann entstanden, dem Leiter des Würzburger Instituts für Physiologie. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat die Arbeiten im Sonderforschungsbereich 581 „Molekulare Modelle für Erkrankungen des Nervensystems“ gefördert.

„Wir haben mit mehreren Techniken nachgewiesen, dass die Antikörper ihr Ziel erreichen“, sagt Claudia Sommer. Welche Schleichwege die Antikörper dafür nutzen, ist bislang nicht geklärt. Diese Frage wollen die Wissenschaftler als nächstes lösen.

Perspektiven für die Therapie

Wenn es gelingt, die Aktivität der Antikörper beispielsweise mit Medikamenten zu beeinflussen, könnten sich daraus neue Therapiemöglichkeiten ergeben. Das gilt nicht nur für das Stiff-Person-Syndrom, sondern auch für andere Gebiete: „Antikörper spielen auch bei Erkrankungen eine Rolle, die zusätzliche andere Ursachen haben“, sagt Christian Geis. Als Beispiel nennt er die Neuromyelitis optica, eine Krankheit, bei der Antikörper ihr zerstörerisches Werk gegen Rückenmark und Sehnerven richten.

Über das Stiff-Person-Syndrom

Das Stiff-Person-Syndrom gilt als seltene Erkrankung. Von einer Million Menschen trifft es im Durchschnitt eine Person. Die Würzburger Neurologische Klinik betreut insgesamt zehn Patienten.

Lindernd wirken sich bei den Betroffenen Blutwäschen aus, weil dadurch die schädlichen Antikörper vorübergehend aus dem Blut entfernt werden. Dauerhaft gelingt das nicht, denn die Antikörper werden von den B-Zellen des Immunsystems immer wieder neu produziert. Allerdings lassen sich auch die B-Zellen angreifen: mit Medikamenten, die ihre Aktivität hemmen. „Die Methode ist relativ neu und funktioniert bei einigen Patienten sehr gut“, so Claudia Sommer.

Geis, C, Weishaupt, A., Hallermann, S., Grünewald, B., Wessig, C., Wultsch, T., Reif, A., Byts, N., Beck, M., Jablonka, S., Boettger, M., Üçeyler, N., Fouquet, W., Gerlach, M., Meinck, H-M., Sirén, A-L., Sigrist, S.J., Toyka, K.V., Heckmann, M., Sommer, C. (2010). Stiff person syndrome-associated autoantibodies to amphiphysin mediate reduced GABAergic inhibition. Brain 2010; doi: 10.1093/brain/awq253

Kontakt

Dr. Christian Geis, Neurologische Klinik der Universität Würzburg, T (0931) 201-24617, geis_c@klinik.uni-wuerzburg.de

Prof. Dr. Claudia Sommer, Neurologische Klinik der Universität Würzburg, T (0931) 201-23763, sommer@mail.uni-wuerzburg.de

Robert Emmerich | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Need for speed: Warum Malaria-Parasiten schneller sind als die menschlichen Abwehrzellen
20.07.2018 | Universitätsklinikum Heidelberg

nachricht Erwiesen: Mücken können tropisches Chikungunya-Virus auch bei niedrigen Temperaturen verbreiten
20.07.2018 | Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Future electronic components to be printed like newspapers

A new manufacturing technique uses a process similar to newspaper printing to form smoother and more flexible metals for making ultrafast electronic devices.

The low-cost process, developed by Purdue University researchers, combines tools already used in industry for manufacturing metals on a large scale, but uses...

Im Focus: Rostocker Forscher entwickeln autonom fahrende Kräne

Industriepartner kommen aus sechs Ländern

Autonom fahrende, intelligente Kräne und Hebezeuge – dieser Ingenieurs-Traum könnte in den nächsten drei Jahren zur Wirklichkeit werden. Forscher aus dem...

Im Focus: Superscharfe Bilder von der neuen Adaptiven Optik des VLT

Das Very Large Telescope (VLT) der ESO hat das erste Licht mit einem neuen Modus Adaptiver Optik erreicht, die als Lasertomografie bezeichnet wird – und hat in diesem Rahmen bemerkenswert scharfe Testbilder vom Planeten Neptun, von Sternhaufen und anderen Objekten aufgenommen. Das bahnbrechende MUSE-Instrument kann ab sofort im sogenannten Narrow-Field-Modus mit dem adaptiven Optikmodul GALACSI diese neue Technik nutzen, um Turbulenzen in verschiedenen Höhen in der Erdatmosphäre zu korrigieren. Damit ist jetzt möglich, Bilder vom Erdboden im sichtbaren Licht aufzunehmen, die schärfer sind als die des NASA/ESA Hubble-Weltraumteleskops. Die Kombination aus exquisiter Bildschärfe und den spektroskopischen Fähigkeiten von MUSE wird es den Astronomen ermöglichen, die Eigenschaften astronomischer Objekte viel detaillierter als bisher zu untersuchen.

Das MUSE-Instrument (kurz für Multi Unit Spectroscopic Explorer) am Very Large Telescope (VLT) der ESO arbeitet mit einer adaptiven Optikeinheit namens GALACSI. Dabei kommt auch die Laser Guide Stars Facility, kurz ...

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Stadtklima verbessern, Energiemix optimieren, sauberes Trinkwasser bereitstellen

19.07.2018 | Veranstaltungen

Innovation – the name of the game

18.07.2018 | Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Neue Anwendungen für Mikrolaser in der Quanten-Nanophotonik

20.07.2018 | Physik Astronomie

Need for speed: Warum Malaria-Parasiten schneller sind als die menschlichen Abwehrzellen

20.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Die Gene sind nicht schuld

20.07.2018 | Medizin Gesundheit

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics