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FiBS: PISA-Verbesserung sollte nicht überbewertet werden - Konsequente Reformen bringen Erfolg

07.12.2004


Die Ergebnisse der heute vorgelegten PISA-Studie 2003 weisen für die deutschen Schüler zwar eine leichte Verbesserung gegenüber der letzten Untersuchung aus, doch sollte nicht übersehen werden, dass dies nur ein begrenzter Erfolg ist. Hervorzuheben ist zudem, dass selbst in kurzer Zeit deutliche Verbesserungen im Bildungswesen erzielt werden können, wie die Ergebnisse anderer Länder beweisen. Die Zielsetzung Deutschlands für die nächste PISA-Untersuchung 2006 sollte sich daran orientieren und über konsequente Bildungsreformen eine deutliche Verbesserung der deutschen Schülerleistungen anstreben.



Die neuen PISA-Ergebnisse werden von den meisten Bildungsministerien positiv aufgenommen und als Bestätigung der Politik der vergangenen Jahre angesehen werden. Schließlich sind die Punktzahlen der deutschen Schüler in allen Bereichen höher als beim letzten Mal. In Mathematik, Naturwissenschaften und insbesondere Problemlösen liegen sie nun leicht über dem Durchschnitt, im Lesen leicht darunter.



Positiv hervorzuheben ist auch, dass Deutschland im Vergleich zu einigen Ländern gewisse Fortschritte gemacht hat, wenn auch die genaueren Ursachen - geringe Fortschritte in Deutschland oder Stillstand in den anderen Ländern - noch nicht eindeutig zu klären sind. Die Folge dieser Verschiebungen ist, dass deutsche Schüler in Mathematik jetzt leicht vor Norwegen und etwas deutlicher vor den USA liegen, die bei PISA 2000 noch etwas stärker waren. Deutschland und Österreich haben sich durch gegenläufige Entwicklungen angenähert. Tschechien ist jetzt deutlich besser als Deutschland, Luxemburg hat massiv aufgeholt. Ähnliche Veränderungen zeigen sich auch in den Naturwissenschaften und beim Lesen. Bemerkenswert ist, dass Finnland seine europäische Vormachtstellung in Mathematik und Naturwissenschaften weiter ausbauen konnte.

Betrachtet man die Veränderungen zwischen PISA 2000 und 2003, dann fällt auf, dass einige Länder in allen drei Bereichen sehr große Fortschritte gemacht haben. Dies gilt ganz besonders für Liechtenstein, Luxemburg und Lettland sowie mit leichten Abstrichen auch für Polen. Vor diesem Hintergrund verblassen die leichten Verbesserungen deutscher Schüler, zeigen die vier anderen Länder doch deutlich, dass stärkere Fortschritte trotz der vergleichsweise kurzen Zeitspanne zwischen den Untersuchungen erreicht werden können, wenn man konsequenter reformiert. Insofern können die Hinweise der Kultusminister, dass Bildungsreformen Zeit brauchen, auch nur bedingt überzeugen. Zwar brauchen grundlegende Reformen Zeit, bis sie ihre gesamte Wirkung entfalten, auf der anderen Seite sind auch kurzfristig deutlichere Steigerungen möglich. Dies gilt umso mehr, als bereits die TIMSS-Studie 1995 darauf hingewiesen hat, dass die Leistungen deutscher Schüler unzureichend sind. Insofern sind also mindestens fünf Jahre mit vergleichsweise geringen Reformen vergangen.

Nach wie vor ist in Deutschland allerdings der extrem starke Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und schulischen Leistungen bedenklich, der wie schon bei PISA 2000, in kaum einem anderen Land so ausgeprägt ist. "Mit Blick auf die angeblich nur langfristig wirkenden Reformen lässt sich - etwas zugespitzt - schon die Frage stellen, warum Lehrer bei sozial benachteiligten Schülern schon nach vier Jahren wirklich sachgerecht entscheiden können, wer auf das Gymnasium und wer auf die Hauptschule gehört, während innerhalb von drei Jahren keine grundlegenden Veränderungen im Bildungssystem möglich sind," sagt Dr. Dieter Dohmen, Leiter des FiBS. "Allerdings sollte nun nicht wieder der fast schon peinliche Streit um die Schulstruktur auf dem bisherigen Niveau fortgesetzt werden. Einerseits sollten die Gegner anerkennen, dass viele andere Länder mit einer längeren gemeinsamen Schulzeit bessere Ergebnisse als Deutschland erzielen, auch wenn dies keine Garantie für bessere Schülerleistungen ist. Sollte die Leistungssteigerung Polens tatsächlich auf die Umstrukturierung des Schulsystems zurückzuführen sein, wäre dies ein weiteres Argument für die Befürworter. Andererseits würde das reine Überstülpen der Gesamtschule über das bisherige System mit ziemlicher Sicherheit in einem Desaster enden." Vorher müssten Lehrer lernen, mit heterogenen Schülergruppen umzugehen, was aber in den bisherigen Strukturen nicht vorgesehen ist. Die praxis- und handlungsorientierte Reform der Aus- und Fortbildung von Lehrern ist daher dringend geboten. "Schließlich" so Dr. Dohmen, "wird der demografische Wandel insbesondere in den ländlichen Regionen fast zwangsläufig auf die Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems hinauslaufen. Statt ideologischer Debatten ist daher mehr Pragmatismus gefordert. Bei manchen Diskussionsbeiträgen stellt man sich schon die Frage, ob es um Deutschlands Zukunft oder das Bedienen der Wählerklientel geht. Dies gilt für alle Seiten."

Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung muss zudem ein anderer Befund der PISA-Studie alarmieren. Trotz der leichten Verbesserung bleiben Deutschlands Schülerleistungen hinter dem Niveau zurück, das aufgrund des Bildungsniveaus der Eltern zu erwarten wäre. Dies heißt nichts anderes, als dass sie weniger leistungsfähig sind als vergleichbare Schüler in den meisten anderen Ländern und dass das Bildungsniveau der Schülerpopulation dieser Länder weitaus stärker steigen wird als in Deutschland. Zugleich ist zu berücksichtigen, dass bereits die heute 25- bis 34-Jährigen ein niedrigeres Qualifikationsniveau aufweisen als noch vor knapp zehn Jahren. Dass höhere Anteile an Kindern aus sozial benachteiligten Familien oder mit Migrationshintergrund kein grundsätzliches Hindernis für die Höherqualifizierung nachwachsender Generationen oder für gute Schülerleistungen sein müssen, zeigen Länder wie Kanada.

Hierbei kommt aber dem vorschulischen Bereich eine besondere Bedeutung zu, wie die PISA-Studie eindrucksvoll beweist. So weisen Schüler, die eine Kindertageseinrichtung besucht haben, deutlich bessere Ergebnisse auf. Untersuchungen aus den USA zeigen ferner, dass dies insbesondere für Kinder aus benachteiligten Familien gilt. Benachteiligtenförderung zur Kompensation unzureichender familiärer Unterstützungsmöglichkeiten muss daher als zweite grundsätzliche Säule des Krippenbereichs neben den Betreuungsaspekt treten. Versorgungsquoten von 15 oder 20 Prozent reichen dafür nicht aus.

"Fasst man die Ergebnisse der PISA-Studie zusammen, dann ist bestenfalls vorsichtiger Optimismus angezeigt", so Bildungsökonom Dr. Dieter Dohmen. "Dringend notwendig sind konsequente Reformstrategien, die längerfristig orientiert sind und strukturiert kurz- und mittelfristige Schritte mit einer längeren Zielvision in Einklang bringen. Es wäre falsch, auf PISA 2006 oder 2009 zu warten und zu hoffen, dass die begrenzten Veränderungen tatsächlich Wirkung zeigen. Eine stärker sachorientierte Politik sollte Politik und Wirtschaft, aber auch die Lehrer und Eltern mit einbeziehen. Die Erfahrungen anderer Länder zeigen, dass Kindertageseinrichtungen und Eltern bei sozial benachteiligten Gruppen zentrale Erfolgsfaktoren für die Schülerleistungen sind. Fördern und fordern will auf allen Ebenen gelernt sein. Das Ziel kann nur lauten, dass Deutschland in den kommenden Jahren seinen Anteil an ausreichend qualifiziertem und gebildetem Nachwuchs sukzessive erhöht. Will man Kinder und Jugendliche motivieren, dann brauchen sie eine Perspektive, und eine solche Perspektive bietet sich gerade in Zeiten des demografischen Wandels. Es wird in zehn oder fünfzehn Jahren niemand arbeitslos sein, der ausreichend qualifiziert ist. Vielmehr werden die Unternehmen froh sein über jeden, den sie einstellen können. Diese Vision könnte in eine "Konzertierte Aktion Bildung" einmünden, an der sich alle gesellschaftlichen Gruppen beteiligen."

Birgitt A. Cleuvers | idw
Weitere Informationen:
http://www.fibs-koeln.de

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