Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Stellungnahme der Tierärztlichen Hochschule Hannover zu Massenschlachtungen von Rindern

28.03.2001


... mehr zu:
»BSE »Massenschlachtungen »Rindern
Die Ausbreitung der bovinen spongiformen Enzephalopathie (BSE) im kontinentalen Europa während der vergangenen Monate hat die Verbraucher verunsichert und den Absatz von Rindfleisch in vielen Regionen mehr als
halbiert. Seitens der Europäischen Kommission wurde daraufhin eine Verordnung erlassen, die zur Marktentlastung Massenschlachtungen von Rindern vorsieht. Allein in Deutschland ist die Tötung von 400.000 über 30 Monate alten Rindern zu diesem Zwecke bis zum 30. Juni 2001 vorgesehen. Diese Massentötungen stoßen in der Öffentlichkeit zu-nehmend auf Kritik. Gleichzeitig findet aus seuchenhygienischen Gründen zur Bekämpfung der BSE die Tötung ganzer Tierbestände statt, in denen die Erkrankung festgestellt wurde, obwohl meist nur einzelne Tiere von der Erkrankung betroffen sind. Auch hier wird der Ruf nach Alternativen zu der ganze Bestände ausrottenden gegenwärtigen Politik laut, mit denen flexibler und tierschonender vorgegangen werden kann.

Unbestritten steht bei allen Maßnahmen der Schutz des Menschen im Vordergrund. Der Schutz von Leben und Gesundheit des Menschen stellt nach heutiger Rechtsauffassung einen vernünftigen Grund dar, um Tiere zu töten und gegebenenfalls auch vernichten zu dürfen. Ein vernünftiger Grund liegt in ähnlicher Weise auch bei der Bekämpfung von ansteckenden Tierseuchen vor, deren Ausbreitung oft nur durch die sofortige Tötung und Beseitigung aller auffälligen und verdächtigen Tiere verhindert werden kann. Die Maßnahmen dienen der Tierseuchenbekämpfung und dem Schutz der gesunden Tiere vor Erkrankung, Schmerzen, Schäden und Leiden. Ein solches Vorgehen ist gesellschaftlich anerkannt und schließt die erforderliche Güter- und Pflichtenabwägung ein. Unbestritten ist auch die Tiertötung zu Nutzungszwecken wie z.B. der Lebensmittelgewinnung, wenn die Kriterien der Erforderlichkeit und der Angemessenheit erfüllt sind, nicht jedoch allein zur Ersparung von Kosten. Ein Töten allein aus wirtschaftlichen Gründen zur "Marktbereinigung" kann daher aus tierärztlicher Sicht kein "vernünftiger Grund" sein. Kann man die Erforderlichkeit zum Schutz des Menschen noch begründen, so erscheint die flächendeckende, undifferenzierte Tötung überwiegend gesunder Tiere unangemessen. Das generelle Argument der Marktbereinigung reicht allein schon deshalb nicht aus, da dann jeder wirtschaftliche Grund die Tötung von Tieren rechtfertigen kann.
Auch das Argument, die Tiere wären zu einem späteren Zeitpunkt ohnehin zu Nutzungszwecken geschlachtet worden, ist nur dann zu akzeptieren, wenn auch jetzt eine vernünftige Verwertung erfolgt.

Die Tötung von Rindern im Rahmen von Marktentlastungsmaßnahmen kann daher allenfalls über eine Einzelfallprüfung erlaubt werden, wobei der Antragsteller gegenüber der zuständigen Behörde nachweisen muss, dass weder eine Abgabe des Tieres zur Schlachtung oder an andere Betriebe, noch anderweitige Unterbringungsmöglichkeiten geschaffen werden können. Die Abgabe zur Schlachtung oder an andere Betriebe dürfte in der gegenwärtigen Situation bei zunehmend überfüllten Ställen mit sich verschlechternden Haltungsbedingungen kaum möglich sein, so dass sich hier derzeit eine Einzelfallprüfung erübrigt. Geprüft werden kann die Schaffung anderweitiger Unterbringungsmöglichkeiten, wobei allerdings auch die Kosten zu berücksichtigen sind. Liegt die Tötung von über 30 Monate alten Rindern in einer Größenordnung, die der Remontierungsrate des Betriebes entspricht, so kann auch dies zu einer Bejahung der Tötung führen, da die Tiere auch unter üblichen Bedingungen geschlachtet worden wären.

Unabhängig von diesen rechtlichen Überlegungen zu den Marktentlastungsmaßnahmen gebietet das Schutzinteresse des Tieres, dringend über alternative Strategien zur Bekämpfung der BSE nachzudenken, besonders auch mit dem Ziel, die Anzahl der zu tötenden Tiere nach Auftreten eines BSE-Falles in einem Bestand zu verringern. Einen aussichtsreichen Ansatz bietet die Form der sogenannten Kohortenschlachtung, die sich bei der geringen Anzahl der BSE Fälle für Deutschland anbietet.

Nach bisherigen Erfahrungen sind in Deutschland während der vergangenen Monate bei der systematischen Testung von etwa 400.000 Tieren lediglich 49 positive Fälle (Stand: 27.03.2001), entsprechend 0,02 %, bekannt geworden. Von diesen 49 Kühen sind 19 Tiere älter als fünf Jahre, zwei Tiere jünger als drei Jahre, eines 28 Monate alt, und die übrigen Tiere befinden sich im Alter zwischen vier und fünf Jahren. Damit ist, wenn auch nur in bescheidenem Maße, eine für die derzeitige Situation in Deutschland mögliche Risikogruppe offensichtlich.

Diese Erkenntnis sollte genutzt werden, um die in Deutschland zur Marktentlastung vorgesehenen Tiere in den Rahmen einer Tierseuchenbekämpfungsaktion zu stellen und gezielt selektiv vier bis sechs Jahre alte Tiere zur Tötung in Verbindung mit einer Untersuchung im Schnelltestverfahren vorzusehen. Nach Abschluss dieser Maßnahme wären die meisten Tiere der Gruppe mit dem höchsten Risiko aus unseren Herden entfernt und man könnte zu einer Kohortentötung übergehen. Dabei könnte für die deutschen Verhältnisse die Definition der Kohorte so erfolgen, dass alle direkten Verwandten des betroffenen Tieres sowie alle Tiere, die ein Jahr jünger sind als das betroffene Tier, aus der Herde entfernt werden. Die anderen Tiere könnten im Bestand verbleiben und bei weiterer Kontrolle durch systematische Testung untersucht werden. Diese Regelung müsste beinhalten, dass die derzeit praktizierte Maßnahme zur Erkennung und Bekämpfung der BSE unbeschränkt weiter durchgeführt wird.

Unter den oben aufgeführten Vorgaben, die Tötungsmaßnahme in eine Tierseuchenbekämpfungsmaßnahme einzubauen und dadurch eine Bereinigung unserer Herden von der spongiformen Enzephalopathie vorzunehmen, wäre einer von der EU vorgesehenen Tötungsaktion zur Entlastung zuzustimmen. Eine alleinige Tötung zur Marktentlastung bei Vernichtung der anfallenden Tiere ist unseres Er-achtens nach nicht zu verantworten.

Rückfragen bitte an die Autoren, Prof. Dr. Jörg Hartung, Institut für Tierhygiene und Tierschutz, und Prof. Dr. Joachim Pohlenz, Institut für Pathologie, oder an die Pressestelle der Tierärztlichen Hochschule Hannover

Weitere Informationen finden Sie im WWW:

Hubertus Blass | idw

Weitere Berichte zu: BSE Massenschlachtungen Rindern

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Bildung Wissenschaft:

nachricht Das Schulbuch wird digital
21.08.2019 | Universität Siegen

nachricht Forschungsunterstützung durch Ghostwriter
21.08.2019 | Dr. Franke / Thoxan

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Bildung Wissenschaft >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Miniatur-Doppelverglasung: Wärmeisolierendes und gleichzeitig wärmeleitendes Material entwickelt

Styropor oder Kupfer – beide Materialien weisen stark unterschiedliche Eigenschaften auf, was ihre Fähigkeit betrifft, Wärme zu leiten. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Polymerforschung (MPI-P) in Mainz und der Universität Bayreuth haben nun gemeinsam ein neuartiges, extrem dünnes und transparentes Material entwickelt und charakterisiert, welches richtungsabhängig unterschiedliche Wärmeleiteigenschaften aufweist. Während es in einer Richtung extrem gut Wärme leiten kann, zeigt es in der anderen Richtung gute Wärmeisolation.

Wärmeisolation und Wärmeleitung spielen in unserem Alltag eine entscheidende Rolle – angefangen von Computerprozessoren, bei denen es wichtig ist, Wärme...

Im Focus: Miniature double glazing: Material developed which is heat-insulating and heat-conducting at the same time

Styrofoam or copper - both materials have very different properties with regard to their ability to conduct heat. Scientists at the Max Planck Institute for Polymer Research (MPI-P) in Mainz and the University of Bayreuth have now jointly developed and characterized a novel, extremely thin and transparent material that has different thermal conduction properties depending on the direction. While it can conduct heat extremely well in one direction, it shows good thermal insulation in the other direction.

Thermal insulation and thermal conduction play a crucial role in our everyday lives - from computer processors, where it is important to dissipate heat as...

Im Focus: Fraunhofer IAF errichtet ein Applikationslabor für Quantensensorik

Um den Transfer von Forschungsentwicklungen aus dem Bereich der Quantensensorik in industrielle Anwendungen voranzubringen, entsteht am Fraunhofer IAF ein Applikationslabor. Damit sollen interessierte Unternehmen und insbesondere regionale KMU sowie Start-ups die Möglichkeit erhalten, das Innovationspotenzial von Quantensensoren für ihre spezifischen Anforderungen zu evaluieren. Sowohl das Land Baden-Württemberg als auch die Fraunhofer-Gesellschaft fördern das auf vier Jahre angelegte Vorhaben mit jeweils einer Million Euro.

Das Applikationslabor wird im Rahmen des Fraunhofer-Leitprojekts »QMag«, kurz für Quantenmagnetometrie, errichtet. In dem Projekt entwickeln Forschende von...

Im Focus: Fraunhofer IAF establishes an application laboratory for quantum sensors

In order to advance the transfer of research developments from the field of quantum sensor technology into industrial applications, an application laboratory is being established at Fraunhofer IAF. This will enable interested companies and especially regional SMEs and start-ups to evaluate the innovation potential of quantum sensors for their specific requirements. Both the state of Baden-Württemberg and the Fraunhofer-Gesellschaft are supporting the four-year project with one million euros each.

The application laboratory is being set up as part of the Fraunhofer lighthouse project »QMag«, short for quantum magnetometry. In this project, researchers...

Im Focus: Wie Zellen ihr Skelett bilden

Wissenschaftler erforschen die Entstehung sogenannter Mikrotubuli

Zellen benötigen für viele wichtige Prozesse wie Zellteilung und zelluläre Transportvorgänge strukturgebende Filamente, sogenannte Mikrotubuli.

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

11. Tagung Kraftwerk Batterie - Advanced Battery Power Conference am 24-25. März 2020 in Münster/Germany

16.01.2020 | Veranstaltungen

Leben auf dem Mars: Woher kommt das Methan?

16.01.2020 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - März 2020

16.01.2020 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Chemiker lassen Bor-Atome wandern

17.01.2020 | Biowissenschaften Chemie

Infektiöse Proteine bei Alzheimer

17.01.2020 | Biowissenschaften Chemie

Miniatur-Doppelverglasung: Wärmeisolierendes und gleichzeitig wärmeleitendes Material entwickelt

17.01.2020 | Materialwissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics