Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Urban Voids: Lücken in der Stadt neu codieren

30.10.2015

Urban Voids, das sind alle Orte einer Stadt, die hinsichtlich ihrer Funktion und Ausgestaltung nicht abschließend festgelegt sind: Reserveflächen, Brachen, Abstandsflächen, Gebäudeleerstände, belastete oder ungenutzte Grundstücke. Ihnen allen gemein ist, dass sie im System Stadt keine konkrete Funktion erfüllen. Im Rahmen des deutsch-koreanischen Forschungsprojekts „Urban Voids“ suchen Wissenschaftler des KIT nun nach Möglichkeiten, diesen „Lücken in der Stadt“ einen neuen Sinn zu verleihen. Dabei konzentrieren sie ihre Suche exemplarisch auf zwei sehr unterschiedliche Orte: Karlsruhe und die Megacity Seoul.

Städte sind geballte Funktion, konzentrierter Nutzen, Orte randvoll mit Sinn und Zweck. Hier gibt es Flächen für Wohnen und Industrie, Kultur und Verkehr, Verwaltung, Dienstleistung, Erholung. Auf einem Stadtplan – so scheint es – ist kein Platz für Zwischenräume, kein Platz für Lücken ohne Funktion. Denn wo so viele Menschen, so viele Ansprüche zusammentreffen, muss der begrenzte Raum optimal genutzt werden.


In Seoul ist die Bevölkerungsdichte mehr als fünf Mal so hoch wie in Hamburg – trotzdem gibt es auch hier noch „Urban Voids“

(Bild: Philipp Dechow / KIT)

Doch es gibt sie, die Funktionslücken der Stadt. Und sie können riesig sein. Der alte Hafen Londons etwa oder das Tempelhofer Feld in Berlin haben das Ausmaß eines ganzen Stadtviertels – und haben ihren ursprünglichen Sinn verloren. Doch in beiden Fällen wurde die gigantische Funktionslücke, die in der Metropole klaffte, mit neuem Zweck gefüllt.

In den einst schmutzigen „Docklands“ in London wird heute „chick“ mit Blick auf die Themse gewohnt und gearbeitet. Vielen Städten gilt die britische Hauptstadt dabei als Vorbild für die Umnutzung ihrer eigenen brach liegenden Hafengebiete. Und das Tempelhofer Feld bietet heute – ganz im kreativen Berliner Bürgersinn – Raum für Erholung, Sport, Kultur und „Urban Gardening“.

„Gerade in Deutschland wollte man seit der Jahrtausendwende verhindern, dass Städte weiter in ihre Umgebung wachsen und unbebaute Fläche verbrauchen“, sagt Kerstin Gothe, Professorin an der Fakultät Architektur des KIT und dortige Direktorin des Instituts Entwerfen von Stadt und Landschaft. „Stattdessen konzentrierte man sich auf das Wachstum nach innen.

Fläche gab es dafür genug, weil viele Warendepots, Fabrikgelände, Militärkasernen oder eben Hafengebiete in deutschen Städten aufgeben oder massiv verkleinert wurden.“ Die meisten dieser großen Bereiche sind allerdings längst in neue Wohngebiete oder Geschäfts- und Kulturviertel mit ansprechender Industriearchitektur umgewandelt worden. Nun stellen sich also zwei Fragen: Kann die Stadt weiter im Inneren kondensieren? Und kann dies behutsam und nachhaltig passieren?

"Wenn Städte auch künftig nicht nach außen in die Landschaft wachsen sollen, müssen wir innen fündig werden“, sagt Kerstin Gothe. Und genau das ist die Aufgabe des deutsch-koreanischen Projekts „Urban Voids“, zu deutsch etwa „Städtische Lücken“: Die systematische Suche nach kleineren funktionslosen Restflächen und Strategien, diese mit neuem Nutzen in das Funktionsgefüge der Stadt zu integrieren. Und diese Suche nach Freiräumen führen die Wissenschaftler aus Deutschland und Korea exemplarisch in zwei sehr unterschiedlichen Städten durch: Karlsruhe und Seoul.

Urban Voids in Karlsruhe

„Eine Erkenntnis im bisherigen Verlauf des Forschungsprojekts ist, dass die Voids in Karlsruhe und in Seoul grundsätzlich unterschiedliche Eigenschaften aufweisen“, erklärt Kerstin Gothe, die das Projekt zusammen mit Phillip Dechow am KIT leitet. „In Karlsruhe – wie übrigens in vielen anderen deutschen Städten auch – finden wir tendenziell eher größere zusammenhängende Voids. So gibt es beispielsweise entlang vieler Einfallstraßen in Karlsruhe breite Streifen als ‚Abstandsgrün‘ mit Lärmschutzwall. Diese sind zwar nach bisheriger Einschätzung nicht nutzbar, nach einer Neubewertung erweisen sich viele von ihnen aber als Potenzialflächen für verschiedenste Nutzungen, sogar als mögliches Bauland für kleinere Wohnquartiere, sofern – was möglich ist – auf die Schallbelastung durch entsprechende bauliche Maßnahmen reagiert wird. In Karlsruhe konzentriert sich die Untersuchung daher darauf, größere, heute kaum beachtete oder als unnutzbar geltende Potenzialflächen zu identifizieren und Möglichkeiten der Nutzung durch Studien darzustellen.“

Urban Voids in Seoul

„Anders ist die Situation der Voids in Seoul. Hier sind die Restflächen meist sehr zerstückelt und kleinteilig, so dass sie sich nicht für größere zusammenhängende neue Nutzungen anbieten. Andererseits befinden sich die Voids in Seoul oftmals in Quartieren mit starken Defiziten hinsichtlich der Lebensqualität und der ökologischen Situation. Hier erweisen sich die Voids als eine Art Flächenreservoir, das zur ökologischen Erneuerung und zur Aufwertung des Quartiers eingesetzt werden kann“, erläutert Kerstin Gothe. Beispielsweise können die Voids zur Begrünung des Quartiers eingesetzt werden, was positive Effekte auf das Mikroklima, die Wasserwirtschaft, die Luftqualität, die Lebensqualität und Gesundheit sowie die Biodiversität hätte. Manche Voids können eine wichtige Rolle bei der energetischen Sanierung von Gebäuden spielen, etwa indem sie Pufferräume aufnehmen, die die Dämmung des Hauses verbessern oder hier Heizsysteme untergebracht werden können, die mehr als ein Gebäude versorgen und damit eine höhere Effizienz aufweisen.

Paradigmenwechsel in der „Stadt ohne Gedächtnis“

In Seoul erweisen sich die Voids somit als ein wichtiger Baustein für eine kleinteilige Quartierserneuerung. Und diese steht mehr denn je im Fokus der südkoreanischen Stadtplaner. „Die Megacity Seoul erlebt derzeit einen Paradigmenwechsel in der Stadterneuerung“, sagt Philipp Dechow, der zwei Jahre als Gastprofessor in der Südkoreanischen Hauptstadt gelebt und gearbeitet hat. „Das bisherige System der Flächensanierung, bei dem ganze Stadtquartiere abgerissen werden, um neuen Hochhaussiedlungen Platz zu machen, erweist sich zunehmend als nicht mehr zeitgemäß und nachhaltig.“

Zum einen stößt das Finanzierungsmodell dieser Art der Stadterneuerung, das auf einer stetigen Erhöhung der baulichen Dichte basiert, an seine Grenzen – schon heute leben in Seoul etwa zehn Millionen Menschen auf einer Fläche in der Größe von Hamburg mit etwa 1,76 Millionen Einwohnern. Zum anderen wächst in der Bevölkerung der Widerstand gegen eine Erneuerungspolitik, durch die vorhandene soziale und funktionale Strukturen sowie alle historischen Spuren vernichtet werden. Einige schon beschlossene Flächensanierungen von Quartieren wurden mittlerweile gestoppt, neue Vorhaben der Flächensanierung wurden ausgesetzt. Doch viele der bestehenden Bauten haben erhebliche Mängel in energetischer Hinsicht und sind sanierungsbedürftig.

„Die Stadtregierung hat bereits neue Sanierungsprogramme aufgelegt, die eine behutsamere Form der Quartierserneuerung unter Erhalt der vorhandenen Strukturen fördern soll“, erläutert Philipp Dechow. „Da solche Verfahren jedoch in Korea bislang kaum erprobt sind, sind die planerischen und bauwirtschaftlichen Strukturen auf eine solche ‚kleinteilige‘ Erneuerung nicht ausgerichtet.“

Living Lab und Bauausstellung

Daher ist es ein Ziel der deutsch-koreanischen Kooperation, gemeinsam und mit den Erfahrungen aus Karlsruhe neue Konzepte und Strategien für den neuen Weg in Seoul zu entwickeln – mit besonderem Fokus auf die Lücken – die Voids der Stadt. Ein großer Meilenstein, der derzeit im Rahmen des Projekts geplant wird, ist das Seoul LivingLab, das im April 2016 veranstaltet wird. Eingeladen sind Experten aus Korea und Deutschland, um mit Unterstützung ausgewählter Studierender aus beiden Ländern und gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern integrierte Erneuerungskonzepte für ein konkretes Quartier in Seoul zu erarbeiten. Alle Beteiligten werden während des LivingLabs im Quartier leben, schlafen, essen, arbeiten und hier auch die Ergebnisse der Arbeit präsentieren, diskutieren und ausstellen.

Schließlich sollen die erarbeiteten Ergebnisse mit der Stadtverwaltung diskutiert werden. Zudem werden im Living Lab auch die Möglichkeiten einer Großveranstaltung nach dem Vorbild der Internationalen Bauaustellung (IBA) sondiert. Erstmalig wurde dieses Instrument 1901 bei der Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt eingesetzt. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts entwickelten sich die IBA schließlich zu einem Experimentierfeld der Stadtentwicklung und damit zu einem besonderen Markenzeichen der Planungskultur in Deutschland, das weltweit Anerkennung findet.

„Living Lab und Bauausstellung sollen langfristig den Weg für gut realisierte Sanierungsprojekte vor Ort in Seoul ebnen“, sagt Kerstin Gothe. „Auf diese Weise werden Beispiele geschaffen, die sowohl der lokalen Bevölkerung und den Entscheidungsträgern als auch Interessierten aus aller Welt Diskussionsstoff und Vorbilder für die zentrale Frage anbieten – wie wollen wir künftig mit den Urban Voids umgehen?“

Das Projekt „Urban Voids – Chancen für eine nachhaltige Stadtentwicklung“ ist Forschungkooperation zwischen KIT, SNU Seoul National University, ISA Internationales Stadtbauatelier Stuttgart/Peking/Seoul, gefördert durch das BMBF Bundesministerium für Bildung und Forschung und das koreanische Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Technologie.

Weitere Informationen zum Projekt unter: http://www.urbanvoids.org/de/

Weiterer Kontakt:
Nils Ehrenberg, Presse, Pressereferent, Tel.: +49 721 608-48122, Fax: +49 721 608-45681, E-Mail: nils.ehrenberg@kit.edu

Das KIT verfügt über umfangreiche fachliche Kompetenzen zur Erforschung, Entwicklung und integrativen Planung der Stadt der Zukunft in allen wesentlichen Aspekten. Wissenschaftlerin-nen und Wissenschaftler aus fünf KIT-Zentren – Klima und Um-welt; Energie; Mobilitätssysteme; Mensch und Technik; Informa-tion, Systeme, Technologien – befassen sich aus disziplinärer Perspektive und in inter- und transdisziplinärer Weise mit der Erforschung und nachhaltigen Gestaltung urbaner Räume.

Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) vereint als selbständige Körperschaft des öffentlichen Rechts die Aufgaben einer Universität des Landes Baden-Württemberg und eines nationalen Forschungszentrums in der Helmholtz-Gemeinschaft. Seine drei Kernaufgaben Forschung, Lehre und Innovation verbindet das KIT zu einer Mission. Mit rund 9 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie 24 500 Studierenden ist das KIT eine der großen natur- und ingenieurwissenschaftlichen Forschungs- und Lehreinrichtungen Europas.

Diese Presseinformation ist im Internet abrufbar unter: http://www.kit.edu

Weitere Informationen:

http://www.urbanvoids.org/de/

Monika Landgraf | Karlsruher Institut für Technologie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Architektur Bauwesen:

nachricht Forscherteam der Bauhaus-Universität Weimar entwickelt digitale Bauwerksüberwachung
08.11.2018 | Bauhaus-Universität Weimar

nachricht Spatenstich für weltweit erstes adaptives Hochhaus: Gebäude passen sich an Umwelteinflüsse an
31.10.2018 | Universität Stuttgart

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Architektur Bauwesen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: InSight: Touchdown auf dem Mars

Am 26. November landet die NASA-Sonde InSight auf dem Mars. Erstmals wird sie die Stärke und Häufigkeit von Marsbeben messen.

Monatelanger Flug durchs All, flammender Abstieg durch die Reibungshitze der Atmosphäre und sanftes Aufsetzen auf der Oberfläche – siebenmal ist das Kunststück...

Im Focus: Weltweit erstmals Entstehung von chemischen Bindungen in Echtzeit beobachtet und simuliert

Einem Team von Physikern unter der Leitung von Prof. Dr. Wolf Gero Schmidt, Universität Paderborn, und Prof. Dr. Martin Wolf, Fritz-Haber-Institut Berlin, ist ein entscheidender Durchbruch gelungen: Sie haben weltweit zum ersten Mal und „in Echtzeit“ die Änderung der Elektronenstruktur während einer chemischen Reaktion beobachtet. Mithilfe umfangreicher Computersimulationen haben die Wissenschaftler die Ursachen und Mechanismen der Elektronenumverteilung aufgeklärt und visualisiert. Ihre Ergebnisse wurden nun in der renommierten, interdisziplinären Fachzeitschrift „Science“ veröffentlicht.

„Chemische Reaktionen sind durch die Bildung bzw. den Bruch chemischer Bindungen zwischen Atomen und den damit verbundenen Änderungen atomarer Abstände...

Im Focus: Rasende Elektronen unter Kontrolle

Die Elektronik zukünftig über Lichtwellen kontrollieren statt Spannungssignalen: Das ist das Ziel von Physikern weltweit. Der Vorteil: Elektromagnetische Wellen des Licht schwingen mit Petahertz-Frequenz. Damit könnten zukünftige Computer eine Million Mal schneller sein als die heutige Generation. Wissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) sind diesem Ziel nun einen Schritt nähergekommen: Ihnen ist es gelungen, Elektronen in Graphen mit ultrakurzen Laserpulsen präzise zu steuern.

Eine Stromregelung in der Elektronik, die millionenfach schneller ist als heutzutage: Davon träumen viele. Schließlich ist die Stromregelung eine der...

Im Focus: UNH scientists help provide first-ever views of elusive energy explosion

Researchers at the University of New Hampshire have captured a difficult-to-view singular event involving "magnetic reconnection"--the process by which sparse particles and energy around Earth collide producing a quick but mighty explosion--in the Earth's magnetotail, the magnetic environment that trails behind the planet.

Magnetic reconnection has remained a bit of a mystery to scientists. They know it exists and have documented the effects that the energy explosions can...

Im Focus: Eine kalte Supererde in unserer Nachbarschaft

Der sechs Lichtjahre entfernte Barnards Stern beherbergt einen Exoplaneten

Einer internationalen Gruppe von Astronomen unter Beteiligung des Max-Planck-Instituts für Astronomie in Heidelberg ist es gelungen, beim nur sechs Lichtjahre...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Personalisierte Implantologie – 32. Kongress der DGI

19.11.2018 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz diskutiert digitale Innovationen für die öffentliche Verwaltung

19.11.2018 | Veranstaltungen

Naturkonstanten als Hauptdarsteller

19.11.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Kosmische Schlange

20.11.2018 | Physik Astronomie

Gestreift und doch fast unsichtbar – dem bedrohten Annamitischen Streifenkaninchen auf der Spur

20.11.2018 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Vom Rezeptoraufbau zu neuen Osteoporose-Medikamenten

20.11.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics