Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Win-Win-Situation Arznei- und Gewürzpflanzen + Bestäuber-Insekten

06.11.2017

Forscher untersuchen Wechselwirkungen und entwickeln System zur gezielten Bestäubung im Arznei- und Gewürzpflanzenanbau – erwartet werden höhere Erträge und mehr Biodiversität

Was im kommerziellen Obst- und Gemüseanbau schon länger Praxis ist, will die Universität Bonn nun auch für den Anbau von Arznei- und Gewürzpflanzen entwickeln: ein Management-System zur gezielten Bestäubung durch Insekten.


Der Anbau von Arznei- und Gewürzpflanzen könnte mithelfen, den Rückgang bei den Insekten zu stoppen. Im Bild die Schwebfliege Episyrphus balteatus auf einer Leinblüte.

Foto: Birgit Bierschenk

So wie Gärtner Hummelkolonien per Versandhandel fürs Gewächshaus bestellen können, so ist Ähnliches auch beim Anbau von Fenchel, Thymian & Co. denkbar. Die Forscher erwarten höhere und womöglich auch qualitativ bessere Erträge, mehr Biodiversität und Vorteile für benachbarte Kulturen und damit für ganze Agrarökosysteme.

Das Projektteam will zudem Grundlagen-Forschung leisten und herausfinden, welche Insekten die etwa 125 in Deutschland angebauten Arznei- und Gewürzkräuter-Arten bestäuben und wie wichtig sie für diese Aufgabe sind. Hierzu gibt es bislang nur wenige Erkenntnisse.

Dass Insekten grundsätzlich von den Kräutern profitieren, ist dabei so gut wie sicher. Denn auf dem Acker dominieren heute - mit Ausnahme des Raps - Kulturen, deren Blüten für nektar- und pollensuchende Insekten uninteressant sind.

Tierökologe Andreé Hamm von der Universität Bonn: "In diesem Projekt wollen wir nicht mit aus Zuchten stammenden Hummelvölkern oder ausschließlich mit Honigbienen arbeiten, sondern vor allem auch mit ehemals einheimischen Arten, die wir fördern bzw. wieder ansiedeln. Dadurch können wir eine Faunenverfälschung auch auf genetischer Ebene ausschließen.“

Projektleiter Ralf Pude ergänzt: „Wir planen zudem einen Vergleich mit geförderten, klassischen Agrarumweltmaßnahmen wie Blühstreifen. Eventuell haben Arznei- und Gewürzpflanzen sogar höhere Effekte in punkto Artenvielfalt, gleichzeitig bringen sie aber noch einen wirtschaftlichen Ertrag.“

Die Insekten könnten diesen womöglich deutlich steigern: Aus Untersuchungen ist bekannt, dass sich Insektenbestäubung positiv auf den Ertrag und die Qualität von Obst- und Gemüsekulturen auswirkt. Erste Untersuchungsergebnisse zeigen eine solche Tendenz auch für Arzneipflanzen wie Fenchel und Lein auf.

Das jetzt begonnene Projekt wird vom Forschungsbereich Nachwachsende Rohstoffe/Arzneipflanzen und der Professur für Agrarökologie und Organischen Landbau der Universität Bonn durchgeführt. Die Forscher erfassen über drei Jahre das Spektrum der Blütenbesucher und -bestäuber auf den Versuchskulturen Fenchel, Lein und Bohnenkraut.

Bei diesen drei Arten findet Saatgutvermehrung in Deutschland statt und alle zeichnen sich bislang durch stark schwankende Erträge aus. Die Forscher untersuchen den Einfluss der Insektenbestäubung auf die Erntemengen und -qualitäten, die Möglichkeit, die fliegenden Helfer gezielt zu fördern und ihre Effekte auf benachbarte Kulturen und großräumigere Agrarökosysteme. Die Gesamtergebnisse sollen in Praxisanleitungen und möglichst auch in Maßnahmen zum Erhalt der Biodiversität einfließen.

Das Vorhaben wird vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) über den Projektträger Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V. (FNR) gefördert. Weitere Informationen stehen auf fnr.de unter dem Förderkennzeichen 22001116 zur Verfügung.

Hintergrund:
Nur etwa 15 Prozent der in Deutschland benötigten pflanzlichen Rohstoffe für die pharmazeutische, kosmetische und Nahrungsergänzungsmittelindustrie kommen heute aus der deutschen Landwirtschaft. Das Potenzial liegt deutlich höher, denn das Interesse der Weiterverarbeiter an zusätzlicher Ware aus Deutschland ist vorhanden. Aktuell werden hierzulande etwa 125 Arten auf rund 12.000 Hektar kultiviert. Für eine Ausweitung des Anbaus gilt es, die Wirtschaftlichkeit zu erhöhen und die Erträge zu stabilisieren und zu steigern. Hier setzt das Projekt der Uni Bonn an.

Dass Insektenbestäubung neben dem quantitativen Ertrag auch Merkmale wie Fruchtgewicht, -gestalt, Zucker-Säure-Verhältnis oder Lagerfähigkeit bei Obst und Gemüse positiv beeinflusst, ist bekannt. Gartenbaubetriebe setzen deshalb schon lange gezielt Hummeln ein. Im Obstanbau spielt die Honigbiene mit ca. 80 Prozent der Betäubungsarbeit noch immer die Hauptrolle, mit dem Rückgang der Imkerei nutzen aber auch Obstbauern zunehmend Alternativen. So kann man heute schon Wildbienen als Obstbestäuber bei speziellen Anbietern beziehen. Nicht zuletzt ist die Insekten-Dienstleistung auch in der Saatgutvermehrung etwa von Gemüse- oder Futterpflanzen sehr wichtig.

Weitere Informationen:

https://www.fnr.de/
https://www.fnr.de/index.php?id=11150&fkz=22001116
https://www.nabu.de/news/2017/10/23291.html

Dr. Torsten Gabriel | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Agrar- Forstwissenschaften:

nachricht Astronautennahrung für Kühe: Industriell gezüchtete Mikroben als umweltfreundliches Futter
21.06.2018 | Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

nachricht Neue Perspektive für die Gesundheit der Bäume
15.06.2018 | Hochschule Ostwestfalen-Lippe

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Agrar- Forstwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Leichter abheben: Fraunhofer LBF entwickelt Flugzeugrad aus Faser-Kunststoff-Verbund

Noch mehr Reichweite oder noch mehr Nutzlast - das wünschen sich Fluggesellschaften für ihre Flugzeuge. Wegen ihrer hohen spezifischen Steifigkeiten und Festigkeiten kommen daher zunehmend leichte Faser-Kunststoff-Verbunde zum Einsatz. Bei Rümpfen oder Tragflächen sind permanent Innovationen in diese Richtung zu beobachten. Um dieses Innovationsfeld auch für Flugzeugräder zu erschließen, hat das Fraunhofer-Institut für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit LBF jetzt ein neues EU-Forschungsvorhaben gestartet. Ziel ist die Entwicklung eines ersten CFK-Bugrads für einen Airbus A320. Dabei wollen die Forscher ein Leichtbaupotential von bis zu 40 Prozent aufzeigen.

Faser-Kunststoff-Verbunde sind in der Luftfahrt bei zahlreichen Bauteilen bereits das Material der Wahl. So liegt beim Airbus A380 der Anteil an...

Im Focus: IT-Sicherheit beim autonomen Fahren

FH St. Pölten entwickelt neue Methode für sicheren Informationsaustausch zwischen Fahrzeugen mittels Funkdaten

Neue technische Errungenschaften wie das Internet der Dinge oder die direkte drahtlose Kommunikation zwischen Objekten erhöhen den Bedarf an effizienter...

Im Focus: Innovative Handprothesensteuerung besteht Alltagstest

Selbstlernende Steuerung für Handprothesen entwickelt. Neues Verfahren lässt Patienten natürlichere Bewegungen gleichzeitig in zwei Achsen durchführen. Forscher der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) veröffentlichen Studie im Wissenschaftsmagazin „Science Robotics“ vom 20. Juni 2018.

Motorisierte Handprothesen sind mittlerweile Stand der Technik bei der Versorgung von Amputationen an der oberen Extremität. Bislang erlauben sie allerdings...

Im Focus: Temperaturgesteuerte Faser-Lichtquelle mit flüssigem Kern

Die moderne medizinische Bildgebung und neue spektroskopische Verfahren benötigen faserbasierte Lichtquellen, die breitbandiges Laserlicht im nahen und mittleren Infrarotbereich erzeugen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena (Leibniz-IPHT) zeigen in einer aktuellen Veröffentlichung im renommierten Fachblatt Optica, dass sie die optischen Eigenschaften flüssigkeitsgefüllter Fasern und damit die Bandbreite des Laserlichts gezielt über die Umgebungstemperatur steuern können.

Das Besondere an den untersuchten Fasern ist ihr Kern. Er ist mit Kohlenstoffdisulfid gefüllt - einer flüssigen chemischen Verbindung mit hoher optischer...

Im Focus: Temperature-controlled fiber-optic light source with liquid core

In a recent publication in the renowned journal Optica, scientists of Leibniz-Institute of Photonic Technology (Leibniz IPHT) in Jena showed that they can accurately control the optical properties of liquid-core fiber lasers and therefore their spectral band width by temperature and pressure tuning.

Already last year, the researchers provided experimental proof of a new dynamic of hybrid solitons– temporally and spectrally stationary light waves resulting...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Leben im Plastikzeitalter: Wie ist ein nachhaltiger Umgang mit Plastik möglich?

21.06.2018 | Veranstaltungen

Kongress BIO-raffiniert X – Neue Wege in der Nutzung biogener Rohstoffe?

21.06.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen im August 2018

20.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Leichter abheben: Fraunhofer LBF entwickelt Flugzeugrad aus Faser-Kunststoff-Verbund

22.06.2018 | Materialwissenschaften

Lernen und gleichzeitig Gutes tun? Baufritz macht‘s möglich!

22.06.2018 | Unternehmensmeldung

GFOS und skip Institut entwickeln gemeinsam Prototyp für Augmented Reality App für die Produktion

22.06.2018 | Unternehmensmeldung

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics