Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Noch Luft nach oben - Die ökologische Landwirtschaft ist deutlich leistungsfähiger als bisher angenommen

23.12.2014

Forscher berechnen die Ertragslücke zwischen ökologischer und konventioneller Landwirtschaft neu – mit einem verblüffenden Ergebnis.

Nach aktuellen Studien der Welternährungs- und Agrarorganisation der Vereinten Nationen, der FAO, leiden etwa 805 Millionen Menschen an akuter Unterernährung. Zudem wird erwartet, dass der Bedarf an Nahrungsmitteln innerhalb der nächsten 50 Jahre weiter steigen wird.


Eine intensive Landwirtschaft liefert hohe Erträge. Ziel muss es jedoch sein, den Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren, um die Umwelt nicht zu belasten.

Bildquelle: © Orientaly/iStock/Thinkstock

Da ist es an der Zeit, Antworten auf die Frage zu suchen, wie genug Lebensmittel produziert werden können, ohne dass die natürlichen Ressourcen noch stärker belastet werden. Eine Möglichkeit liegt in der Entwicklung von nachhaltigen landwirtschaftlichen Produktionssystemen.

Ansätze dazu bietet die ökologische Landwirtschaft, sie gilt allerdings im Vergleich mit der konventionellen Landwirtschaft immer noch als vergleichsweise unproduktiv. Aber ist das wirklich so? In einer neuen Metastudie gingen Wissenschaftler jetzt dieser Frage nach.

Nachhaltige Nahrungsmittelproduktion gesucht

Ein Problem der bisherigen Produktionssysteme liegt in der starken Belastung der Umwelt durch Düngereinsatz, Treibhausgas-Freisetzungen und Monokulturen. Um die Produktivität der Böden auch in ferner Zukunft zu erhalten, müssen nachhaltige Produktionssysteme entwickelt werden, die sowohl die entsprechenden Erntemengen erbringen als auch die Umwelt schonen, so dass sie auch für zukünftige Generationen noch nutzbar ist. Die ökologischer Landwirtschaft bietet hierfür entsprechende Möglichkeiten. Bisher stand sie allerdings im Schatten der konventionellen Anbaumethoden, da sie als nicht so leistungsfähig galt.

Um diese Aussage zu überprüfen, werteten die Forscher für ihre Metastudie 115 Studien mit insgesamt 1071 Vergleichen von ökologischen und konventionellen Anbaumethoden aus 38 Ländern und mit 52 verschiedenen Feldfrüchten über einen Zeitraum von 35 Jahren aus. Ihr untersuchter Datensatz war damit dreimal größer als bei jeder zuvor veröffentlichten Studie zu diesem Thema. Zudem nahmen sie nur Studien auf, die Anbaumethoden auf vergleichbar hohem Technologie- und Wissensstand verwendet hatten.

Da geht noch was

Die Berechnungen der Forscher zeigten, dass die Ernteerträge der ökologischen Landwirtschaft im Schnitt um 19,2 Prozent niedriger lagen, ein Ergebnis, dass einen deutlich geringeren Abstand zeigt, als es in bisherigen Studien errechnet wurde. Zugleich stellten die Forscher fest, dass bisherige Studien oft zugunsten der konventionellen Landwirtschaft verzerrt waren. Es wurden zum Beispiel Hochleistungssorten für die Vergleichsstudien verwendet, die nur bei entsprechendem Düngeraufwand gute Erträge bringen und unter ökologischen Bedingungen dementsprechend nachlassen.

Zusätzlich konnten die Forscher feststellen, dass bestimmte ökologische Anbaupraktiken wie eine erweiterte Fruchtfolge oder der Anbau in Mischkultur (Anbau von mehreren Nutzpflanzen auf einem Acker zur gleichen Zeit) die Erträge in der ökologischen Landwirtschaft nochmals anheben können, so dass der Abstand bei den Erträgen zwischen konventioneller und organischer Landwirtschaft nur noch neun Prozent (bei Mischkultur) bzw. acht Prozent (bei erweiterter Fruchtfolge) beträgt.

Die Öko-Landwirtschaft aufwerten

Die Lücke zwischen ökologischer und konventioneller Landwirtschaft ist nach diesen Ergebnissen also kleiner als gedacht. Mit anderen Worten: die ökologische Landwirtschaft ist damit leistungsfähiger als bisher angenommen. Daher sollte sie auch verstärkt in die Entwicklung von Produktionssystemen eingebunden werden, fordern die Wissenschaftler. Vor allem im Punkt der Nachhaltigkeit ist die ökologische Landwirtschaft im Vorteil. Auf ökologischen Prinzipien entwickelte Anbaumethoden können dazu beitragen, den Nahrungsmittelbedarf zu decken und „nebenbei“ die bereits existierenden Umwelt-Probleme nicht weiter zu verschärfen. Denn eine Landwirtschaft, die auf Kosten der Umwelt produziert, muss über kurz oder lang in eine Sackgasse führen, betonen die Forscher. Von solchen Methoden könnten auch Bauern in den Entwicklungsländern, die den größten Teil der von Hunger bedrohten Menschen ausmachen, profitieren, wenn sie auf geringer Kostenbasis und umweltschonend ihre Erträge erhöhen können.

Die Forscher weisen darauf hin, dass Forschung zum Thema ökologische Landwirtschaft trotzdem bisher nur wenig gefördert wurde. Bisher wurden beispielsweise viele Sorten entwickelt, die unter konventionellen Bedingungen hohe Erträge liefern, aber nur wenig Sorten, die unter ökologischen Anbauregimes gute und stabile Erträge garantieren. Die Forscher fordern daher eine verstärkte Förderung der Erforschung und Verbesserung von ökologischen Anbaumethoden, um die Ertragslücke weiter zu schließen.

Letztlich geht es den Wissenschaftlern nicht darum, eine Konkurrenz zwischen konventioneller und ökologischer Landwirtschaft zu forcieren. Vielmehr sollte sie einfach mehr Beachtung bekommen als bisher und nicht als Sonderweg der wohlhabenden Länder verstanden werden. In einer verbesserten ökologischen Landwirtschaft liegt nach Meinung der Forscher eine gute Chance, die Probleme von Nahrungsmittelknappheit und Ressourcenzerstörung in den Griff zu bekommen.

Quelle:
Ponisio, L. C. et al. (2014): Diversification practices reduce organic to conventional yield gap. In: Proceedings of the Royal Society B, (10. Dezember 2014), DOI: 10.1098/rspb.2014.1396.

Ponisio, L. C. et al. | Pflanzenforschung.de
Weitere Informationen:
http://www.pflanzenforschung.de/index.php?cID=10210

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Agrar- Forstwissenschaften:

nachricht Astronautennahrung für Kühe: Industriell gezüchtete Mikroben als umweltfreundliches Futter
21.06.2018 | Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

nachricht Neue Perspektive für die Gesundheit der Bäume
15.06.2018 | Hochschule Ostwestfalen-Lippe

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Agrar- Forstwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wendelstein 7-X erreicht Weltrekord

Stellarator-Rekord für Fusionsprodukt / Erste Bestätigung für Optimierung

Höhere Temperaturen und Dichten des Plasmas, längere Pulse und den weltweiten Stellarator-Rekord für das Fusionsprodukt hat Wendelstein 7-X in der...

Im Focus: Schnell und innovativ: Jülicher Superrechner ist eine Neuentwicklung aus Europa

Bei der Entwicklung innovativer Superrechner-Architekturen ist Europa dabei, die Führung zu übernehmen. Leuchtendes Beispiel hierfür ist der neue Höchstleistungsrechner, der in diesen Tagen am Jülicher Supercomputing Centre (JSC) an den Start geht. JUWELS ist ein Meilenstein hin zu einer neuen Generation von hochflexiblen modularen Supercomputern, die auf ein erweitertes Aufgabenspektrum abzielen – von Big-Data-Anwendungen bis hin zu rechenaufwändigen Simulationen. Allein mit seinem ersten Modul qualifizierte er sich als Nummer 1 der deutschen Rechner für die TOP500-Liste der schnellsten Computer der Welt, die heute erschienen ist.

Das System wird im Rahmen des von Bund und Sitzländern getragenen Gauß Centre for Supercomputing finanziert und eingesetzt.

Im Focus: Superconducting vortices quantize ordinary metal

Russian researchers together with their French colleagues discovered that a genuine feature of superconductors -- quantum Abrikosov vortices of supercurrent -- can also exist in an ordinary nonsuperconducting metal put into contact with a superconductor. The observation of these vortices provides direct evidence of induced quantum coherence. The pioneering experimental observation was supported by a first-ever numerical model that describes the induced vortices in finer detail.

These fundamental results, published in the journal Nature Communications, enable a better understanding and description of the processes occurring at the...

Im Focus: Leichter abheben: Fraunhofer LBF entwickelt Flugzeugrad aus Faser-Kunststoff-Verbund

Noch mehr Reichweite oder noch mehr Nutzlast - das wünschen sich Fluggesellschaften für ihre Flugzeuge. Wegen ihrer hohen spezifischen Steifigkeiten und Festigkeiten kommen daher zunehmend leichte Faser-Kunststoff-Verbunde zum Einsatz. Bei Rümpfen oder Tragflächen sind permanent Innovationen in diese Richtung zu beobachten. Um dieses Innovationsfeld auch für Flugzeugräder zu erschließen, hat das Fraunhofer-Institut für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit LBF jetzt ein neues EU-Forschungsvorhaben gestartet. Ziel ist die Entwicklung eines ersten CFK-Bugrads für einen Airbus A320. Dabei wollen die Forscher ein Leichtbaupotential von bis zu 40 Prozent aufzeigen.

Faser-Kunststoff-Verbunde sind in der Luftfahrt bei zahlreichen Bauteilen bereits das Material der Wahl. So liegt beim Airbus A380 der Anteil an...

Im Focus: IT-Sicherheit beim autonomen Fahren

FH St. Pölten entwickelt neue Methode für sicheren Informationsaustausch zwischen Fahrzeugen mittels Funkdaten

Neue technische Errungenschaften wie das Internet der Dinge oder die direkte drahtlose Kommunikation zwischen Objekten erhöhen den Bedarf an effizienter...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Neueste Entwicklungen in Forschung und Technik

25.06.2018 | Veranstaltungen

Wheat Initiative holt Weizenforscher aus aller Welt an einen Tisch

25.06.2018 | Veranstaltungen

Leben im Plastikzeitalter: Wie ist ein nachhaltiger Umgang mit Plastik möglich?

21.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Wendelstein 7-X erreicht Weltrekord

25.06.2018 | Physik Astronomie

Schnell und innovativ: Jülicher Superrechner ist eine Neuentwicklung aus Europa

25.06.2018 | Informationstechnologie

Leuchtfeuer in der Produktion

25.06.2018 | Energie und Elektrotechnik

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics