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Landwirtschaft - mit oder ohne Gentechnik?

10.07.2002


Debatte der Zukunftsstiftung Landwirtschaft

Landwirtschaft mit oder ohne Gentechnik - wie sieht die Zukunft aus? Darüber diskutierten Verbraucherschutzministerin Renate Künast, Vertreter aller großen Parteien, der Bauernverband und der neu gegründete Dachverband der deutschen Öko-Anbauverbände am 1.7.2002 in Berlin. Veranstalter der Debatte war die Zukunftsstiftung Landwirtschaft, vertreten durch Benedikt Härlin. "Eine Wahlfreiheit für den Verbraucher gibt es nicht mehr, wenn die Grüne Gentechnik Eingang in die Landwirtschaft findet", problematisierte Thomas Dosch, Vorstandssprecher des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Eine Koexistenz von gentechnikfreien und gentechnisch beeinflussten Anbauflächen sei nicht möglich, formulierte er scharf: "Der Pollenflug beträgt mehrere Kilometer, eine Vermischung von Saatgut ist unvermeidlich."

Bundesverbraucherschutzministerin Künast stimmte zu: Wer gentechnisch veränderte Organismen (GVOs), z. B. Pflanzen anbaut oder in den Verkehr bringt, muss Verschmutzung vermeiden oder bei Kontamination Schadenersatz leisten. Für die unvermeidliche Verschmutzung von Nicht-GVO-Anbauflächen und -Produkten muss es "möglichst niedrige Schwellenwerte geben", verlangte sie. Eine kürzlich erschienene Studie zeige allerdings, dass schon bei einem Schwellenwert von 0,1 % ein Ackerbau mit GVOs in direkter Nachbarschaft zu gentechnik-ausschließendem Öko-Landbau nicht möglich sei. Exakte Anbauabstände und genaue Verarbeitungs- und Transportvorschriften seien deshalb notwendig.

Eine polarisierte Sichtweise trat bei den Statements der einzelnen Parteien zutage. Ministerin Künast (Bündnis 90/die Grünen) beharrte: "Die Risiken der Grünen Gentechnik sind unkontrollierbar, die Methoden unausgereift, die Langzeitfolgen nicht abschätzbar." Auch in den Augen der PDS, vertreten durch Kersten Naumann, MdB, ist die Grüne Gentechnik "zu früh auf dem Markt".

Matthias Weisheit (SPD) forderte: Durch Schwellenwerte unter 1 %, genaue Haftungsvorschriften für GVO-verbreitende Unternehmen und andere rechtliche Maßnahmen müsse mit der neuen Technologie verantwortungsvoll umgegangen werden.

Gesundheitlich und auch in jeder anderen Hinsicht völlig unbedenklich ist der Einsatz der Gentechnik in der Landwirtschaft, befand dagegen Helmut Heiderich, MdB und Vertreter der CDU. Ulrich Heinrich, MdB und FDP-Mitglied bewertete den Einsatz von gentechnisch veränderten Organismen als nützlich und zukunftsweisend für die Ernährung weltweit. Kälte-, hitze- und salztolerante Pflanzen stießen in Regionen mit extremen Klimaten auf großes Interesse, führte er als Beispiel an. Die Forschung sei abgeschlossen, argumentierte er außerdem, "jetzt müssen wir Erfahrungen in der Landwirtschaft mit GVO’s sammeln".

Heinrich Kemper, selbst Landwirt und geladen als Repräsentant des Deutschen Bauernverbandes, warf der Bundesregierung vor, sie versuche die Entscheidung um die Grüne Gentechnik auszusitzen, anstatt sie voranzutreiben. "60 % der Lebensmittel, die wir täglich zu uns nehmen, sind sowieso bereits mit Hilfe von GVOs hergestellt", konfrontierte FDP-Vertreter Heinrich die Zuhörer. "Eine GVO-freie Landwirtschaft ist längst passé." Gegen diese Haltung wehrte sich der Sprecher der Öko-Verbände Dosch. Dass Gentechnik bereits ubiquitär verbreitet sei, sei noch kein Argument dafür, sie jetzt als gewollt hinzunehmen, kritisierte der Agrarökonom.

Georg Folttmann, Leiter der Unternehmenskommunikation und Sekretariat Vorstand bei der KWS SAAT AG, Einbeck, und Zuhörer der Debatte ermahnte die Politik, zukunftsorientiert zu handeln. "Wir dürfen nicht mehr im Freiland forschen, weil Schwellenwerte fehlen", berichtete er. Nicht belegte Risiken seien für ihn erst einmal nicht reale Risiken. Dennoch riefen sie beim Verbraucher sehr reale Ängste wach. Dabei steige die Akzeptanz der Grünen Gentechnik mit zunehmendem Wissen. Der Verbraucher muss sich selbst informieren können, schlussfolgerte Folttmann.

Derzeit werden weltweit rund 50 Millionen Hektar Anbaufläche mit GVOs bewirtschaftet, das entspricht der dreifachen Ackerbaufläche der Bundesrepublik Deutschland, so Folttmann. Es handelt sich fast ausschließlich um die Feldfrüchte Soja, Mais, Raps und Baumwolle mit den veränderten Eigenschaften Herbizidtoleranz oder Insektengiftigkeit, erläuterte Moderator Härlin. 99 % der Anbaufläche entfallen auf 4 Länder, die USA, Argentinien, Kanada und China, das restliche 1 % teilen sich 7 weitere Staaten. In Deutschland werden keine GVOs im Freiland angebaut.

Stephanie Wetzel | aid-PresseInfo
Weitere Informationen:
http://www.aid.de

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