Deutsche Börse detailliert Vorschläge für möglichen Zusammenschluss mit Euronext

Vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen und der bevorstehenden Hauptversammlung der Deutsche Börse AG sehen sich Aufsichtsrat und Vorstand der Deutschen Börse im Sinne einer guten Corporate Governance dazu verpflichtet, die Aktionäre über ihre Sichtweise eines möglichen Zusammenschlusses von Deutscher Börse und Euronext zu informieren.

„Wie in der Vergangenheit ausgeführt, sind Aufsichtsrat und Vorstand der Deutschen Börse überzeugt, dass ein derartiger Zusammenschluss die attraktivste Konsolidierungsoption für die Kunden, die Aktionäre, die Mitarbeiter und die beteiligten Finanzzentren darstellt“, sagte der Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Börse Kurt Viermetz.

Reto Francioni, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Börse, sagte dazu: „Unser Vorschlag sieht vier Kernelemente vor: Erstens ein neues Unternehmen mit einem neuen Namen, zweitens ein Geschäftsmodell, das die Stärken beider Partner weiter ausbaut und gleichzeitig die Anforderungen der einzelnen nationalen Märkte und die regulatorischen Anforderungen berücksichtigt, drittens eine föderale Unternehmensstruktur und ein europäisches Standortkonzept sowie viertens einen ausgewogene Unternehmensführung.“ Wir glauben weiter an die Vorteile aus einer Kombination beider Unternehmen auf Basis eines Zusammenschlusses unter Partnern, so Francioni.

Die Deutsche Börse sieht folgende Vorteile eines Zusammenschlusses mit Euronext:

– Es entstünde die erste wirklich europäische Börsenorganisation, die komplementäre Produktkompetenzen und überlegene Technologiekompetenz in einer Weise kombiniert, die den globalen Maßstab unter den Börsenbetreibern setzen soll.

– Die Integration und Harmonisierung der Handelsplattformen von Deutsche Börse und Euronext würde beträchtliche Effizienzgewinne für die Kunden generieren.

– Der Zusammenschluss hätte das Potential für weiteres Wachstum, beträchtliche Kostensynergien und eine optimierte Kapitalstruktur. Wir erwarten Synergien, die deutlich über den bis dato diskutierten Synergien anderer Konsolidierungsalternativen liegen. Diese Synergien würden erlauben, sowohl für unsere Kunden als auch für unsere Aktionäre Wert zu schaffen

– Ein Zusammenschluss von Euronext und Deutsche Börse wäre ein deutlicher Schritt zur Integration der europäischen Finanzmärkte und wäre der logische Partner für andere europäische Börsenbetreiber. Es entstünde ein europäischer Marktführer, der auf globaler Ebene konkurrenzfähig wäre.

Die Deutsche Börse schlägt daher vor, einen Zusammenschluss der beiden Unternehmen auf dem Prinzip eines Zusammenschlusses unter Partnern (Merger of Partners) zu basieren. Unter Berücksichtigung dieses Prinzips sieht die Deutsche Börse die folgenden wesentlichen Bedingungen für einen möglichen Zusammenschluss mit Euronext:

1. Ein neues Unternehmen mit einem neuen Namen stellvertretend für hervorragende Leistung im Finanzdienstleistungssektor

Eine neu gegründete Konzernobergesellschaft mit Sitz in den Niederlanden soll als Holdinggesellschaft für beide Unternehmen fungieren. Weder Euronext NV noch Deutsche Börse AG wird die aufnehmende Gesellschaft sein, in der beide Unternehmen zusammengeschlossen werden.

Zudem soll ein neuer Unternehmensname und eine neue Markenstrategie entwickelt werden, die den pan-europäischen Charakter und den Status als führende Börsenorganisation der Welt unterstreichen.

2. Ein Geschäftsmodell, das die Stärken beider Partner weiter ausbaut und gleichzeitig die Anforderungen der einzelnen nationalen Märkte und die regulatorischen Anforderungen berücksichtigt

Das kombinierte Geschäftsmodell soll auf den erfolgreichen Geschäftsmodellen von Euronext und Deutscher Börse aufbauen und zusätzlich weiteres Wachstum sowie operative und finanzielle Synergien generieren. Die Deutsche Börse geht davon aus, dass dieses Geschäftsmodell erheblichen Freiraum schafft, die Kapitaleffizienz zu steigern und freie Mittel an die Aktionäre im Rahmen der Transaktion oder unmittelbar im Anschluss daran auszuschütten.

Es ist das Ziel, alle derzeit von Deutsche Börse und Euronext betriebenen Geschäftsbereiche inklusive der „post-trade“-Aktivitäten der Deutschen Börse in der neuen Gruppe fortzuführen. Dabei soll das Geschäftsmodell allerdings ausdrücklich die lokalen regulatorischen Anforderungen und die Besonderheiten der nationalen Märkte berücksichtigen.

Das Geschäftsmodell der neuen Gruppe soll insbesondere die unterschiedlichen nationalen Ansätze sowie die regulatorischen Diskussionen auf europäischer Ebene bezüglich der Organisation der „post-trade“-Aktivitäten berücksichtigen. Das integrierte, vertikale Modell der Deutschen Börse hat sich bewährt und wird von den Marktteilnehmern in Deutschland unterstützt. Allerdings besteht nicht die Absicht, die bestehende Marktstruktur in Ländern wie Frankreich zu ändern, die ein horizontales Modell verfolgen. Als klares Bekenntnis zu dem Zusammenschluss mit Euronext ist die Deutsche Börse bereit, ihre Clearing-Aktivitäten für den Aktienhandel in eine europäische, unabhängig und privatwirtschaftlich betriebene Aktien-Clearing-Organisation einzubringen.

Darüber hinaus soll in jedem Land, in dem die neue Gruppe Börsen betreibt (d.h. Belgien, Frankreich, Deutschland, Niederlande, Portugal und Großbritannien), der Betrieb mittels einer eigenständigen Tochtergesellschaft erfolgen, um so den regulatorischen Anforderungen gerecht zu werden und die Nähe zu den Kunden zu gewährleisten. Die Deutsche Börse geht davon aus, dass die bestehende multinationale regulatorische Koordination, die Euronext entwickelt hat, auch für die neue Gruppe als Blaupause dienen kann.

Expertise in der Informationstechnologie wird eine Kernkompetenz der neuen Gruppe sein. Dennoch teilt die Deutsche Börse die Sichtweise von Euronext, dass die Informationstechnologie-Aktivitäten in enger Zusammenarbeit mit einem externen Partner betrieben werden sollten.

Entscheidungen über die zukünftige Organisation der Handelsplattformen im Aktien- und Derivatehandel sollen nach dem Zusammenschluss getroffen werden unter der Prämisse eines ausgewogenen Verhältnisses zwischen den Vorteilen der Integration für die Nutzer, den Transferkosten der Nutzer und den operativen Synergien.

3. Eine föderale Unternehmensstruktur und ein europäisches Standortkonzept

Um den europäischen Charakter des gemeinsamen Unternehmens zu unterstreichen, soll der rechtliche Sitz der neuen Gruppe in Amsterdam sein. Die neue Gruppe würde ihre Hauptbörsennotierungen in Paris und Frankfurt haben. Die nationalen Aktienbörsen würden von lokalen Tochtergesellschaften betrieben.

Das Standortkonzept soll auf einer pan-europäische Struktur basieren, welche die Finanzzentren berücksichtigt.

– Die Hauptverwaltung inklusive der Mehrzahl der Vorstandsbüros und der Schlüsselpositionen in Stabsfunktionen soll in Frankfurt angesiedelt sein.

– Aktienhandel und Listing sollen aus Paris geführt und weiterhin von den lokalen Börsenorganisationen betrieben werden in Übereinstimmung mit dem aktuellen Euronext-Modell. Paris würde auch die Managementzentrale für wesentliche pan-europäische Initiativen im Aktiengeschäft werden, wie z.B. die Entwicklung eines pan-europäischen Aktienmarktes für Wachstumsunternehmen.

– Derivatehandel soll geführt werden aus und ansässig sein in Frankfurt und London (Liffe)

– Information Services soll geführt werden aus Amsterdam

– Clearstream soll weiterhin aus Luxemburg geführt werden

– Informationstechnologie-Aktivitäten sollen aus Frankfurt geführt werden.

Die Kernelemente dieser föderalen Struktur sollen in der Satzung der neuen Gruppe verankert werden, wie beispielsweise Frankfurt als Hauptsitz der Unternehmensführung und Paris als Zentrale des europäischen Aktienhandelsgeschäfts.

Für das operative Geschäft aller zuvor genannter Bereiche ist Kundennähe ausgesprochen wichtig. Entsprechend erwarten wir, dass die neue Gruppe ein bedeutender Arbeitgeber im lokalen Finanzsektor in allen wesentlichen europäischen Finanzzentren sein wird.

4. Eine ausgewogene Unternehmensführung im Sinne einer Partnerschaft

In Übereinstimmung mit der Gremienstruktur von Euronext und Deutscher Börse soll das neue Unternehmen eine zweistufige Struktur mit Aufsichtsrat und Vorstand haben. Die Deutsche Börse ist davon überzeugt, eine ausgewogene Managementstruktur im Geiste einer echten Partnerschaft zu schaffen:

Die Deutsche Börse schlägt vor, den Vorstand in einem zahlenmäßig gleichen Verhältnis mit Vertretern von Euronext und Deutscher Börse zu besetzen. Der Vorstand der neuen Unternehmensgruppe soll zunächst von Jean-Francois Theodore und Reto Francioni als gemeinsame Vorstandsvorsitzende (Co-CEOs) geleitet werden. Nach einer Übergangsfrist soll Reto Francioni alleiniger Vorstandsvorsitzender werden und Jean-Francois Theodore würde dann in einer führenden Funktion in den Aufsichtsrat wechseln, um weiter seine Expertise zur Verfügung zu stellen.

Die Besetzung des Aufsichtsrats der neuen Gesellschaft soll eine besondere internationale Geschäftsexpertise reflektieren, wobei die Besetzung im Verhältnis von 8:8 zwischen Vertretern der beiden Unternehmen mit einer entscheidenden Stimme für den Aufsichtsratsvorsitzenden erfolgen sollte. Der Aufsichtsratsvorsitzende soll von der Deutschen Börse nominiert werden, der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende von Euronext. Die Positionen der Vorsitzenden der verschiedenen Ausschüsse sollen ebenfalls zwischen Vertretern beider Seiten aufgeteilt werden. Der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende soll einen internationalen Beirat auf Holdingebene leiten. Kunden und andere kompetente Persönlichkeiten aus Europa sollen die Gesellschaft beraten und ihre Interessen vertreten. Zusätzlich sollen lokale Beratungsgremien das Management der lokalen Börsen unterstützen, wie dies zum Teil bereits der Fall ist.

Aufsichtsrat und Vorstand der Deutschen Börse sind nach wie vor vom Potential eines möglichen Zusammenschlusses von Euronext und Deutscher Börse überzeugt. Die Deutsche Börse hat in dem hier dargelegten Konzept versucht, mögliche Bedenken, die in den jüngsten Diskussionen hervortraten, proaktiv zu adressieren. Gleichzeitig ist die Deutsche Börse den Interessen ihrer Aktionäre und anderen Interessenparteien in ihren Märkten verpflichtet. Die Deutsche Börse betrachtet das hier dargelegte Konzept als faire Balance, verankert in einem Bekenntnis zu einer föderalen Organisationsstruktur, zur Berücksichtigung lokaler Besonderheiten und zur Beibehaltung der unterschiedlichen Geschäftsmodelle, insbesondere bezüglich der Organisation der „post trade“-Aktivitäten.

Die Deutsche Börse will zusammen mit Euronext eine weltweit führende Börsenorganisation auf Basis einer gemeinsamen Vision und einer echten Partnerschaft schaffen. Die Deutsche Börse sieht der Fortsetzung der Diskussionen mit der Euronext in einem vertrauensvollen und konstruktiven Rahmen entgegen, um die Verhandlungen zu einem beiderseitig vorteilhaften und erfolgreichen Abschluss zu bringen.

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Weitere Informationen:

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