Wie viel kostet die Schlaganfallbehandlung?

Erstmals liegen repräsentative Daten zu den direkten Kosten der Schlaganfallversorgung in Deutschland vor

Die lebenslangen direkten Behandlungskosten pro Schlaganfallpatient in Deutschland belaufen sich durchschnittlich auf 43.129 Euro. Hochgerechnet auf die nächsten zwanzig Jahre werden die direkten medizinischen Kosten, die durch die zu erwartenden ca. 3,5 Mio. Schlaganfälle anfallen, bei insgesamt 108,6 Mrd. Euro liegen. Ein Projekt des Kompetenznetzes Schlaganfall, das Erlanger Schlaganfall Register, hat erstmals repräsentative Daten zu den lebenslangen direkten Behandlungskosten in Deutschland erhoben. Die Ergebnisse sind in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts Stroke (2006; 37 (5): 1179-83) erschienen und werden am 19. Mai auf der European Stroke Conference in Brüssel vorgestellt.

Nicht berücksichtigt bleiben bei der Studie die so genannten indirekten Kosten, die etwa durch frühzeitige Erwerbsunfähigkeit oder durch unentgeltliche Pflege durch Angehörige und Bekannte entstehen. „Das heißt, es sollte von weit höheren volkwirtschaftlichen Kosten ausgegangen werden“, so Privatdozent Peter Kolominsky-Rabas, Erstautor der Studie und Leiter des Erlanger Schlaganfall Registers. „Unsere Studie soll der Politik helfen, die Folgen ihrer Entscheidungen einschätzen und den Kosten- und Versorgungsbedarf langfristig planen zu können“, so Kolominsky-Rabas weiter.

Hauptursache für erworbene Behinderungen bei Erwachsenen

Die hohe sozioökonomische Bedeutung des Schlaganfalls ergibt sich zum einen aus der Häufigkeit des Schlaganfalls – mehr als 150.000 Menschen erleiden derzeit jedes Jahr erstmals einen Schlaganfall -, und zum anderen aus den häufig schwerwiegenden Folgen der Erkrankung: Der Schlaganfall ist die dritthäufigste Todesursache und die Hauptursache für lebenslange Behinderungen im Erwachsenenalter in Deutschland. Rund vierzig Prozent versterben binnen eines Jahres, fast zwei Drittel der Patienten, die einen Schlaganfall überleben, sind behindert und auf fremde Hilfe angewiesen. Zudem steigt das Erkrankungsrisiko im Alter deutlich an. Angesichts der demografischen Entwicklung in Deutschland könnte die Bedeutung des Schlaganfalls in Zukunft weiter zunehmen.

Grundlage der prospektiven Kompetenznetz-Studie sind die repräsentativen Bevölkerungsdaten des Erlanger Schlaganfall Registers. Das 1994 eingerichtete Register ist das erste und bisher einzige epidemiologische Schlaganfallregister ohne Altersbeschränkung in Deutschland. In ihm werden sämtliche diagnostizierten Schlaganfälle von stationär und ambulant behandelten Patienten in Erlangen erfasst. In der vorliegenden Studie wurden erstmalig die lebenslangen medizinischen Behandlungskosten des ersten ischämischen Schlaganfalls – des mit ca. 85 Prozent häufigsten Schlaganfalltyps – ermittelt und auf Deutschland hochgerechnet. Dabei wurden sowohl die Kosten, die sich aus der stationären und ambulanten Behandlung ergeben, als auch die Rehabilitations- und Pflegekosten berücksichtigt.

Große Herausforderung für das Gesundheitssystem

Es zeigte sich: Die Kosten pro Patient im ersten Jahr, die erstmals einen Schlaganfall erlitten haben und das erste Jahr nach Schlaganfall überlebten, betrugen 18.517 Euro. Davon entfielen 37 Prozent auf die Rehabilitation, wohingegen in den darauf folgenden vier Jahren mit 49 Prozent die ambulante Behandlung der Hauptkostenpunkt war. Die lebenslangen direkten Behandlungskosten betrugen durchschnittlich 43.129 Euro pro Patient mit ischämischen Schlaganfall.

Für das Jahr 2004 beliefen sich demnach die gesamten direkten medizinischen Kosten auf 7,1 Mrd. Euro. Dabei entfielen vierzig Prozent (2,8 Mrd. Euro) auf die ambulante Behandlung, 22 Prozent (1,6 Mrd. Euro) auf die stationäre Behandlung, 21 Prozent (1,5 Mrd. Euro) auf die Rehabilitation und 17 Prozent (1,2 Mrd. Euro) auf die Krankenpflege. Die Wissenschaftler um Kolominsky-Rabas rechneten zudem die Zahlen für die nächsten zwanzig Jahre (2006 – 2025) hoch. Dabei berücksichtigten sie sowohl die zu erwartende Alters-Entwicklung und Geschlechtsverteilung als auch die anzunehmenden Teuerungsraten. Bis zum Jahr 2025 werden bei zu erwartenden ca. 3,5 Millionen ischämischen Schlaganfällen, 108,6 Mrd. Euro für die direkte medizinische Behandlung benötigt. „Die Daten belegen, dass das Krankheitsbild Schlaganfall durch die rasch fortschreitende demografische Alterung eine große Herausforderung für unser Gesundheitssystem darstellt“, resümiert Kolominsky-Rabas. Durch verstärkte Prävention und verbesserte Therapien ließe sich jedoch nicht nur hinter diesen Zahlen stehende Einzelschicksale vermeiden, sondern zusätzlich die finanzielle Belastung der Gesellschaft durch diese Erkrankung vermindern.

Kompetenznetz Schlaganfall

Die Studie wurde im Rahmen des Kompetenznetzes Schlaganfall durchgeführt, einem seit 1999 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten bundesweiten Netzwerk, in dem Ärzte, klinische Wissenschaftler und Grundlagenforscher eng zusammen arbeiten. Ziel ist es, die Kompetenz der beteiligten führenden Forschergruppen zu bündeln, die Kommunikation zwischen Wissenschaftlern, Ärzten und Betroffenen zu verbessern – und damit die Schlaganfallforschung noch effizienter voranzutreiben.

Kolominsky-Rabas PL, Heuschmann PU, Marschall D, Emmert M, Baltzer N, Neundorfer B, Schoffski O, Krobot KJ. Lifetime cost of ischemic stroke in Germany: results and national projections from a population-based stroke registry: the Erlangen Stroke Project. Stroke 2006; 37 (5): 1179-83.
http://stroke.ahajournals.org/cgi/content/short/37/5/1179

Weitere Informationen erhalten Sie von:
PD Dr. med. Peter L. Kolominsky-Rabas
Forschungsunit Public Health
Neurologische Klinik der Uni Erlangen-Nürnberg
kolominsky@public-health.uni-erlangen.de

Pressestelle:
Liane Clevert
Tel.: 030 – 450 560 145 / 142
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