Vor- und Nachteile dualer Ausbildungsgänge – ein internationaler Vergleich

Das deutsche duale System der Berufsbildung unterscheidet sich wesentlich von fast allen anderen europäischen Berufsbildungssystemen: Deutschland verfügt über eine Tradition des Lernens durch Arbeit, während in anderen Staaten der Europäischen Union schulische Ausbildungsgänge den beruflichen Qualifizierungsprozess junger Menschen bestimmen. In jüngster Zeit kann allerdings festgestellt werden, dass das arbeitsintegrierte Lernen in Europa auf immer größeres Interesse stößt – duale Ausbildungsansätze gewinnen in vielen Mitgliedstaaten der EU an Bedeutung. Eine internationale Vergleichsstudie, die das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) im Rahmen des europäischen Aktionsprogramms LEONARDO gemeinsam mit Forschungseinrichtungen aus Spanien, Finnland, Italien und Großbritannien durchführte, hat die Vorzüge und Nachteile dualer Ausbildungsmaßnamen in Finnland, Deutschland, Italien, Spanien, Großbritannien und den Niederlanden am Beispiel der Berufsausbildung im Baugewerbe untersucht. Ziel des Projekts war, zu prüfen, inwieweit duale Ausbildungsgänge in den sechs untersuchten Ländern in der Lage sind, den neuen ökonomischen und strukturellen Anforderungen zu entsprechen, um aus den Ergebnissen Konsequenzen für die Weiterentwicklung der Berufsbildungssysteme zu ziehen.

Die Befragung der nationalen Experten wie insgesamt die europäische Vergleichsbefragung zeigen: Das zentrale Problem der meisten europäischen Länder ist, Ausbildungsangebote hinreichend am Bedarf der Unternehmen zu orientieren und technisch-organisatorische Veränderungen der Arbeitswelt in die Ausbildung einfließen zu lassen. Das Duale System in Deutschland hingegen leidet – aus der Sicht deutscher Experten – am meisten unter seiner Konjunkturabhängigkeit.

Die nachfolgende Übersicht dokumentiert eine Rangliste der Vor- und Nachteile dualer Ausbildungsmaßnahmen (in Europa) bzw. des Dualen Systems (in Deutschland), wie sie sich aus den Befragungen im Rahmen der Studie ergeben. Die Ergebnisse machen deutlich, dass es bei einer Ergänzung schulischer Systeme durch betriebliche Lernprozesse gemeinsame Vor- und Nachteile im Vergleich zum deutschen dualen System gibt.

Rangliste der Vor- und Nachteile „dualer“ Ausbildungsmaßnahmen aus international vergleichender Sicht

Vorteile

  1. Mix der Lernorte wird durch Praxiserfahrungen in positiver Weise erweitert
  2. Kenntnisse der Ausbilder über die neuesten technischen Entwicklungen werden aktualisiert
  3. Sozialparteien haben größere Möglichkeiten bei der Mitgestaltung der Ausbildung
  4. Produktive Arbeit der Jugendlichen wirkt motivierend auf die Auszubildenden und kostensenkend auf die Ausbildungsbetriebe
  5. Überbetriebliche Ausbildungsstätten als zusätzliche Lernortträger können Defizite des Lernens in der Praxis ausgleichen

Nachteile

  1. Konjunkturabhängigkeit betrieblicher Ausbildungsangebote schafft Probleme
  2. Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Curricula, wenn der Arbeitsplatz nur begrenzte Lernmöglichkeiten bietet
  3. Technische Veränderungen, die sich auf die Ausbildung auswirken, werden in Betrieb und Schule in unterschiedlicher Geschwindigkeit umgesetzt („Lag“)
  4. Heterogenität bei den Lernangeboten der Betriebe führt zu qualitativen Problemen bei der Ausbildung

 

Rangliste der Vor- und Nachteile des „Dualen Systems“ in Deutschland aus Sicht deutscher Experten

Vorteile

  1. Rekrutierung eigener Fachkräfte durch Ausbildung bringt den Betrieben Vorteile (keine Stellenausschreibungen, kein Risiko bei der Stellenbesetzung, keine Einarbeitung, etc.)
  2. Lernortmix hat positive Auswirkungen auf die Ausbildung
  3. Qualität der Ausbildung ergibt sich aus dem Kompromiss zwischen betriebs- und berufsspezifischer Qualifizierung
  4. Hohe gesellschaftliche Akzeptanz der Ausbildung, dadurch positives Image ausbildender Betriebe
  5. Kostenreduktion der Betriebe durch produktive Leistungen der Auszubildenden
  6. Anpassungsdruck auf die Schulen, weil sie sich den Erfordernissen der Praxis stellen müssen
  7. Breit akzeptierte qualitative Mindeststandards
  8. Übergang von der Ausbildung in den Beruf („zweite Schwelle“) wird erleichtert

 

Nachteile

  1. Ausbildungsmarkt deckt nicht immer die Ausbildungsnachfrage
  2. Ausbildung ist qualitativ und quantitativ abhängig von der Ausbildungsbereitschaft der Betriebe
  3. Staat muss die Ausbildung kofinanzieren, ohne sie steuern zu können
  4. Kooperationsdefizite zwischen Lehrern und betrieblichen Ausbildern
  5. Großer formaler Aufwand zur Sicherung der Systeminfrastruktur
  6. Durchgängigkeit zwischen Aus- und Weiterbildung ist nicht gewährleistet

 


Die Ergebnisse der internationalen Vergleichsstudie sind dokumentiert in der von Uwe Grünewald und Dick Moraal herausgegebenen Veröffentlichung „Duale Ausbildungssysteme. Institutionelle Rahmenbedingungen und Leistungsfähigkeit der dualen Ausbildung im Baugewerbe“. Die Veröffentlichung ist zum Preis von DM 35,- zu beziehen beim W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG, Postfach 10 06 33, 33506 Bielefeld, Tel. 0521/911 01-11, Fax: 0521/911 01-19, E-Mail: bestellung@wbv.de

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Dr. Ilona Zeuch-Wiese idw

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