Europa zwischen China und den USA

Roland Berger: Europa und USA müssen Stärken gegenseitig nutzen

China rückt den USA und Europa immer näher. Gelingt es der Volkrepublik, das enorme Wirtschaftswachstum weiter voranzutreiben, könnte China die USA als größte Volkswirtschaft der Welt bereits im Jahr 2040 überholen. Das sagte Roland Berger, Vorsitzender des Aufsichtsrats von Roland Berger Strategy Consultants, am 29. November 2004 beim Oberbankforum in Linz. Unter dem Titel „Europa im Wettbewerb mit China und USA – wer gewinnt?“ sprach der Berater über Risiken und Chancen der zunehmenden weltweiten wirtschaftlichen Integration. Die USA und Europa müssen ihre komplementären Stärken nutzen und weiter ausbauen, so Berger. Nur unter dieser Voraussetzung kann auch in Zukunft der Wohlstand in Europa gesichert und gesteigert werden.

„Europa könnte in wenigen Jahren sowohl von China als auch von den USA abgehängt werden“, warnte Berger. Die Volksrepublik wandelt sich schnell von einer ressourcen- zu einer produktivitätsbasierten Wirtschaft und spezialisiert sich zunehmend auf Low-Cost- und Medium-Tech-Produkte. Auf der anderen Seite hinkt Europa den USA bezüglich Dynamik des Strukturwandels zur High-Tech-/High-Serve- Gesellschaft und Innovationsfähigkeit hinterher.

China in Zahlen – enorme Aufholjagd

„Auf den ersten Blick scheint die wirtschaftliche Bedeutung der Volksrepublik stark überbewertet – doch dieser Eindruck täuscht“, erläuterte Berger. Das nominale BIP Chinas liegt mit 1.447 Mrd. USD 2003 klar hinter dem der USA (11.004 Mrd. USD) und Europas (11.025 Mrd. USD). Vergleicht man die Kaufkraftparitäten (BIP PPP), so erwirtschaftet China mit 6.719 Mrd. USD aber bereits heute ein Sechstel des Welt-BIP und erreicht damit zwei Drittel des BIP-Niveaus sowohl der EU (BIP 2004 PPP: 10.118 Mrd. USD) als auch der USA (BIP 2004 PPP: 10.154 Mrd. USD). Im Ländervergleich ist Chinas BIP PPP schon heute das zweithöchste der Welt.

2003 trug China 32 Prozent zum weltweiten Wirtschaftswachstum, 34 Prozent zum globalen Importwachstum und 60 Prozent zum Investitionswachstum bei. „Bleibt dieses Wachstum weiter bestehen, wird sich Chinas Anteil am weltweiten BIP innerhalb von fünfzehn Jahren verdoppeln. Dem gegenüber sinkt der Anteil der EU am weltweiten BIP, trotz EU-Osterweiterung“, erläuterte Berger. Auch das BIP pro Kopf wächst in China (+7,5 Prozent p.a.) dreimal so schnell wie in Europa (2,0 Prozent) und den USA (+2,1 Prozent).

China – mehr Exporte, mehr Finanzflüsse

Die zunehmende Wettbewerbsfähigkeit Chinas zeigt sich auch bei den Exporten: Europa liegt mit einem Anteil von rund 20 Prozent an den weltweiten Exporten noch deutlich an erster Stelle – China könnte jedoch bald mehr exportieren als die USA. Während die jährliche Zuwachsrate in der EU-15 6,9 Prozent und in den USA 5,4 Prozent beträgt, konnte die Volksrepublik ihre absoluten Exporte 2003 um 19,5 Prozent steigern. Zusätzlich zieht die chinesische Wirtschaft immer größere Mengen an ausländischen Direktinvestitionen (FDI) ins Land. „Europa und die USA sind zwar noch immer die Hauptzielländer von Direktinvestitionen. Kapitalflüsse nach China sind aber weniger konjunkturabhängig als Flüsse in die USA und Europa“, so Berger. Die jährlichen FDI-Flüsse machten 2003 3,3 Prozent des chinesischen, 2,1 Prozent des EU-25-BIP und 1,4 Prozent des US-amerikanischen BIP aus. Mit den ausländischen Investitionen in China werden gleichzeitig modernste Technologien und Management-Know-how transferiert.

Beschäftigung – USA besser als Europa

Bei der Beschäftigung weist China mit einer offiziellen Arbeitslosenrate von 9,1 Prozent ähnliche Strukturen wie Europa (8,7 Prozent) auf. In den USA liegt der Arbeitslosenanteil derzeit bei 5,4 Prozent. „Die Dunkelziffer ist in China natürlich höher. Auf absehbare Zeit gibt es hier ein riesiges Reservoir an billigen Arbeitskräften, das weiteres Wachstum ermöglicht“, so Berger. Aber auch die Qualifikation der chinesischen Arbeitnehmer steigt. Im Jahr 2002 hat China mit 590.000 Ingenieuren und Naturwissenschaftlern 70.000 mehr als die USA und 110.000 mehr als die EU ausgebildet.

Herausforderung für China

Doch wirtschaftliche, soziale und politische Probleme könnten das chinesische Wirtschaftswunder bremsen und sich entsprechend negativ auf die Weltwirtschaft auswirken. Noch immer ist die Industrie mit 51,2 Prozent am BIP der wirtschaftliche Hauptsektor in China. Der Anteil der Dienstleistungen an der Wertschöpfung liegt in der Volksrepublik bei 33,6 Prozent, in Europa bei 70,9 Prozent und in den USA bei 78,7 Prozent. „China steht vor einer doppelten Transformationsaufgabe: dem Wandel von der Agrar- zur Industrie- und gleichzeitig zu einer Wissensgesellschaft“, erläuterte Berger. Mit 80 Millionen Wanderarbeitern und vielen Beschäftigten in der Landwirtschaft verläuft der Transformationsprozess nicht ohne soziale Spannungen.

Das instabile Finanzsystem und die drohende Überhitzung der Wirtschaft durch übermäßige Inflation und steigende Kredite führen zu weiterer Verunsicherung. Neben dem hohen Maß an Korruption und Bürokratie müssen „neue“ Probleme wie Umweltverschmutzung und ein rasant steigender Energieverbrauch bewältigt werden. Das Nebeneinander von wirtschaftlicher Freiheit und politischer Unfreiheit ist langfristig nicht denkbar. „Die Zukunft Chinas wird zu einem großen Teil von der Bereitschaft der politischen Klasse zu Reformen abhängen“, so Berger.

Über Roland Berger Strategy Consultants

Roland Berger Strategy Consultants, 1967 gegründet, ist eine der weltweit führenden Strategieberatungen. Mit 31 Büros in 22 Ländern ist das Unternehmen erfolgreich auf dem Weltmarkt aktiv. 1.630 Mitarbeiter haben im Jahr 2003 einen Honorarumsatz von über 530 Mio. EUR erwirtschaftet. Die Strategieberatung ist eine unabhängige Partnerschaft im ausschließlichen Eigentum von mehr als 160 Partnern.

Weitere Informationen:

Roland Berger Strategy Consultants
Dr. Manfred Reichl
Freyung 3/2/10, 1010 Wien
Tel. +43-1-536 02-101
E-Mail: manfred_reichl@at.rolandberger.com

Media Contact

Matthias Sturm Roland Berger Strategy Consult.

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