Aktienmarkt: Konjunkturausblick belastet

Seit die Hoffnungen der Marktteilnehmer auf eine Fortsetzung der fulminanten Oktoberhausse Anfang November nach der überraschend kräftigen Zinssenkung der US-Notenbank um 50 Basispunkte und den US-Zwischenwahlen zunächst durch Gewinnmitnahmen und Konjunkturskepsis enttäuscht wurden, konnten zuletzt einige positive Unternehmensmeldungen und besser als erwartete amerikanische Wirtschaftsdaten (US-Einzelhandelsumsätze, Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe) die Hoffnungen auf eine kleine Jahresendrallye zumindest aufrechterhalten.

Die zusätzliche geldpolitische Unterstützung der Fed zielt nicht zuletzt auf eine Stimulierung der Unternehmensinvestitionen ab, während insbesondere im laufenden Quartal mit Schwächen beim privaten Verbrauch zu rechnen ist. Für eine Fortsetzung der Konsumstärke sprechen zwar die niedrigen Zinsen, der Vermögenszuwachs infolge gestiegener Immobilienpreise sowie die in Aussicht gestellten weiteren Steuersenkungen. Der deutliche Einbruch des Verbrauchervertrauens im Oktober auf 79,4 nach 93,3 wird jedoch als ein Vorbote für ein schwächeres viertes Quartal gedeutet. Vor allem die hohe private Verschuldung, die zunehmende Angst vor einem Arbeitsplatzabbau und die negativen Effekte durch Aktienkursverluste könnten sich auch für die weitere Zukunft als belastend erweisen.

Im Euroraum lässt eine Belebung der konjunkturellen Entwicklung weiter auf sich warten. Zuletzt prognostizierten sowohl die EU-Kommission als auch der Sachverständigenrat für die Eurozone 2003 ein Wirtschaftswachstum von 1,8 Prozent, dagegen wird für Deutschland sogar nur eine Zunahme von 1,4 Prozent (EU-Kommission) beziehungsweise von 1 Prozent (Sachverständigenrat) vorhergesagt. Die schlechte Stimmung in Deutschland spiegelt sich auch im drastischen Einbruch des ZEW-Index im November wider, der von 23,4 auf 4,2 Punkte absackte und eine erhöhte Rezessionsgefahr in der ersten Jahreshälfte 2003 signalisiert. Während der Export noch einen Wachstumsbeitrag leistet (September +10,9 Prozent, nach neun Monaten +0,7 Prozent gegenüber Vorjahr), lahmt die Binnenkonjunktur weiterhin. Aufgrund der eingetrübten volkswirtschaftlichen Perspektiven sowie der anhaltenden Diskussionen über Steuer- und Abgabenerhöhungen ist kurzfristig kaum mit Impulsen bei Investitionen und Konsum zu rechnen.

Neben vielen ernüchternden Unternehmensmeldungen gab es bei den jüngsten Quartalszahlen auch Lichtblicke (z.B. BASF oder Altana) und Anzeichen für bilanzielle Bereinigungen. Insgesamt fiel die Reaktion auf negative Nachrichten moderat aus. Im aktuellen von Konjunkturunsicherheit und latenten geopolitischen Bedrohungen (Terroranschläge, Irak-Konflikt) geprägten Umfeld drängen sich für den vorsichtigen Anleger Neuengagements am Aktienmarkt nicht auf. Risikobewussten Investoren dürften jedoch die anhaltend hohen Kursvolatilitäten Tradingchancen eröffnen.

Rentenmarkt: Trutzburg in unruhigen Zeiten

Nachdem noch Mitte Oktober die langfristigen Renditen in den USA und auch in Euroland im Zuge einer kräftigen Aktienrallye überproportional anzogen, steht spätestens seit der mit 50 Basispunkten überraschend deutlich ausgefallenen US- Leitzinssenkung auf 1,25 Prozent die wieder etwas pessimistischer gefärbte Konjunktursicht vorerst erneut im Vordergrund. Seit dem zwischenzeitlichen Hoch rentieren die zehnjährigen Treasuries aktuell 43 und die zehnjährigen Bundesanleihen 21 Basispunkte tiefer bei 3,82 bzw. 4,41 Prozent.

In den USA scheint der Wachstumsmotor mit Blick auf die jüngste Satzreduktion durch die Notenbank weiterer Starthilfe zu bedürfen. So verharrt der ISM-Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe seit zwei Monaten unter der Expansionsschwelle und auch für den privaten Verbrauch (im dritten Quartal +3,8 Prozent) ist ein ermäßigtes Tempo von allenfalls knapp 2 Prozent wahrscheinlich. Die jenseits des Atlantiks spürbare Entschlossenheit zur Wirtschaftsstimulierung durch Senkung des Schlüsselzinses unter das Inflationsniveau und durch die nach dem Wahlausgang voraussichtlichen weiteren Steuererleichterungen birgt allerdings angesichts des wieder auf Rekordniveau gekletterten Außenhandelsdefizits sowie des steigenden Finanzierungsbedarfs der öffentlichen Hand auch Risiken.

Konjunkturell gerät die Eurozone gegenüber den USA nochmals deutlicher ins Hintertreffen. Die Geschäftsklimaindikatoren haben sich auf breiter Front eingetrübt und folgen damit den insbesondere in Deutschland verbreiteten Moll-Tönen. Hierzulande brach beispielsweise der ZEW-Konjunkturindex auf 4,2 (nach 23,4) Punkte massiv ein, nachdem zuvor auch die September-Daten zu Binnennachfrage und Produktion (minus 1,2 nach plus 1,3 Prozent) enttäuschten. Revisionen der gesamtwirtschaftlichen Wachstumsschätzungen unter anderem durch Sachverständigenrat und EU-Kommission (+1,0 bzw. +1,4 Prozent für 2003) verstärkten zusätzlich das bondmarktfreundliche Umfeld. Für Euroland sagen die Prognostiker der Kommission zudem in 2003 einen Rückgang der Inflationsrate unter die Zwei-Prozent-Marke voraus und signalisieren damit, dass die Teuerungsentwicklung derzeit eher unkritisch einzuschätzen ist. Nach den nicht zuletzt auch durch den jüngsten Monatsbericht bestätigten, ungewöhnlich deutlichen Hinweisen der EZB auf eine bevorstehende Senkung der Leitzinsen würde sogar ein Schritt um 50 Basispunkte am 5. Dezember nicht überraschen, sofern im Vorfeld nicht der Eindruck politischer Einflußnahme auf die Währungshüter entsteht.

Die Verunsicherung um den Zustand der europäischen Stabilitätsgemeinschaft und den Mittelbedarf der Öffentlichen Haushalte bleibt virulent. Aber auch mit Blick auf das im Oktober sichtbar gewordene Rückschlagspotenzial bei Stimmungsumschwüngen sowie die auf längere Sicht im Zuge einer Lösung des Irak-Konfliktes nachlassende Safe Haven-Funktion langlaufender Titel empfehlen sich derzeit unter Chance/Risiko-Aspekten kürzere Laufzeiten.

Hans Beth
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