Börsen-Berichte haben kaum Mehrwert für Kleinanleger

Vor einem Jahrzehnt kletterten die Börsen-Indizes weltweit in enorme Höhen. Auch Dax oder Nemax erreichten Anfang 2000 ihre bis dahin höchsten Notierungen. Zugleich gab es immer mehr Medienangebote zum Börsengeschehen und Aktienhandel.

Spätestens mit dem Börsengang der Telekom-Aktie schien auch in Deutschland jeder Kleinanleger mit etwas Glück ordentliche Gewinne am Aktienmarkt erzielen zu können. Dieser Optimismus war spätestens im Frühjahr 2000 einer erheblichen 'Katerstimmung' gewichen.

Ungeachtet dessen halten sich bis heute viele Anlegermagazine, Börsensendungen im Fernsehen und Finanzportale im Internet. Gerade für unkundigere Kleinanleger scheinen sie wertvolle Informationen und Anlagetipps zu liefern. Prof. Dr. Bertram Scheufele vom Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Jena hat die Rolle solcher Medienangebote am Aktienmarkt untersucht. Die Ergebnisse hat er gemeinsam mit Alexander Haas von der Ludwig-Maximilians-Universität München in der Publikation „Medien und Aktien“ vorgelegt, die gerade im VS-Verlag erschienen ist.

Die beiden Kommunikationswissenschaftler betrachten in ihrem Buch den Zusammenhang zwischen der Aktienberichterstattung der Medien und den Aktienkursen und Handelsvolumina börsennotierter deutscher Unternehmen in den Jahren 2000 und 2005. Die ausgewählten Unternehmen (u. a. Consumer Electronics, DaimlerChrysler, EM.TV, Lufthansa, Mobilcom) stehen für verschiedene Branchen und unterscheiden sich in diversen Kennwerten (z. B. Volatilität, KGV).

Im ersten Schritt haben die Wissenschaftler untersucht, wie Printmedien, Börsensendungen im Fernsehen (z. B. Börse im Ersten) und Finanz-Portale im Internet (z. B. Onvista) über die Unternehmen und deren Aktien berichteten. Diese Ergebnisse wurden im zweiten Schritt mit Hilfe einer Zeitreihenlogik in einen zeitlichen Zusammenhang mit Aktienkursen und Handelsvolumina im deutschen Aktienhandel gebracht.

Scheufele und Haas zeigen, dass die Medienberichterstattung – im Gegensatz zu Medienwirkungen im politischen Bereich – nur unter ganz bestimmten Bedingungen eine – selbst dann nur mäßige – Auswirkung auf das Handelsvolumen haben kann. „Zu den 'günstigen' Bedingungen gehört etwa, dass Medien umfangreich und einheitlich berichten und gerade unkundige Kleinanleger, die sich davon leicht und direkt beeinflussen lassen, einen relativ hohen Anteil unter allen Anlegern des Wertpapiers stellen“, nennt Scheufele als Beispiel. Aktienkurse werden dagegen medial (fast) nicht beeinflusst, so die beiden Kommunikationswissenschaftler.

Meist reflektiere die Berichterstattung nur den Kursverlauf. Zwar würden auch professionelle Anleger bei manchem 'Medienhype' einen Herdentrieb unter anderen Anlegern vorwegnehmen, diesen Trend ausnutzen oder ihn 'brechen' (z. B. „sell on good news“). „Allerdings überlagern sich direkte und indirekte Medieneffekte auf 'Börsen-Profis' und 'Börsen-Laien' in so vielfältiger Weise, dass sie im Aktienkurs gar nicht mehr messbar sind“, resümiert Scheufele. Dem Glauben, man könne als Kleinanleger aus Medieninformationen Gewinne am Aktienmarkt erzielen, erteilen die Jenaer Forscher in der neuen Publikation zumindest eine Absage.

Bertram Scheufele, Alexander Haas: Medien und Aktien. Theoretische und empirische Modellierung der Rolle der Berichterstattung für das Börsengeschehen. Wiesbaden 2008: Verlag für Sozialwissenschaften. Preis: 44,90 Euro, ISBN-10: 3531157515 / ISBN-13: 978-3531157511

Kontakt:
Prof. Dr. Bertram Scheufele
Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Jena
Ernst-Abbe-Platz 8
07743 Jena
Tel.: 03641 / 944939
E-Mail: Bertram.Scheufele[at]uni-jena.de

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Axel Burchardt idw

Weitere Informationen:

http://www.uni-jena.de

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