Neue Kohlekraftwerke an der Küste: ineffizient, klimaschädlich – und unwirtschaftlich

An der Nordseeküste geplante Kohlekraftwerke drohen zu Millionengräbern zu werden, weil dort in naher Zukunft große Mengen Offshore-Windstrom mit gesetzlichem Vorrang ins Netz eingespeist werden. Auf mittlere Sicht erzwingt der massive Ausbau der Erneuerbaren Energien in ganz Deutschland eine tiefgreifende Veränderung der hergebrachten Kraftwerksstruktur.

So genannte Grundlastkraftwerke auf Basis von Kohle und Uran, die praktisch das ganze Jahr über Tag und Nacht Strom produzieren, müssen schrittweise ersetzt werden durch Anlagen, die ihre Stromproduktion flexibel den Schwankungen von Wind- und in einigen Jahren auch Sonnenstrom anpassen können.

Konkret vorgerechnet hat den bevorstehenden Umbruch im deutschen Stromsystem eine kürzlich abgeschlossene Untersuchung der Universität Flensburg, in der die wirtschaftlichen Perspektiven der in Brunsbüttel an der Elbmündung geplanten vier Kohleblöcke mit einer elektrischen Gesamtleistung von 3.200 Megawatt unter die Lupe genommen wurden. „Die Ökonomie arbeitet für den Klimaschutz und für die Gegner neuer Kohle- und alter Kernkraftwerke“, sagte Professor Olav Hohmeyer von der Universität Flensburg, der die Arbeit betreut hat, heute in Berlin.

Bei der Einspeisung in Stromnetze mit begrenzter Kapazität habe nach dem Erneuerbaren Energien Gesetz (EEG) der Offshore-Windstrom Vorrang, der noch dazu zu Betriebskosten von praktisch Null Cent an der Küste ankomme. Auch technisch und ökonomisch werde daher der Windstrom vor jeder anderen Stromerzeugung genutzt. Außerdem könnten große Kohleblöcke wie auch Kernkraftwerke nicht einfach kurzfristig ab- und wieder angefahren werden, um die Schwankungen des Windstromangebots auszugleichen. „Dafür eignen sich Gaskraftwerke wesentlich besser“, erläuterte Hohmeyer, der auch Mitglied im Weltklimarat IPCC und im Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) der Bundesregierung ist.

„Die Ergebnisse der neuen Studie für die Kohlekraftwerksprojekte in Brunsbüttel sind nur das Wetterleuchten für das, was schon bald in ganz Deutschland an Veränderungen in der Kraftwerksstruktur relevant wird“, sagte Rainer Baake, der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe e. V. (DUH). Die Ergebnisse nähmen nur für einen exponierten Standort vorweg, was nach der von der Bundesregierung angestrebten Verdoppelung des Stroms aus Erneuerbaren Energien von heute über 15 Prozent auf 30 Prozent oder mehr in elf Jahren (2020) bundesweit zum Alltag gehören werde. Baake verwies darauf, dass der Preis an der Leipziger Strombörse schon in diesen Tagen stundenweise unter die Null-Cent-Schwelle drifte, wenn der Wind kräftig bläst und gleichzeitig der Strombedarf, etwa an Wochenenden, relativ gering sei. Statt ihre Großmeiler kurzfristig abzufahren, zahlen die Kraftwerksbetreiber Stromverbrauchern in diesen Situationen lieber dafür, dass sie ihnen den Strom abnehmen. „Der politisch gewünschte und aus Klimaschutzgründen zwingende Ausbau der Erneuerbaren Energien in Deutschland erfordert die parallele Anpassung der hergebrachten Kraftwerksstruktur an die neuen Bedingungen“, sagte Baake. Viele Verantwortliche in der Politik und der Energiewirtschaft hätten noch nicht begriffen, dass ein stark wachsender Anteil von Strom aus Erneuerbaren Energien und ein Festhalten an einer großen Zahl so genannter Grundlastkraftwerke zwangsläufig zu Widersprüchen im Stromsystem führen. Die im letzten Monat erstmals in Deutschland aufgetretenen negativen Strompreise an der Großhandelsbörse, seien Vorboten dieser Entwicklung.

„Selbst wenn die Transportkapazität des Stromnetzes an der Nordseeküste bei Brunsbüttel parallel zum bevorstehenden Auf- und Ausbau der Offshore-Windkapazitäten stark ausgebaut wird, kämen die derzeit von mehreren Investoren geplanten vier 800-Megawatt-Kohleblöcke übers Jahr nicht mehr ausreichend lange zum Einsatz, um wirtschaftlich arbeiten zu können“, erklärte die Autorin der Studie und Diplom-Wirtschaftsingenieurin, Frauke Wiese. Anhand eines „Stromeinspeise-Modells“ der in Brunsbüttel einspeisenden Offshore-Windenergieanlagen und der vor Ort geplanten Steinkohlekraftwerke konnte Wiese zeigen, dass die vier neuen Kohleblöcke statt der kalkulierten 7.000 bis 8.000 Jahresvolllaststunden maximal zwischen 4.111 und 6.190 Volllaststunden pro Jahr Strom ins Netz einspeisen könnten – zu wenig, um die eingesetzten Kapitalkosten einzuspielen und eine Rendite abzuwerfen. Dabei sei anzunehmen, dass die tatsächliche Volllaststundenzahl durch mangelnde Kühlmöglichkeiten in der Elbe im Sommer noch weiter reduziert werden muss. „Heute errichtete Kohlekraftwerke sind als Grundlastkraftwerke konzipiert und nicht flexibel genug, um als ergänzende Energielieferanten im so genannten Mittellastbereich wirtschaftlich zu arbeiten“, erklärte Wiese. „Was wir dringend brauchen, wenn wir unsere Klimaziele erreichen und eine vergleichsweise risikoarme Stromversorgung sicherstellen wollen, sind flexibel einsetzbare Gaskraftwerke als Ergänzung zur fluktuierenden Wind- und Sonnenenergie. Darüber hinaus brauchen wir neue Speicherkonzepte für Strom sowie eine Glättung der Verbrauchsspitzen auf Seiten der Stromabnehmer.“

Links:
– Studie: Auswirkungen der Offshore-Windenergie auf den Betrieb von
Kohlekraftwerken in Brunsbüttel: http://www.duh.de/fileadmin/user_ upload/download/Projektinformation/Kohlekraftwerke/Windenergie-Kohlek

raftwerke_Brunsbuettel_Wiese.pdf

– Schaubild: Stromnachfrage und EEG-Einspeisung: http://www.duh.de/fi leadmin/user_upload/download/Projektinformation/Kohlekraftwerke/Strom

nachfrage_EEG-Einspeisung_10-2008.pdf

– Schaubild: Stromeinspeiseverlauf Brunsbüttel nach Endausbau
Offshore-Windenergie: http://www.duh.de/fileadmin/user_upload/downl
oad/Projektinformation/Kohlekraftwerke/Einspeiseverlauf_Brunsbuettel.
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