Kapital für Know-how – Deutsche Industrie investiert mehr in Forschung und Fachkräfte

Die deutschen Industrieunternehmen investieren wieder genau so stark wie vor Beginn der Wirtschaftskrise. Dabei gewinnen Investitionen in Personal und Know-how in den kommenden fünf Jahren gegenüber den klassischen Sachinvestitionen weiter an Bedeutung, wie eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC und des BDI zeigt. Zudem soll der Anteil der Auslandsinvestitionen deutlich steigen, was zumindest in Teilen auf die ungewissen Konsequenzen des Atomausstiegs für den Industriestandort Deutschland zurückgeführt werden kann.

„Die deutschen Unternehmen wissen, dass sie ihre führende Position im globalen Wettbewerb nur mit qualitativem Wachstum auf Grundlage von Innovationen und Know-how behalten können. Daher investieren sie mehr in die Forschung und die Aus- und Weiterbildung von Fachkräften.

Die Politik sollte diese Bemühungen stärker unterstützen. Sinnvolle Elemente zur Stärkung des Industriestandorts wären eine steuerliche Förderung von Forschungsinvestitionen sowie Erleichterungen für den Zuzug ausländischer Spezialisten nach Deutschland“, kommentiert Prof. Dr. Norbert Winkeljohann, Sprecher des Vorstands von PwC.

Das aus den Studienergebnissen hochgerechnete Investitionsvolumen der Unternehmen in Deutschland stieg im Jahr 2010 um gut 15 Prozent auf 223 Milliarden Euro und übertraf damit erstmals den Wert des Vorkrisenjahres 2008. Zu den 223 Milliarden Euro sind etwa 52 Milliarden Euro hinzuzurechnen, die Unternehmen in Forschung und Entwicklung, Innovationen und Personalentwicklung investierten.

Die Investitionsquote der Industrie- und industrienahen Dienstleistungsunternehmen legte 2010 deutlich um 0,3 Prozentpunkte auf 7,7 Prozent der Umsatzerlöse zu. Gut zwei Drittel der Unternehmen haben 2010 (auch) in den Aufbau neuer Geschäftsfelder investiert, demgegenüber haben sich nur sieben Prozent mit Investitionen zum Erhalt der bestehenden Aktivitäten zufrieden gegeben.

Wissensinvestitionen gewinnen an Gewicht

Zwar werden klassische Investitionen in Bauten, Maschinen und andere Ausrüstungsgegenstände auch künftig dominieren, die Gewichte dürften sich jedoch zu Gunsten der wissensintensiven Investitionen verschieben. So rechnen 41 Prozent der befragten Unternehmen mit steigenden Sachinvestitionen, jedoch 70 Prozent mit höheren Ausgaben für die Personalentwicklung.

Eine wachsende Bedeutung von Investitionen in Forschung und Entwicklung prognostizieren rund 43 Prozent der Befragten. Die verstärkte Ausrichtung auf Wissensinvestitionen geht einher mit der zunehmenden Bedeutung qualitativ orientierter Wachstumsstrategien. So setzen gut 25 Prozent der Unternehmen auf Wachstum durch Innovationen und die Erschließung neuer Geschäftsfelder, während nur 15 Prozent in erster Linie über steigende Produktions- und Absatzmengen wachsen wollen.

Mehr Investitionen im Ausland

Die Betonung qualitativer Wachstumsstrategien schlägt sich auch in steigenden Auslandsinvestitionen nieder. So halten die befragten Unternehmen Investitionen im Ausland für „sehr wichtig“ zur Marktentwicklung und Erschließung neuer Geschäftsfelder, während diese Aspekte bei Inlandsinvestitionen nur neutral gewichtet werden.

In den kommenden fünf Jahren wird der Anteil der Auslandsinvestitionen der Befragung zufolge deutlich von rund 11 Prozent auf gut 18 Prozent zulegen. Besonders ausgeprägt ist dieser Trend bei den Industrieunternehmen, die den Anteil der Auslandsinvestitionen von derzeit 10 Prozent auf 22 Prozent steigern wollen.

Wichtigste Zielregion für Auslandsinvestitionen ist Westeuropa mit einem Anteil von knapp sechs Prozent an allen Investitionen. Die BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China) folgen mit 4,3 Prozent auf dem zweiten Rang, vor Osteuropa (3,7 Prozent) und Nordamerika (2,2 Prozent).

Energiewende verunsichert

Starken Einfluss auf die Investitionstätigkeit der kommenden Jahre dürften der Atomunfall in Japan sowie die resultierende Energiewende in Deutschland haben. Über die Hälfte der befragten Industrie- und Dienstleistungsunternehmen befürchtet, dass der Atomausstieg in Deutschland zu steigenden Energiepreisen und Engpässen bei der Stromversorgung führen wird. Demgegenüber bewertet jedes fünfte Unternehmen die Energiewende positiv, ein weiteres Fünftel sieht keine Auswirkungen.

Mit direkten negativen Folgen durch die Katastrophe in Japan und die zu erwartende Rezession in der ostasiatischen Volkswirtschaft rechnet nur knapp ein Viertel der Unternehmen. Gravierender könnten die indirekten Konsequenzen wirken. So ist knapp jedes dritte befragte Unternehmen der Ansicht, dass die Ereignisse von Fukushima in der Bevölkerung eine generell skeptischere Haltung gegenüber modernen Technologien befördern könnten.

Forderung nach Bürokratieabbau

Ungeachtet der künftig steigenden Auslandsinvestitionen bleibt Deutschland für die meisten Industriebetriebe der wichtigste Standort, für viele sogar der einzige. Im Jahr 2010 investierten immerhin zwei Drittel der befragten Betriebe ausschließlich im Inland. Entsprechend wichtig sind weitere Verbesserungen der Rahmenbedingungen durch die Politik. Auf die offene Frage nach notwendigen Veränderungen nannten vier von zehn Unternehmen den Bürokratieabbau. Mehr Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt wünschten sich gut 25 Prozent der Befragten, während die Verbesserung der Energieversorgung mit 25 Prozent der Nennungen auf dem dritten Rang folgt. Von den Industrieunternehmen sehen hier sogar gut 33 Prozent Handlungsbedarf – ein weiterer Hinweis auf die Verunsicherung der Branche durch den beschlossenen Atomausstieg.

An der Studie „Investieren in Deutschland“ beteiligten sich 1.434 Unternehmen aus den Branchen Industrie, Baugewerbe und industrienahen Dienstleistungen. Die Umfrageergebnisse wurden auf Basis des Unternehmensregisters umsatzgewichtet hochgerechnet.

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