Grundschüler leben Integration vor

Federführend bei der Studie war die Uni Würzburg.

Etwa 60 Prozent der Grundschüler aus ersten Klassen geben an, einen Freund anderer ethnischer Herkunft zu haben. Vor allem Kinder mit Migrationshintergrund zeigen sich kulturell sehr offen: Vier von fünf nennen einen Freund, der nicht aus dem gleichen Land stammt wie sie selbst; ein Drittel dieser Freundschaften besteht zu deutschen Kindern. Auch die deutschen Erstklässler nennen zu 40 Prozent einen andersethnischen Freund.

„Das widerlegt das allgemein vorherrschende Bild von einer ethnischen Spaltung“, sagt Projektleiter Professor Heinz Reinders von der Universität Würzburg. „Interethnische Freundschaften sind bei Grundschülern eher die Regel als die Ausnahme.“

Kinder in Bayern und Hamburg befragt

Befragt wurden 979 Grundschulkinder aus ersten Klassen in Bayern und Hamburg. Die Studie erfasst Freundschaftskonstellationen sowie kulturelle Einstellungen und Kompetenzen der Kinder. Durchgeführt wurde sie in einer Kooperation der Universitäten Würzburg, Hamburg und Mannheim; das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat die Untersuchung finanziell gefördert.

Positive interkulturelle Erfahrungen

„Überraschend sind die hohe kulturelle Offenheit und die positiven interkulturellen Erfahrungen der Kinder“, sagt Heinz Reinders. Knapp zwei Drittel der Schüler deutscher Herkunft finden es demnach völlig normal, mit Kindern aus anderen Ländern die Schulbank zu drücken. Migrantenkinder weisen bei dieser Frage mit 72 Prozent eine leicht höhere Zustimmung auf. Nur 16 Prozent der deutschen und 13 Prozent der nicht-deutschen Kinder geben an, nie mit Gleichaltrigen anderer Herkunft zu spielen.

Aufgrund dieser Alltagserfahrungen fühlen sich die Erstklässler sicher im Umgang mit Gleichaltrigen aus anderen Ländern. Nur jeweils etwa 25 Prozent der Kinder mit und ohne Migrationshintergrund fühlen sich unwohl im Umgang mit Kindern anderer Herkunft.

Ethnisch gemischte Schulen fördern Integration

Großen Einfluss auf das Ausmaß interethnischer Freundschaften hat die Zusammensetzung der Klassen: An Schulen mit einem Migrantenanteil von unter 25 Prozent liegt der Anteil interethnischer Freundschaften bei 37 Prozent. An Schulen, in denen Kinder von Migranten mehr als 75 Prozent der Schüler ausmachen, sind dagegen 81 Prozent aller Freundschaften von interethnischer Natur.

„Das ist natürlich erst einmal ein Effekt der Verfügbarkeit. Wenn an einer Schule nur Kinder deutscher Herkunft sind, können sie auch keine interethnischen Freundschaften schließen“, sagt Reinders. Allerdings zeige der Befund auch: Ein hoher Migrationsanteil an einer Schule muss nicht nachteilig sein, sondern bietet Chancen für das soziale Miteinander.

Schulen können kulturelle Offenheit fördern

„Interethnische Freundschaften und kulturelle Offenheit hängen bei den Kindern eng zusammen. Weil sie in diesem Alter noch nicht so sehr in Stereotypen denken, ist das eine gute Möglichkeit für Schulen, das kulturelle Miteinander zu unterstützen“, resümiert Reinders.

So äußern sich Kinder mit einem Freund anderer Herkunft häufiger positiv, wenn es um die Akzeptanz und die Unterstützung andersethnischer Mitschüler geht. Auch fühlen sich Erstklässler, die interethnische Freundschaften pflegen, deutlich sicherer im Umgang mit Gleichaltrigen anderer Herkunft.

Nach Schulschluss enden die interethnischen Freundschaften nicht: Knapp 69 Prozent der Erstklässler mit Freunden anderer Herkunft besuchen sich auch gegenseitig zu Hause. Mit Folgen für die Familien: „Die Kinder tragen ihr interkulturelles Leben in die Wohnzimmer der Eltern“, sagt Reinders.

Kinder als Vorreiter der Integration

Fast ein Drittel aller Kinder an deutschen Grundschulen haben einen Migrationshintergrund. Für Grundschüler vor allem in städtischen Räumen ist es damit ganz selbstverständlich, in der Klasse mit Schülern aus unterschiedlichen Herkunftsländern zu sitzen.

„Diese Erfahrung beim Leben und Erleben von Integration haben die Kinder ihren Eltern voraus“, sagt Reinders. „Die öffentlichen Debatten, die Erwachsene über die ethnische Ghettobildung führen, haben mit dem Alltag der Kinder wenig zu tun.“

Der Studienleiter gibt auch zu bedenken, dass zwar die Sprachförderung wichtig sei, um die Chancen von Migrantenkindern nachhaltig zu erhöhen: „Unsere Studie zeigt aber auch, dass soziale Integration ein fester Baustein für die frühe Förderung am Beginn der Schullaufbahn sein muss, um eine gelungenes Miteinander zu ermöglichen“.

Kontakt

Prof. Dr. Heinz Reinders, Lehrstuhl für Empirische Bildungsforschung, Universität Würzburg, T (0931) 31-85566, heinz.reinders@uni-wuerzburg.de

Media Contact

Robert Emmerich idw

Weitere Informationen:

http://www.uni-wuerzburg.de

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