Erinnerung im Alter

Endlose Nächte im Bombenhagel, qualvolle Wanderungen, nachdem man aus dem Elternhaus vertrieben worden ist, Vergewaltigung und Bedrohung – die Generation jener, die zwischen 1930 und 1945 geboren worden sind, hat Furchtbares ertragen müssen. Doch nicht jeder wurde von den grausamen Erlebnissen traumatisiert.

Wie zeitgeschichtliche Erfahrungen Menschen und eine Gesellschaft prägen können, haben die Psychosomatiker und Psychotherapeuten Prof. Dr. Gereon Heuft und Prof. Dr. Gudrun Schneider sowie die Soziologen Prof. Dr. Matthias Grundmann und Dr. Dieter Hoffmeister von der Universität Münster in einem interdisziplinären Projekt untersucht.

Die Generation der Kriegskinder stirbt allmählich aus, und so war es ein Problem, geeignete Probanden für die quantitative und qualitative Befragung zu finden. Beschuss und Bombardierung hatten 90 beziehungsweise 80 Prozent der insgesamt 122 Befragten erlebt. Ein Viertel wurde kinderlandverschickt. Von denjenigen Befragten, die im Evangelischen Krankenhaus lagen, waren 40 Prozent evakuiert worden, bei denjenigen, die sich nach einem Zeitungsaufruf freiwillig gemeldet hatten, waren es immerhin 70 Prozent. Den Einmarsch der Allierten erlebten 65 Prozent der Klinikstichprobe und 90 Prozent der Zeitungsstichprobe. Über die Hälfte verlor jeweils einen nahen Familienangehörigen. „32 Prozent der Befragten fühlten sich durch diese Ereignisse schwer belastet“, berichtet Gudrun Schneider. „Aber das bedeutet im Umkehrschluss, dass der Rest diese Situationen nicht mehr als traumatisch empfindet.“

„Ein und dasselbe Ereignis wird sehr unterschiedlich erlebt und betrachtet“, erklärt Matthias Grundmann. „Es kann vorkommen, dass mehr die Hilfe, die man durch andere erfahren hat, im Vordergrund steht, oder aber eine Bombardierung beispielsweise als Ausgangspunkt einer großen Katastrophe erlebt wird.“ Es sei nicht vorhersehbar, ob ein Kriegsereignis zu einer schwere Belastung wird, die sich lebensgeschichtlich auswirkt. „Ereignisse treffen auf ganz unterschiedliche Menschen mit ganz unterschiedlicher psychischer Stärke“, präzisiert Gereon Heuft.

Zwei Faktoren spielen dabei eine Rolle: Der Soziologe Grundmann betont die Wichtigkeit der Herkunft: „Obere Schichten haben es immer leichter, sich wieder einzuleben. Sie haben bessere Bewältigungsmuster, größere Kenntnisse, wie man sich helfen kann, und die besseren Netzwerkerfahrungen.“ Das sei besonders in der Nachkriegszeit wichtig gewesen. Die Medizinerin Grudrun Schneider rückt zusätzlich frühkindliche Bindungserfahrungen in den Mittelpunkt. Wer geliebt worden sei und Vertrauen in andere Menschen entwickelt habe, könne auch schwere Situationen mit Optimismus und Hoffnung leichter durchstehen. „Eine unsichere Persönlichkeit wird die Ressourcen, die ihm seine Herkunft beschert hat, gar nicht wahrnehmen können“, so die Psychotherapeutin. „Die persönliche Stabilität ist natürlich ganz wichtig, aber höhere Ressourcen machen die Verarbeitung leichter“, ergänzt Matthias Grundmann. Einig sind sich die beiden, dass ein Ereignis als nicht so belastend empfunden wird, wenn es mit anderen geteilt wird. Im Sprichwort „Geteiltes Leid ist halbes Leid“ liegt also eine Wahrheit.

Die Spuren des zweiten Weltkrieges ziehen sich bis heute durch die bundesdeutsche Gesellschaft. Das reicht vom Konsumverhalten – wer einmal Hunger erfahren hat, wird mit Ressourcen vorsichtiger umgehen – über den Wert von Familie und die Religionsausübung bis hin zur großen Politik. So hat Helmut Kohl nie einen Hehl daraus gemacht, dass seine Ostpolitik auch von der Tatsache beeinflusst war, dass er einen Bruder im Krieg verloren hat. Männer wie Herbert Wehner und Willy Brandt waren zeitlebens von Verfolgung und Flucht gezeichnet.

In der Nachkriegszeit aber wurde das Erlebte kollektiv verdrängt und nicht angesprochen. Man machte sich an den Wiederaufbau und hatte andere Sorgen. Jetzt, wo sich die Kriegskindergeneration mit dem Altern auseinandersetzen muss, erleben manche die schwer belastenden Erinnerungen wieder intensiv. „Wir nennen das die so genannte Trauma-Reaktivierung im Alter“, erklärt Gereon Heuft. „Manche Menschen können sich mit dem Altern nicht abfinden, weil sie sich hilflos ausgeliefert fühlen. Und dann kommt die Erinnerung an Situationen, in denen sie sich ebenso hiilflos gefühlt haben, wieder hoch, obwohl sie 50 Jahre lang keine erkennbare Bedeutung hatten.“

Angst und Depression können die Folge sein. Geholfen wird geriatrischen Patienten aber nur selten. Obwohl Menschen über 60 genauso oft betroffen von psychischen Problemen sind wie jüngere Patienten, werden für sie nur ein Prozent aller Anträge auf Psychotherapie gestellt. „Viele Therapeuten tun sich schwer damit, einen älteren Patienten anzunehmen“, erklärt Klinikdirektor Heuft. Die Entwicklungsaufgabe vom Kind zum Erwachsenen hätten die Therapeuten selbst gelöst; die zentrale letzte Entwicklungsaufgabe der Auseinandersetzung mit dem körperlichen Alterungsprozess hätten auch die Behandler noch vor sich.

Dabei, so Gereon Heuft, seien alte Menschen entgegen allen Vorurteilen genauso therapierbar wie jüngere. Im Gegenteil, ältere Menschen wüssten oft genauer, was sie wollten. „Sie arbeiten stringenten und halten besser den thematischen Bogen“, berichtet der Psychosomatiker von seinen Erfahrungen. „Die psychotherapeutische Arbeit mit ihnen ist sehr befriedigend.“

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