Bund und Länder planen Grundbildungspakt für Alphabetisierung

Bund und Länder wollen mit einem Grundbildungspakt gemeinsam gegen fehlende und mangelnde Schreib- und Lesekenntnisse vorgehen. Das verkündeten Annette Schavan, Bundesministerin für Bildung und Forschung, und Bernd Althusmann, Präsident der Kultusministerkonferenz, heute bei der Vorstellung der Studie „Leo. Level one“ über Analphabetismus in Deutschland gemeinsam vor Pressevertretern in Berlin.

Der Pakt soll ein breites gesellschaftliches Bündnis werden, in das beispielsweise Unternehmensverbände, Gewerkschaften, Kammern und Volkshochschulverbände einbezogen werden, ähnlich dem bereits bestehenden „Ausbildungspakt“, der im letzten Jahr gegen den Lehrstellenmangel für weitere vier Jahre verlängert wurde. „Wir brauchen eine nationale Kraftanstrengung“, betonten Schavan und Althusmann. Denn, so Schavan: „Die neue Studie zeigt: Es gibt Analphabetismus in Deutschland in einer Größenordnung, die nicht mehr eine Nische darstellt. Diesem Problem müssen wir uns geme! insam stellen. Denn sprachliche Bildung als eine der wichtigsten Kulturtechniken dürfen wir nicht geringschätzen.“

Die von Anke Grotlüschen, Professorin für Erwachsenenbildung an der Universität Hamburg durchgeführte Studie „Leo.Level one“ kommt zu dem Ergebnis, dass mehr als vierzehn Prozent der Erwerbsfähigen, also etwa 7,5 Millionen Erwachsene, in Deutschland funktionale Analphabeten sind: Sie können zwar einzelne Sätze lesen oder schreiben, nicht jedoch zusammenhängende – auch kürzere – Texte. Von Analphabetismus im engeren Sinne betroffen sind etwa vier Prozent der Bevölkerung – sie können lediglich einzelne Wörter lesend verstehen bzw. schreiben. An der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten repräsentativen Studie „Level One“ (LeO), an der auch die Humboldt-Universität Berlin und TNS-Infratest Sozialforschung beteiligt waren, nahmen über 8.000 Personen im Alter zwischen 18 und 64 Jahren teil. Sie wurde 2010 als Zusatzstudie zum Adult Education Survey (AES) durchgeführt.

„Wir müssen uns stärker als bisher auf die Frage konzentrieren: Wie verhindern wir, dass Techniken und Kenntnisse, die bereits erworben wurden, wieder verloren gehen?“, sagte Schavan. „Hier müssen wir eng mit den Unternehmen zusammenarbeiten: Wir brauchen Programme, die am Arbeitsplatz ansetzen, die die Sensibilität für Lese- und Schreibschwierigkeiten schärfen.“ Für ein in Kürze beginnendes Programm zur „arbeitsplatzorientierten Alphabetisierung und Grundbildung“ will das BMBF 20 Millionen Euro bis 2014 zur Verfügung stellen.

Das BMBF fördert im Rahmen der UN-Weltalphabetisierungsdekade 2003 – 2012 bereits zahlreiche Forschungsprojekte zur Verbesserung der Alphabetisierungsarbeit in Deutschland. Dies umfasst insbesondere den BMBF-Förderschwerpunkt „Forschung und Entwicklung zur Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener“ 2007-2012 und das Lernportal des Deutschen Volkshochschul-Verbands „ich-will-lernen.de“ – die Volkshochschulen sind wichtiger Partner bei den bisherigen Maßnahmen zur Alphabetisierung.

„Analphabetismus ist ein von der Gesellschaft noch zu wenig beachteter Bereich“, betonte KMK-Präsident Althusmann. „Als Präsident der KMK werde ich mich dafür einsetzen, dass der Befund der Studie – 7,5 Millionen funktionale Analphabeten – sehr ernst genommen wird. Die Lese- und Schreibkompetenz gilt es weiter auszubauen.“

„Die Hamburger Studie mit ihren empirischen Befunden zu über 7,5 Millionen Menschen mit äußerst unzureichender Lese- und Schreibkompetenz erfordert schnelles Handeln“, hob Rita Süssmuth hervor, die als Präsidentin des Deutschen Volkshochschul-Verbands ebenfalls an der Vorstellung der Studie teilnahm. „Bund, Länder und Kommunen müssen dabei in ihrer gesamtstaatlichen Verantwortung zusammen wirken. Dazu sind alle gesellschaftlichen Gruppen verpflichtet“, so Süssmuth weiter. Sie versprach: „Hierbei werden auch die Volkshochschulen helfen.“

Die Autorin der Studie hob vor allem die wissenschaftliche Bedeutung hervor: Zum ersten Mal lägen belastbare Zahlen über den Analphabetismus in Deutschland vor. „Deutschland bedarf seit langem einer verbesserten Forschungsdatenlage über das unterste Kompetenzniveau des Lesens und Schreibens“, so Grotlüschen. „Dass wir heute solche Daten vorlegen können, zeigt: Wissenschaft und Politik sind endlich aufgewacht. Sie haben diese Studie möglich gemacht.“

In Frankreich identifizierte die Studie „IVQ 2004-2005“ neun Prozent der erwachsenen Bevölkerung als funktionale Analphabeten. Allerdings wurden ausschließlich diejenigen befragt, die in Frankreich die Schule besucht haben. Großbritannien kommt in der „Skills for Life“ – Studie 2003 auf einen Anteil von insgesamt 16 Prozent funktionaler Analphabeten am erwerbsfähigen Teil der Bevölkerung.

Weitere Auskünfte zur Level-One-Studie der Universität Hamburg erteilt Anke Grotlüschen, Professorin für Erwachsenenbildung in kulturellen und sozialen Kontexten, Universität Hamburg, Tel. 040 42838 3761.

Weitere Informationen zu den Verbundprojekten im BMBF-Förderschwerpunkt „Forschung und Entwicklung zur Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener“ finden Sie unter www.alphabund.de sowie unter www.bmbf.de.

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