Konsequente Klimapolitik erzwingt Kohlewende

Die Umsetzung der Klimaschutzbeschlüsse der EU vom März 2007 sowie des deutschen 40%-Minderungsziels für CO2 bis 2020 erfordern einen tief greifenden Umstrukturierungsprozess der Stromwirtschaft. In der Folge werden neu errichtete Kohlekraftwerke mit vergleichsweise hohen CO2-Emissionen ihre laufenden Kosten nicht mehr erwirtschaften können, weil sie wegen des starken Zuwachses von Strom aus erneuerbaren Energien übers Jahr erheblich weniger Stunden betrieben werden als bei der Investitionsentscheidung zugrunde gelegt.

Im Fachjargon: Als Grundlastkraftwerke konzipierte Stromfabriken werden unter den Bedingungen des Klimaschutzes unfreiwillig zu Mittellastkraftwerken. Das ist eines der zentralen Ergebnisse von Modellanalysen, die das Öko-Institut (Freiburg/Berlin) und das arrhenius-Institut (Hamburg) im Auftrag der Deutschen Umwelthilfe e. V. (DUH) und von WWF Deutschland durchgeführt haben.

Die neue Studie bestätige nicht nur die Botschaft des vor einigen Wochen bekannt gewordenen Regierungsgutachtens von Prognos/EWI, wonach wirksamer Klimaschutz und Atomausstieg in Deutschland sehr wohl miteinander vereinbar seien, erläuterte Rainer Baake, der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe e. V. (DUH) bei der Vorstellung der Untersuchung in Berlin. „Die Ergebnisse sind geradezu ein Aufruf an Banken und Aktionäre, bei jeder heute gefällten Entscheidung der Konzernchefs für ein neues Kohlekraftwerk akribisch nachzurechnen, ob das zugrunde liegende Investitionskalkül unter den Bedingungen einer ernsthaften Klimaschutzstrategie noch trägt. Sonst werden neue Kohlekraftwerke schon sehr bald nicht mehr nur Kohle, sondern vor allem viel Geld verbrennen.“

Deshalb sei für die DUH die Botschaft der Studie an die energiewirtschaftlichen Akteure beim morgigen Energiegipfel im Bundeskanzleramt klar: „Wer die in den letzten Monaten national wie international formulierten Klimaschutzziele ernst nimmt, kann nicht mehr weitermachen wie bisher. Die in Deutschland über mehr als ein halbes Jahrhundert eingeübte Fixierung der Energiewirtschaft auf Braun- und Steinkohle geht zu Ende.“ Die Untersuchung unter dem Titel „Klimaschutz und Stromwirtschaft 2020/2030“ zeige sehr plastisch, dass die Abkehr von der Kohle nicht nur unter ökologischen sondern ebenso unter ökonomischen Gesichtspunkten ein Gebot der Stunde sei.

Trotz der bevorstehenden tief greifenden Umgestaltung des deutschen Stromsektors sind ökonomische Erschütterungen nicht zu erwarten. Das ist ein weiteres wichtiges Ergebnis der Untersuchung.

Die mittelfristige Ablösung von Kohle und Atomkraft durch Erneuerbare Energien und eine erheblich höhere Effizienz bei der Energieerzeugung und ihrem Verbrauch wird danach weder die Abhängigkeit von Erdgaslieferungen aus dem Ausland wesentlich erhöhen, noch Haushalte und Industrie massiv belasten. Mit einem überschaubaren Bündel an Maßnahmen können in Deutschland bis 2020 rund acht Prozent Strom eingespart werden, bis 2030 sogar 13 Prozent. Die Belastung von Haushalten, Gewerbe und Industrie bleibt unter anderem wegen der Einsparungen beim Energieverbrauch in einem Rahmen, der sich für keinerlei Horrorszenarien eignet.

In der Untersuchung wurde in zwei Szenarien zunächst – ausgehend von den in Deutschland heute absehbaren Energieinvestitionen – der Kraftwerkspark der Zukunft modelliert. In einem zweiten Schritt untersuchen die Wissenschaftler anhand von Computersimulationen, welche Kraftwerke unter den Bedingungen des liberalisierten Strommarkt und des Stromhandels an der Börse die im Tages- und Jahreslauf schwankende Stromnachfrage decken, also wann welche Kraftwerke gemäß ihrer so genannten Grenzkosten jeweils zu- und wieder abgeschaltet werden. Bei den erneuerbaren Energien aus Sonne und Wind bestimmt das Wetter den Einsatz.

Als Referenz für das Modell wurden die Sonnen- und Windverhältnisse im vergangenen Jahr 2006 gewählt. Bei fossilen Kraftwerken sind die laufenden Kosten, die vor allem durch die Kapitalkosten, den Brennstoffpreis und in Zukunft den (Zertifikate-) Preis für die Verschmutzung der Atmosphäre bestimmt sind, für die Einsatzzeiten maßgeblich.

Das erste und eindeutige Ergebnis der Untersuchung: Klimaschutz ist kein Selbstläufer. Ohne die politische Durchsetzung tief greifend veränderter Rahmenbedingungen sind die national wie international in jüngster Zeit formulierten Klimaziele nicht zu erreichen. Bis 2020 würden sich die CO2-Emissionen aus der Stromwirtschaft im Falle des „Business as Usual“-Szenarios kaum verändern. Deutschland würde seine internationalen Verpflichtungen weit verfehlen.

Für das so genannte „Alternativ-Szenario“ schlagen die Autoren der beiden Institute vor:

Auf der Nachfrageseite:

Ø Ordnungsrechtliche Höchstverbrauchsstandards zur dynamischen
Verbesserung der Stromeffizienz von Geräten und Anlagen (z.B. so
genannter „Top-Runner-Ansatz“), wie sie im Rahmen der EU-Ecodesign-
Richtlinie eingeführt werden können.
Ø Beschleunigte Beendigung der besonders Klima schädlichen, aber
auch ökonomisch widersinnigen elektrischen Raumheizung
(Nachspeicherheizungen) und Warmwasserbereitung mit Hilfe
staatlicher Anreizzahlungen.
Auf der Erzeugungsseite:
Ø Mittelfristige Fortsetzung der Förderung der erneuerbaren Energien
durch Fortschreibung des erfolgreichen Erneuerbare Energien
Gesetzes (EEG),
Ø Flankierung von Neuinvestitionen in besonders energieeffiziente
Kraftwerke zur gemeinsamen Erzeugung von Strom und Wärme (Kraft-
Wärme-Kopplung, KWK) im Rahmen eines novellierten KWK-Gesetzes.
Von zentraler Bedeutung für eine erfolgreiche Klimaschutz-Strategie wird nach Einschätzung von DUH und WWF die Ausgestaltung des EU-Emissionshandelssystems sein. Nur, wenn ab 2013 die CO2-Zertifikate versteigert, statt wie bisher größtenteils nach Bedarf zugeteilt werden, werde die Klima schädliche Kohleverstromung angemessen schrumpfen. Wer heute darauf setze, dass der von der EU-Kommission und insbesondere Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihren internationalen Funktionen eingeschlagene Weg zum Klimaschutz wieder verlassen wird und aufbauend auf diesem Kalkül weiter in Kohlekraftwerke investiere, werde nicht nur das Land mit Investitionsruinen pflastern, sondern auch seine Aktionäre nachhaltig verprellen.

Mit der Umsetzung des Alternativ-Szenarios (also einer Politik, die sich vom eingeschlagenen Weg nicht abbringen lässt) würde der nationale CO2-Ausstoß des Stromsektors bis 2020 um die von der Bundesregierung anvisierten 40 Prozent (gegenüber 1990) sinken und sich bis 2030 auf dem Zielpfad für das Jahr 2050 (minus 80 Prozent gegenüber 1990) bewegen – bei gleichzeitigem Ausstieg aus der Atomenergie bis Anfang der zwanziger Jahre.

Das Gutachten Klimaschutz und Stromwirtschaft 2020/2030 kann als pdf-Datei heruntergeladen werden über http://www.duh.de und http://www.wwf.de

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Rainer Baake presseportal

Weitere Informationen:

http://www.duh.de http://www.wwf.de

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