Geförderte Existenzgründer: Zwischen erfolgreicher Selbstständigkeit und Schulden

IAB-Studie in neuen WSI-Mitteilungen


Drei von vier von der Bundesagentur für Arbeit (BA) geförderte Existenzgründungen aus der Arbeitslosigkeit sind nach einer Startphase von 16 bis 19 Monaten noch am Markt. Die Entwicklung der Einkünfte ist sehr uneinheitlich. So erzielt knapp die Hälfte der Neu-Selbstständigen mit einer wöchentlichen Tätigkeit von mehr als 35 Stunden ein Einkommen, das mindestens so hoch ist wie auf ihrer letzten Stelle als abhängig Beschäftigte. Bei Gründern, die weniger Stunden arbeiten, erreicht nur ein knappes Drittel dieses Niveau. Das zeigt eine Befragung im Rahmen der Hartz-Evaluation unter 6000 vormals arbeitslosen Existenzgründern.

Insgesamt ziehen Susanne Noll und Dr. Frank Wießner, Forscher am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg, ein gemischtes Zwischenfazit der geförderten Selbstständigkeit: „Im günstigsten Fall hat die Gründung eine Brückenfunktion in dauerhafte selbstständige Erwerbstätigkeit. Im zweitgünstigsten Fall führt sie zurück in abhängige Erwerbstätigkeit, im ungünstigsten Fall erweist sie sich als soziale Falle“, schreiben die Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe der WSI-Mitteilungen. Das Schwerpunktheft der WSI-Mitteilungen befasst sich mit verschiedenen Arten atypischer Beschäftigung. Dazu zählen neben der geförderten Selbstständigkeit auch Teilzeitarbeit, Leiharbeit, befristete Stellen sowie Mini- und Midijobs.

Befragt wurden jeweils 3000 Gründerinnen und Gründer, die von der BA ein Überbrückungsgeld oder einen Existenzgründerzuschuss (als „Ich AG“) erhielten. Unter anderem ging es darum, welche Motive sie in die Selbstständigkeit geführt hatten und wie sich ihr Geschäft entwickelt hat. Zentrale Ergebnisse:

=> Motive: 80 Prozent der Befragten gaben als Motiv für die Unternehmensgründung an: „Ich wollte nicht mehr arbeitslos sein.“ 52 Prozent erklärten, sie hätten schon immer ihr eigener Chef sein wollen. Der Aussage „Ich hatte eine Marktlücke entdeckt“ stimmten 32 Prozent zu. Ebenso viele Befragte nannten als Grund, ihre Leistungsansprüche an die BA seien fast aufgezehrt gewesen. Lediglich 15 Prozent gaben als Motiv für die Gründung an, ihr Berater in der Arbeitsagentur habe dazu geraten.

=> Einkommen: 45 Prozent der neuen Unternehmerinnen und Unternehmer, die mindestens 35 Wochenstunden arbeiten, haben nach eigener Aussage gleich viel oder ein höheres Netto-Einkommen als zuvor in abhängiger Beschäftigung. 55 Prozent haben Einkommen verloren. Unter Existenzgründern mit kürzerer Wochenarbeitszeit haben lediglich 31 Prozent ihr früheres Einkommensniveau mindestens gehalten. Dies sei nicht erstaunlich, weil Jungunternehmer generell am Anfang viel arbeiten und vergleichsweise wenig einnehmen, so die Autoren. Dennoch warnen sie vor „der Gefahr der Selbstausbeutung, des ’Working Poor’ am Rande des Existenzminimums“ – gerade in der Startphase.

=> Beendigung der Selbstständigkeit: Ein Viertel der Befragten hatte die Selbstständigkeit zum Befragungszeitpunkt wieder aufgegeben. Dafür gab es zwei wesentliche Gründe: Einerseits das wirtschaftliche Scheitern des Vorhabens, andererseits den Wechsel auf eine aus Sicht der Selbstständigen attraktivere Stelle als abhängig Beschäftigte. Von allen Abbrechern war zum Zeitpunkt der Befragung die Hälfte erneut arbeitslos gemeldet, während ein Drittel wieder einer abhängigen Beschäftigung nachging. Dabei musste die Mehrheit in dieser Gruppe nach eigenen Angaben Einkommenseinbußen hinnehmen.

=> Schulden: 37 Prozent der Abbrecher (neun Prozent aller Befragten) beendeten das Experiment Selbstständigkeit nach eigenen Angaben mit Schulden. Ein Drittel davon hat Verbindlichkeiten bis zu 2500 Euro, weitere 45 Prozent zwischen 2500 und 10 000 Euro. 20 Prozent verschuldeten sich zwischen 10 000 und 50 000 Euro, weitere drei Prozent noch höher.

=> Gründe für das Scheitern: Auftragsmangel, Finanzierungsengpässe, unterschätzte Kosten für soziale Absicherung – das sind die am häufigsten genannten Gründe für den Ausstieg aus der Selbständigkeit. Vor allem „Ich AG“-Gründer haben sich oft verschätzt: Die Kosten für die Pflichtmitgliedschaft in der gesetzlichen Rentenversicherung sowie Krankenkassenbeiträge zehren bereits einen erheblichen Teil der Förderung auf.

Ein „Mindestmaß an sozialer Absicherung zu erschwinglichen Preisen“ ist nach Analyse der IAB-Forscher sehr wichtig für die Existenzgründer. Die obligatorische Rentenversicherung für „Ich AG“-Gründer bewerten sie daher als grundsätzlich richtig. Attraktiv dürfte für die Selbstständigen auch eine neue Regelung sein, nach der sich geförderte Existenzgründer seit dem 1. Februar 2006 freiwillig in der Arbeitslosenversicherung weiterversichern können.

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