Innovation und Information – Wie in Unternehmen neues Wissen produziert wird

Wie verlaufen Innovationen in Wirklichkeit? Warum scheitern die einen, warum gelingen andere? Wie kommt überhaupt neues Wissen zustande und kann so aufbereitet werden, dass daraus eine gelungene Innovation wird? Diese und andere Fragen werden anhand einer einzigartigen Studie von 42 Innovationsfällen schrittweise erörtert und mit einer Fülle von neuen Einsichten beantwortet. Die Schwierigkeiten von Innovationen werden detailliert beschrieben. Hierzu werden Mängel in der Informationsverarbeitung, so genannte Informationspathologien, sowie Möglichkeiten, diese durch effektive Zusammenarbeit zu minimieren, untersucht. Behandelt werden weiterhin das Promotorenmodell, innovatorische Interaktions- und Gruppenprozesse, der Innovationsverlauf als Entscheidungsprozess und evolutionäre Innovationstheorien in Psychologie, Soziologie und Ökonomie. Veranschaulicht werden diese Überlegungen durch die Darstellung gelungener und misslungener Innovationsfälle und durch Empfehlungen für ein erfolgreiches Innovationsmanagement.

Im ersten Kapietel wird zunächst ein grundlegendes Innovationsparadox formuliert: Wie soll man Innovationen rational planen, wenn das zu erarbeitende neue Wissen für Innovationen per Definition nicht aus dem alten abgeleitet werden kann? Wenn man vorher nicht wissen kann, was am Ende herauskommt? Außerdem wird die Vorgehensweise der empirischen Untersuchung im Detail erläutert. In den nächsten beiden Kapiteln werden Prozesse der Informationsgewinnung und -bearbeitung ausführlich untersucht: Welchen Stellenwert haben Informationen für den Verlauf und Erfolg von Innovationen? Beeinträchtigen Mängel in der Informationsverarbeitung Innovationsprozesse nachhaltig, oder lassen sie sich durch andere Informationen, durch Prüfungen und Kontrollen ausgleichen? Diese Defekte, die von Wilensky (1967) mit dem Sammelbegriff „Informationspathologien“ belegt wurden, finden sich wesentlich häufiger bei misslungenen als bei gelungenen Innovationen. Im 2. Kapitel wird das Konzept der Informationspathologien unter Rückgriff auf die vorliegende Literatur zunächst theoretisch ausgeführt, um dann die aus den Innovationsverläufen ersichtlichen Informationspathologien über Fallstudien zu ermitteln, zu klassifizieren und für unsere Fragestellung auszuwerten. Besonders interessant ist, dass vor allem schlecht bewältigte Konflikte und Prozesse der Machtausübung für Informationspathologien verantwortlich sind, die den Prozess der Wissensgewinnung und den Erfolg von Innovationen beeinträchtigen. Im 3. Kapitel wird die Einschätzung von Informationspathologien per Fragebogen durch die Innovationsbeteiligten selbst ausgewertet. Trotz eines vollständig anderen Messkonzepts ergeben sich die gleichen Schlussfolgerungen.

Viel beachtet in der deutschen Innovationsliteratur ist das Promotorenmodell von Witte, Hauschildt und Gemünden, das der Informationsverarbeitung durch besonders kompetente Personen, so genannte Fachpromotoren, eine zentrale Rolle zuweist, die ergänzt werden muss durch die machtvolle Unterstützung hochrangiger Organisationsmitglieder, so genannter Machtpromotoren. Im 4. Kapitel wird dieses Modell anhand unserer empirischer Daten einer detaillierten Prüfung unterzogen, um zu sehen, inwieweit es theoretisch haltbar und als Empfehlung für Praktiker brauchbar ist. Das Ergebnis fällt gemischt aus, besonders in Bezug auf die Rolle der Machtpromotoren. Woher wissen sie, auf welche Innovationsmaßnahme sie setzen sollen, wenn sie mit verschiedenen Ansichten konfrontiert werden? Sie haben ja viel weniger Fachwissen. Die Untersuchung zeigt, dass Machtausübung gegen die Interessen anderer Beteiligter schädlich ist für Innovationen und dass Positionsmacht vor allem als Prozesspromotion eingesetzt werden soll, d. h. Klärungen zwischen Promotoren und Opponenten voranzutreiben, aber nicht zu entscheiden, wer Recht hat. Im 5. Kapitel wird daher ein umfassenderes Modell effektiver Zusammenarbeit dargestellt und anhand unserer Innovationsfälle empirisch getestet, das Prozesse der Kommunikation, der Machtausübung und der Einflussnahme auf den Wissenszuwachs näher betrachtet, aber auch die organisationale Handlungsfähigkeit in ihrer Bedeutung für die Effektivität mit einbezieht. Es hat überdies den Vorteil, dass es nicht auf Innovationsprozesse beschränkt ist und somit als allgemeine Handlungsanleitung für die Zusammenarbeit dienen kann.

Eine fast unvermeidliche Begleiterscheinung von Innovationen sind Konflikte, vor allem weil immer auch ressortbezogene und persönliche Interessen auf dem Spiel stehen. Innovationen aktivieren Ehrgeiz ebenso wie Ängste und Widerstände. Eine erfolgreiche Umsetzung hängt entscheidend davon ab, inwieweit im gesamten Prozess den Bedenken, Bedürfnissen und Interessen der Betroffenen Rechnung getragen wird. Für Verfahrensinnovationen werden solche partizipative Lösungsstrategien von der Literatur als effizient angesehen; unsere Fälle zeigen anschaulich, dass Partizipation tatsächlich das entscheidende Erfolgskriterium ist. Bei Produktinnovationen werden dagegen seltener Konflikte vermutet. Dabei verweisen die Durchsetzungs- bzw. Verhinderungspraktiken ebenfalls auf den Konfliktgehalt von Produktinnovationen: Koalitionen werden gebildet, Intrigen eingefädelt, Komplotte geschmiedet und im Gegenzug Gegner konspirativ vor vollendete Tatsachen gestellt. Daher werden im 6. Kapitel neben „Partizipation“ auch Fälle von heimlichen Innovationen näher betrachtet, die insgesamt erstaunlich erfolgreich sind.

Dies leitet über zu einer Gesamtbetrachtung innovativer Entscheidungsprozesse im 7. Kapitel. In der Organisationsliteratur findet man sehr unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie organisationale Entscheidungsprozesse ablaufen. Neben dem ökonomischen Modell rationaler Entscheidungen ist die Forschung vor allem auch von Webers Bürokratiemodell (1921) beeinflusst worden. Im weiteren Verlauf sind dann weitere Entscheidungsmodelle als Alternativen zu diesen beiden klassischen Positionen entwickelt worden wie das Modell des adaptiven Problemlösens von March und Simon (1958), das Politikmodell von Burns (1961) und Nachfolgern sowie das Modell der organisierten Anarchie von Cohen, March und Olsen (1972). Unsere Studie zeigt im Detail, wie realistisch diese verschiedenartigen Modellvorstellungen sind und welche Arten von Entscheidungsprozessen erfolgreich sind. Die Analyse der Entscheidungsverläufe zeigt das Verhältnis von Machtausübung anstelle von Einflussnahme, Informationspathologien und Innovationserfolg noch einmal zusammenhängend auf.

Die Innovationsliteratur ist bisher in sehr unterschiedliche Teilgebiete und Systemebenen – Individuum, Gruppe, Organisation, Wirtschaft – zersplittert. Neben Studien, die auf die Bedeutung individueller Kreativität und auf herausragende Einzelkämpfer eingehen, finden sich Analysen von Kommunikationsprozessen, von innovationsförderlichen Organisationsstrukturen und -kulturen, von Determinanten der Diffusion von Neuerungen und von generellen ökonomischen Bedingungen, ohne sie in ein Gesamtkonzept zu integrieren. Im 8. Kapitel wird eine alle Ebenen integrierende Konzeption von Innovation als evolutionärer Prozess der Wissensproduktion analysiert und verständlich gemacht. Mit diesem Modell lässt sich auch das oben dargestellte Innovationsparadox auflösen, denn es zeigt anschaulich, dass wie man schrittweise neue Erkenntnisse gewinnen kann, ohne allerdings je Sicherheit zu gewinnen.

Mit konkreten Anregungen für das Management von Innovationen im 9. Kapitel wird sich dann der Bogen schließen, der mit dem eingangs berichteten Innovationsfall eröffnet wurde. Aus den einzelnen Analysen und aus dem evolutionären Gesamtmodell werden innovationsförderliche und -hinderliche Faktoren abgeleitet und – soweit unabhängig von konkreten Situationen möglich – zu praktischen Umsetzungsvorschlägen verdichtet. Die Integration psychologischer, soziologischer und ökonomischer Erkenntnisse und Konzepte macht den besonderen Wert dieses Buches aus.

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Prof. Dr. Wolfgang Scholl Humboldt-Universität zu Berlin

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