Kommunikationswissenschaftler untersuchen erstmals Wirkung von Ernährungsinformationen im TV

„Fernsehen macht fett!“ Ein Totschlag-Argument für alle, die die Fehlentwicklung von Ernährungsgewohnheiten dem Fernsehen zuschreiben wollen.

Fast-Food verschlingende Fernsehdarsteller gäben ein schlechtes Vorbild, reißerische Berichte über Lebensmittelskandale verursachten überzogene Reaktionen, Werbespots vermittelten falsche Verbraucherwünsche – so nur einige der Vorwürfe. Die meisten dieser Vermutungen wurden bislang allerdings noch nicht wissenschaftlich untersucht, sondern beruhen auf Spekulationen über mögliche Auswirkungen der Medieninhalte.

Ein Forschungsprojekt, das 2002 vom Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft (BMVEL) in Auftrag gegeben und von Ernährungswissenschaftlern der Bundesforschungsanstalt für Ernährung und Lebensmittel (BFEL) in Karlsruhe und Kommunikationswissenschaftlern der Universität Erfurt gemeinsam durchgeführt wurde, sorgt nun für erste Fakten.

Insgesamt wurden 1.344 Stunden Programm der Sender ARD, ZDF, RTL, SAT.1, WDR, ProSieben, RTL II und VOX analysiert. Erstaunliches Ergebnis: Ernährungsdarstellungen erreichen im Fernsehprogramm einen erheblichen Umfang, denn rund zwei Drittel aller Fernsehsendungen (65,5 %) enthalten ernährungsrelevante Inhalte wie beispielsweise den Einkauf von Lebensmitteln, ihre Zubereitung oder den Verzehr – ständig kochen, essen und trinken Menschen.

Das Bild von Ernährung, das das Fernsehen vermittelt, ist dabei denkbar ungünstig: Ein alarmierend hoher Anteil, nämlich ein Viertel der gezeigten Lebensmittel, sind Süßigkeiten und fette Snacks (oft auch in der Werbung); weitere 16 Prozent entfallen auf alkoholhaltige Getränke. Andererseits werden Getreideprodukte, Gemüse und Obst im Fernsehprogramm viel zu selten gezeigt.

Gleichzeitig wird das Potential des Massenmediums Fernsehen, zielgerichtet über gesund erhaltende Ernährung aufzuklären, noch deutlich zu wenig genutzt. So werden beispielsweise nur in zehn Prozent der ernährungsrelevanten Sequenzen in Nachrichten, Magazinen oder Ratgebersendungen tatsächlich Aufklärungsbotschaften genannt. Weiterführende Informationsmöglichkeiten über das Fernsehangebot hinaus (Internetseiten, Videotext, Broschüren zum Bestellen etc.) werden nur selten angeboten. Unter den Bezügen, die in diesen Sendungen hergestellt werden (so genannte „Frames“) dominieren bei den privaten Anbietern eher Risiko- und Lifestyle-Kontexte. Öffentlich-rechtliche Sender betonen dagegen die Service-, Politik- oder Wirtschaftsperspektive auf Ernährung.

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass auch im Fernsehen eine zielgruppenspezifische Ansprache des Publikums möglich ist – durch kurze, einprägsame Aufklärungsspots ebenso wie durch die Einbindung von Aufklärungsbotschaften in verschiedensten Sendeformaten. Ratsam erscheine hier gerade eine Öffnung in Richtung der Privatsender, die über eine ausgeprägte Unterhaltungskompetenz verfügen und damit ein Publikum erreichen, das als bislang schwer erreichbare Zielgruppe für die Ernährungsaufklärung besonders interessant ist.

Weitere Infos: Die Ergebnisse des Forschungsprojekts sind Teil des Ernährungsberichts 2004 der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) e.V., der als Buch oder CD-ROM im Internet unter www.dge-medienservice.de bestellt werden kann.

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Harald Seitz aid infodienst

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