Kleine Peiniger – Wenn Mini-Machiavellis an der Grundschule mobben

Die Palette reicht dabei von verbalen Attacken und Demütigungen sowie sozialer Ausgrenzung bis hin zu körperlichen Angriffen auf die Opfer. Bei Kindern wird dieses Mobbing auch Bullying genannt, was man mit „Tyrannisieren“ oder „Drangsalieren“ übersetzen kann.

In einer Querschnittstudie an Schülern aller Jahrgänge einer Münchener Grundschule konnte Privatdozentin Mechthild Schäfer vom Institut für Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München jetzt mit ihren Mitarbeiterinnen Cathérine Hörmann und Julia Zihl nachweisen, dass auch schon Grundschüler fähig sind zu den komplexen sozialen Interaktionen, die Bullying erfordert.

Es zeigte sich, dass die Kinder typisches Verhalten für Bullying zeigen und die zugehörenden Rollen – also etwa Täter, Verteidiger und Opfer – erfüllen. Dabei bleiben Opfer und Verteidiger ihrer Rolle meist verhaftet, während die Täter – zumindest in den ersten beiden Jahrgangsstufen – weniger festgelegt sind. Erst ab der dritten Klasse gilt verstärkt: Einmal Täter, immer Täter. Überhaupt vollzieht sich zu dieser Zeit – also etwa ab dem achten Lebensjahr – eine Veränderung der Qualität und Dynamik von Bullying, was wesentlich auf die verbesserten sozialkognitiven Kompetenzen der Kinder zurückzuführen ist. Dann wird physische Gewalt eher durch psychologische Formen der Aggression ersetzt.

Gezielte, systematische und wiederholte Schikanen physisch und psychisch stärkerer Schüler gegenüber physisch und psychisch Schwächeren – die Definition von Bullying reicht fast ebenso weit wie das Phänomen selbst. Die Rechnung, die Schüler aus dem Klassenverband zu isolieren und zu attackieren, die eine leichte Angriffsfläche bieten und eher schutzlos sind, geht für Bullies oft auf. Denn aus Angst, selbst das nächste Opfer zu werden, stellen sich viele Schüler auf die Seite des Täters oder schweigen. Nur wo das Verhalten des Täters auf diese Weise toleriert oder sogar als gerechtfertigt akzeptiert wird, kann sich das Bullying aber etablieren.

„Umso wichtiger ist es, Kinder und Jugendliche davor zu schützen“, betont Schäfer. „Sie sollen sich nicht an ein Klima gewöhnen, in dem aggressives Verhalten gegen andere als akzeptable Form des Dominanzerwerbs im sozialen Miteinander toleriert wird.“ Mobbing unter Schülern ist ein gesellschaftlich und bildungspolitisch hoch relevantes Thema, weil es für die psychische Gesundheit und die persönliche wie auch schulische Entwicklung der Betroffenen eklatante Folgen hat. Weil die Täter oft sehr einflussreich sind, ist es für Klassen in der Regel aber schwierig, ohne Hilfe durch Eltern und Lehrer gegen das Bullying vorzugehen.

Tritt Bullying in Klassen auf, kann neun von zehn Schülern eine distinkte Rolle in diesem Prozess zugeordnet werden – auf der Pro- oder Contra-Seite. „Fast die ganze Klasse ist daran beteiligt“, so Schäfer. „Und zwar nicht nur als Täter und Opfer. Es gibt auch noch Außenstehende und Verteidiger des Opfers sowie Assistenten und Verstärker des Täters. Freundschaften bestehen meist nur zwischen Schülern ohne aggressive Verhaltenstendenzen und zwischen jenen, die am Bullying beteiligt sind. Dadurch aber werden Klassen in zwei Lager gespalten. In einer vorangegangenen Langzeitstudie konnte Schäfer bereits zeigen, dass sich am Verhalten und den Rollen von Kindern in der Grundschule in gewissem Umfang vorhersagen lässt, ob sie in weiterführenden Schulen auch Bullies oder Opfer sein werden. Zwar ist das soziale Gefüge in Grundschulklassen vor allem noch durch symmetrische Zweierbeziehungen geprägt. „Aber auch in diesem Alter gibt es schon Bullying“, berichtet Schäfer. „Die Täter konzentrieren sich kaum auf ein Opfer, so dass einzelne Kinder nur in Ausnahmefällen über längere Zeit attackiert werden. Entsprechend sind in dieser Altersklasse in der Regel die Täter, aber nur hie und da die Opfer bei den Mitschülern unbeliebt.“

Erst gegen Ende der Grundschulzeit entwickeln die Kinder die Fähigkeit, komplexere Beziehungsgeflechte auszubilden, die den Aufbau hierarchischer Gruppenstrukturen möglich machen – was typisch ist für Klassen in höheren Schulen. Im Rahmen der aktuellen Studie zeigte sich, dass Opfer von Bullies in der Grundschule nicht unbedingt auch später in diese Rolle gezwungen werden. „Insgesamt lässt sich sagen, dass Opfer in der Grundschule zu sein, kein Risikofaktor ist, der eine Opferrolle in der weiterführenden Schule wahrscheinlicher macht“, berichtet Schäfer. „Wir haben nur sehr wenige stabile Opfer gefunden. Zumindest ältere Bullies in der Grundschule werden dagegen sehr wahrscheinlich diese Rolle beibehalten – möglicherweise weil aggressives Verhalten Teil ihrer Sozialisation und ihrer Persönlichkeit ist.“ Dabei wurde aber auch deutlich, dass in den ersten und zweiten Klassen ein ganz anderer Tätertyp vorliegt als in den dritten und vierten Klassen. So sind die Täter in den ersten und zweiten Klassen durch physische Aggression und unterdurchschnittliche soziokognitive Fähigkeiten mit mäßiger Rollenstabilität charakterisiert. In den dritten und vierten Klassen hingegen zeigen die Täter vermehrt psychologische Formen von Aggression und überdurchschnittliche soziokognitive Fähigkeiten, was dann mit erhöhter Rollenstabilität einhergeht.

Bullies benötigen für die Manipulation ihres Umfelds und der sozialen Normen gute soziokognitive Fähigkeiten. Denn die geschickten und systematischen Attacken gegen das oder die Opfer sollen Lehrern und Erziehern verborgen bleiben und von der Klasse nicht nur gebilligt, sondern als gerechtfertigt akzeptiert werden. Die Täter müssen dafür aber nicht nur geeignete Zeitpunkte und Orte für ihre Attacken gegen das Opfer aussuchen, sondern auch möglichst subtile und effektive Methoden wählen und ihr Mitläuferfeld organisieren. „Das ist ein machiavellistisches Vorgehen, also eine Kombination von aggressiven und prosozialen Verhaltensstrategien, das sich hier als eine besonders günstige Methode zum Dominanz- und Statuserwerb in Gruppen erwiesen hat“, meint Schäfer. „Weil die psychische Gewalt mit zunehmendem Alter häufig durch soziale Manipulation, also verbale Aggression wie etwa Degradierung, und auch psychologische Formen der Aggression, also Ausgrenzung oder die Verbreitung von Gerüchten, ersetzt wird, sollten Erwachsene genau hinsehen, um das Mobbing unter Schülern rechtzeitig zu erkennen. Und wachsam sein, dass man sich nicht als Lehrer für die Zwecke der Täter instrumentalisieren lässt. Man darf nicht außer Acht lassen, dass einige der kleinen Bullies schon perfekte soziale Kompetenzen an den Tag legen können, aber gleichzeitig mit erheblicher Aggressivität gegen ihre Opfer vorgehen.“

Ansprechpartner:
PD Dr. Mechthild Schäfer
Department für Psychologie der LMU
Tel.: 089 / 2180 – 5156
Fax: 089 / 2180 – 5355
E-Mail: [email protected]

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