VISTA blickt durch den staubigen Schleier der Kleinen Magellanschen Wolke

Selbst mit bloßem Auge ist die Kleine Magellansche Wolke ein markantes Merkmal des südlichen Sternhimmels. Wolken aus interstellarem Staub blockieren jedoch einen Teil des sichtbaren Lichts, sodass nur Infrarot-Teleskope wie VISTA überhaupt eine Chance haben, einen klaren Blick auf das zu erhaschen, was innerhalb dieser kleinen Galaxie verborgen ist. Mit VISTA gelang es Astronomen nun, die unzähligen Sterne in der Nachbargalaxie so klar aufzulösen wie nie zuvor. Herausgekommen ist das größte Infrarotbild, das je von der Kleinen Magellanschen Wolke aufgenommen wurde. Außer der Kleinen Magellanschen Wolke selbst zeigt diese Weitwinkelaufnahme viele Hintergrundgalaxien und mehrere Sternhaufen, einschließlich des hellen Kugelsternhaufens 47 Tucanae rechts im Bild. Herkunftsnachweis: ESO/VISTA VMC

Die Kleine Magellansche Wolke (engl. Small Magellanic Cloud, kurz SMC) ist eine Zwerggalaxie und der kleinere Zwilling der Großen Magellanschen Wolke (engl. Large Magellanic Cloud, kurz LMC). Sie gehören beide zu den uns nächstgelegenen Nachbargalaxien im Weltraum — die SMC ist etwa 200.000 Lichtjahre von uns entfernt, was nur einem Zwölftel der Entfernung zur viel bekannteren Andromedagalaxie entspricht. Infolge von Wechselwirkungen untereinander sowie mit der Milchstraße selbst haben beide eine eher ungewöhnliche Form erhalten.

Die vergleichsweise große Nähe zur Erde macht die Magellanschen Wolken zu idealen Kandidaten, um zu erforschen, wie Sterne entstehen und sich entwickeln. Zwar hat sich die Verteilung und Geschichte der Sternentstehung in solchen Zwerggalaxien als komplex herausgestellt, das größte Hindernis bei der Beobachtung der Sternentstehung in Galaxien ist jedoch der interstellare Staub. Riesige Wolken aus winzigen Staubkörnern streuen und absorbieren einen Teil der Strahlung, die von den Sternen innerhalb der Galaxien abgegeben wird – besonders das sichtbare Licht – so dass Teleskope auf der Erde nicht alles beobachten können. Diesen Effekt nennt man Staubextinktion.

Die SMC enthält reichlich Staub, so dass das sichtbare Licht der in ihr enthaltenen Sterne zu einem nicht unerheblichen Teil der Extinktion zum Opfer fällt. Glücklicherweise wird aber nicht sämtliche elektromagnetische Strahlung in gleicher Weise vom Staub beeinflusst. Infrarotstrahlung kann den interstellaren Staub deutlich leichter durchqueren als das sichtbare Licht, sodass wir viel über die neu entstandenen Sterne innerhalb der Staub- und Gaswolken lernen können, wenn wir die Galaxie im Infraroten untersuchen.

VISTA, das Visible and Infrared Survey Telescope, ist so konzipiert, dass es Infrarotstrahlung abbilden kann. Der VISTA Survey of the Magellanic Clouds (VMC) konzentriert sich auf die Kartierung der Sternentstehungsgeschichte der SMC und der LMC, sowie ihrer dreidimensionalen Struktur. Im Rahmen des VMC gelangen den Forschern bereits einmalige Aufnahmen von Millionen von Sternen, die im sichtbaren Licht nicht möglich gewesen wären.

Alle Sterne, die in diesem gewaltigen Bild zu sehen sind, gehören zur Kleinen Magellanschen Wolke. Es enthält auch tausende Hintergrundgalaxien und mehrere helle Sternhaufen, einschließlich des Kugelsternhaufens 47 Tucanae, rechts im Bild, der der Erde deutlich näher ist als die SMC. Da man in das hochauflösende Bild hineinzoomen kann, lässt sich so die SMC besser erkunden als je zuvor!

Die Fülle an neuen Informationen in diesem 1,6 Gigapixel (43.223 x 38.236 Pixel) großen Bild wurde von einem internationalen Team unter der Leitung von Stefano Rubele von der Universitätf Padua in Italien ausgewertet. Mithilfe innovativer stellarer Modelle erhielten sie überraschende Ergebnisse.

Die VMC hat gezeigt, dass die meisten Sterne innerhalb der SMC jünger sind als die der größeren Nachbargalaxien. Diese ersten Ergebnisse sind nur ein Vorgeschmack auf die neuen Entdeckungen, die noch kommen werden, da der VMC noch weitere blinde Flecken der Magellanschen Wolke unter die Lupe nehmen wird.

Die hier vorgestellten Ergebnisse sind Inhalt des Fachartikels „The VMC survey – XIV. First results on the look-back time star formation rate tomography of the Small Magellanic Cloud” aus der Fachzeitschrift Monthly Notices of the Royal Astronomical Society.

Die Europäische Südsternwarte (engl. European Southern Observatory, kurz ESO) ist die führende europäische Organisation für astronomische Forschung und das wissenschaftlich produktivste Observatorium der Welt. Getragen wird die Organisation durch 16 Länder: Belgien, Brasilien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Italien, die Niederlande, Österreich, Polen, Portugal, Spanien, Schweden, die Schweiz und die Tschechische Republik. Die ESO ermöglicht astronomische Spitzenforschung, indem sie leistungsfähige bodengebundene Teleskope entwirft, konstruiert und betreibt. Auch bei der Förderung internationaler Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Astronomie spielt die Organisation eine maßgebliche Rolle. Die ESO verfügt über drei weltweit einzigartige Beobachtungsstandorte in Chile: La Silla, Paranal und Chajnantor. Auf dem Paranal betreibt die ESO mit dem Very Large Telescope (VLT) das weltweit leistungsfähigste Observatorium für Beobachtungen im Bereich des sichtbaren Lichts und zwei Teleskope für Himmelsdurchmusterungen: VISTA, das größte Durchmusterungsteleskop der Welt, arbeitet im Infraroten, während das VLT Survey Telescope (VST) für Himmelsdurchmusterungen ausschließlich im sichtbaren Licht konzipiert ist. Die ESO ist einer der Hauptpartner bei ALMA, dem größten astronomischen Projekt überhaupt. Auf dem Cerro Armazones unweit des Paranal errichtet die ESO zur Zeit das European Extremely Large Telescope (E-ELT) mit 39 Metern Durchmesser, das einmal das größte optische Teleskop der Welt werden wird.

Die Übersetzungen von englischsprachigen ESO-Pressemitteilungen sind ein Service des ESO Science Outreach Network (ESON), eines internationalen Netzwerks für astronomische Öffentlichkeitsarbeit, in dem Wissenschaftler und Wissenschaftskommunikatoren aus allen ESO-Mitgliedsländern (und einigen weiteren Staaten) vertreten sind. Deutscher Knoten des Netzwerks ist das Haus der Astronomie in Heidelberg.

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Dies ist eine Übersetzung der ESO-Pressemitteilung eso1714.

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