Lebensraum für Kiebitz und Co

Nicht nur der Berggorilla im afrikanischen Nebelwald oder der Flussdelfin des Amazonas schaut einer ungewissen Zukunft entgegen. Auch vor unserer Haustür sind Tierarten, die früher weit verbreitetet waren, vom Aussterben bedroht. Der Naturschutz hat im Interessenkonflikt um konkurrierende Landnutzungen wie Straßen- oder Hochbau einen schweren Stand.

Mit dem „Informationssystem Zielartenkonzept“ steht jetzt ein Planungswerkzeug zur Verfügung, das Naturschutz-Praktikern eine bessere Standardisierung ihrer Arbeit ermöglicht. Naturschutzuntersuchungen und sich daraus ergebende Schutzmaßnahmen werden damit transparenter und konkreter.

Das von Wissenschaftlern des Instituts für Landschaftsplanung und Ökologie (ILPÖ) der Universität Stuttgart gemeinsam mit Ökologen und der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz entwickelte Konzept erhöht auf diese Weise die Wahrscheinlichkeit, dass Naturschutzinteressen berücksichtigt werden.

Grundlage des Informationssystems ist das „Zielartenkonzept Baden-Württemberg“.

Es beinhaltet eine Auswahl sogenannter Zielarten des Landes, die weitere Arten mit ähnlichen Ansprüchen an den Lebensraum repräsentieren, die aber nicht so empfindlich wie die Zielarten sind. Zu den Zielarten zählen beispielsweise Fischotter, Kiebitz und Gelbbauchunke. Die Forscher hoffen, durch einen erfolgreichen Schutz der Zielarten die Artenvielfalt Baden-Württembergs zu erhalten, da über den „Mitnahmeeffekt“ der Zielarten weniger anspruchsvolle Arten mit geschützt werden. Der Vorteil für die Naturschutzpraxis liegt darin, bei Planungen mit einer handhabbaren Menge an Zielarten effektiv und damit auch kostengünstig arbeiten zu können und dabei trotzdem keine wesentlichen Arten und Lebensräume zu vernachlässigen.

Mit einem Geografischen Informationssystem, das zahlreiche raumbezogene Daten wie Vegetation, Klima, Boden und Lebensraumansprüche von Zielarten kombiniert, ermittelten die Stuttgarter Wissenschaftler landesweit 25 Lebensraumtypen, die als potentielle Lebensräume für die Zielarten in Frage kommen, wie Streuobstwiesen, Magerrasen, Feuchtwiesen und Moore. Gemeinden mit besonders großen oder gut vernetzten Habitaten wurde eine besondere Schutzverantwortung für den jeweiligen Lebensraumtyp zugewiesen. Mit einer Schutzverantwortung für zwölf dieser Lebensraumtypen haben die Stadt Freiburg und die Nachbargemeinde Müllheim die meisten Vorranggebiete in Baden-Württemberg, gefolgt von Baden-Baden mit elf.

Aus der Kombination der Daten der Zielarten und ihrer Lebensräume mit den von den Ökologen empfohlenen Schutzmaßnahmen entstand das webbasierte „Informationssystem Zielartenkonzept“. Neben dem Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum nutzen insbesondere viele Naturschutzverwaltungen der Gemeinden und Kreise Baden-Württembergs dieses Konzept für ihre Planungen. Der Anwender erfährt, welche Zielarten in der ausgewählten Region vorkommen können und prüft im Gelände gezielt diese Arten auf tatsächliche Vorkommen. Die empfohlenen Schutzmaßnahmen bilden dann die Grundlage für das konkrete Artenschutzkonzept vor Ort.

Weitere Informationen und Zugang zum Informationssystem Zielartenkonzept Baden-Württemberg unter: http://www2.lubw.baden-wuerttemberg.de/public/abt5/zak/

Ansprechpartner: Dr. Rüdiger Jooß, Institut für Landschaftsplanung und Ökologie, Tel. 0711/685-84141,

e-mail: rj@ilpoe.uni-stuttgart.de

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