Das Ende vieler asiatischer Gletscher ist besiegelt

Viele Gletscher in der Region weisen steile Stirnwände und Oberflächenschutt auf, weshalb herkömmliche Gletschermodelle nicht gut auf sie anwendbar sind. "24K Glacier" in den Kangri Karpo Bergen im südöstlichen Tibetischen Plateau, Oktober 2019
Martin Kneib

Vom Wasser aus den Gletschern Hochasiens, wozu neben dem Himalaya auch das Tibetische Hochland und die zentralasiatischen Gebirge gehören, sind rund 250 Millionen Menschen abhängig. Doch um die grösste nicht-polare Eismasse der Erde ist es schlecht bestellt, zeigt eine Studie unter Leitung der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL. Das Forschungsteam hat eine neue Berechnungsmethode entwickelt, die mit Hilfe von Satellitendaten die Balance zwischen neu gebildetem und geschmolzenem Gletscher-Eis abschätzen kann.

Die Autoren bei der Entnahme eines Firnkerns auf 5800 m Höhe im Langtang-Tal in Nepal, um den jüngsten Eiszuwachs ermitteln, November 2019.
Evan Miles

Die Gletscher Hochasiens speisen unter anderem die grossen asiatischen Ströme wie Indus, Ganges, Yangtse und Mekong – ein enormes Wasserreservoir für rund 250 Millionen Menschen. Doch die hochgelegenen Regionen sind schwer zu erreichen, weshalb es nur wenige direkte Beobachtungsdaten zu den Veränderungen ihrer Eismassen gibt. Modelle, die für Gletscher in anderen Regionen wie den Alpen entwickelt wurden, spiegeln die besonderen Eigenschaften und Prozesse der asiatischen Gletscher oft nicht gut wider.

Seit wenigen Jahren sind dank neuer Satelliten zur Erdbeobachtung solche Daten auf regionalen Skalen verfügbar. Unter der Leitung von Evan Miles hat ein Forschungsteam an der WSL aus diesen Daten ein Berechnungsmodell entwickelt, das erstmals im Detail rekonstruiert, wie sich die Eismassen von mehr als 5000 Gletschern in Hochasien von Jahr zu Jahr verändern. Das von der WSL-Glaziologin Francesca Pellicciotti geleitete Team verbringt jedes Jahr mehrere Monate auf den Gletschern Hochasiens.

Mit diesen Ergebnissen bestimmte das Team, wieviel von dem durch Schmelze verloren gegangenen Eis durch Schneefälle nachgebildet wurde. Die Ergebnisse sind Durchschnittswerte für den Zeitraum von 2000 bis 2016 und wurden in der Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlicht.

Die meisten Gletscher verlieren viel mehr Eis, als sie nachbilden
Die Resultate erlauben es, eine Reihe wichtiger Fragen zur Zukunft dieser Gletscher zu beantworten. Das Bild ist nicht gerade rosig: 70 Prozent der Gletscher verlieren jährlich Eis, und die Mehrheit der Gletscher weist nur kleine Flächen auf, an denen Eis nachgebildet wird. Lediglich die Gletscher um die Karakorum- und Kunlun-Gebirge, die an den Grenzen und in den umstrittenen Gebieten Indiens, Pakistans und Chinas liegen, nehmen aufgrund der jüngsten Zunahme der Schneefälle an Masse zu.

Der Masseverlust ist von grosser Bedeutung für die Wasserversorgung der tiefer gelegenen Gebiete, in denen Millionen Menschen leben und das Schmelzwasser für die Landwirtschaft benötigen. Die Berechnungen zeigen, dass die Schneefälle im Winter bei der Mehrheit der Gletscher durchschnittlich weniger als die Hälfte der sommerlichen Schmelze kompensieren. «Bei vielen Gletschern schmilzt das Eis einfach weg – die Akkumulation kann nicht mithalten», sagt Evan Miles, Hauptautor der Studie. «Infolgedessen ist die Mehrheit der Gletscher in ihrer derzeitigen Form einfach nicht überlebensfähig.»

Bis zum Jahr 2100 wird etwa ein Fünftel des Eises in der Region schmelzen, selbst wenn sich das Klima nicht weiter erwärmen würde, so Miles. Damit wird langfristig weniger Schmelzwasser in die Bergflüsse fliessen. Der bevorstehende Klimawandel ist in den Zahlen von 2000 bis 2016 nicht enthalten. Er wird die Gletscherschmelze zusätzlich antreiben und die Wasserversorgung in einigen der tiefer gelegenen Regionen beeinträchtigen.
«Der Silberstreif am Horizont ist vorläufig», sagt Evan Miles, «dass genau jene Gebirgsflusssysteme, die für die flussabwärts lebende Bevölkerung am wichtigsten sind, am Fuss von wachsenden Gletscher liegen».

Aufgrund ihrer hohen Bevölkerungsdichte und ihrer Lage in trockenen Regionen sind Flüsse wie Amu-Darya, Indus, Syr-Darya und Tarim Interior besonders empfindlich für den Verlust des Gletscher-Schmelzwassers. «Aber auch diese Gletscher reagieren empfindlich auf die anhaltende Klimaerwärmung, und ihre Schmelze übersteigt mittlerweile bereits die Akkumulation.»

Die nächsten Schritte für das Forschungsteam werden sein, zu versuchen zu verstehen, wie sich insbesondere schuttbedeckte Gletscher in dieser Region verhalten. Dies wird die Vorhersage der zu erwartenden Schmelzwassermengen weiter verbessern.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Dr. Evan Stewart Miles
PostDoc
Gebirgshydrologie und Massenbewegungen
Hochgebirgsgletscher und Hydrologie
evan.miles(at)wsl.ch
+41 44 739 25 65
Birmensdorf

Dr. Francesca Pellicciotti
Gruppenleiterin, Senior Scientist
Gebirgshydrologie und Massenbewegungen
Hochgebirgsgletscher und Hydrologie
francesca.pellicciotti(at)wsl.ch
+41 44 739 23 45
Birmensdorf

Originalpublikation:

Miles, E.S., McCarthy, M.J., Dehecq, A., Kneib, M., Fugger, S., and F. Pellicciotti. (2021). Health and sustainability of glaciers in High Mountain Asia. Nature Communications. doi.org/10.1038/s41467-021-23073-4

Weitere Informationen:

https://www.wsl.ch/de/newsseiten/2021/05/das-ende-vieler-asiatischer-gletscher-i…

Media Contact

Beate Kittl Medienkontakt WSL Birmensdorf
Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL

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