Der Schraubenpalme letzter Ruheort

Die Schraubenpalme. Aus ihren Blüten läßt sich das zum Würzen verwendbare Pandanuswasser gewinnen. Foto: R. Wöstmann/FTM

1. Phase des Terramare-Projektes RENTT weitgehend abgeschlossen

Wie kommt pflanzlicher Kohlenstoff in den indonesischen Fluß Siak, und wo bleibt er? Derartigen Fragen gehen Wissenschaftler des Wilhelmshavener Forschungszentrums Terramare in dem deutsch-indonesischen Gemeinschaftsprojekt RENTT*) nach. Inzwischen ist die Beprobung des Siak nahezu abgeschlossen und es gibt erste Zwischenergebnisse. Wichtig sind die auch für Handlungsempfehlungen zum nachhaltigen Umgang mit den natürlichen Ressourcen.

Wissenschaftler des Wilhelmshavener Forschungszentrums Terramare untersuchen seit Anfang 2004, wie Kohlenstoffverbindungen pflanzlichen Ursprungs in den indonesischen Fluß Siak gelangen, wie sie sich verändern und wo sie schließlich abgelagert werden. Hierzu wurden Proben aus dem Einzugsbereich des Flusses, seinem Mündungsgebiet und dem durch ihn beeinflußten küstennahen Ozean genommen. Inzwischen sind die Probennahmen weitgehend abgeschlossen, erste Ergebnisse stehen fest. Sie fließen auch in das übergeordnete deutsch-indonesische Gesamtprojekt SPICE (Science for the Protection of Indonesian Coastal Marine Ecosystems) ein und werden letztlich zu Entscheidungen für veränderte landwirtschaftliche Produktionsmethoden oder etwa den Bau von Kläranlagen beitragen.

Prof. Dr. Gerd Liebezeit und Ralf Wöstmann befassen sich im Rahmen des Projektes RENTT*) mit Pflanzenmaterial am und im Fluß Siak auf Sumatra. Die Forscher untersuchen in dem vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekt, wo zum Beispiel Blattreste von Schraubenpalme oder Wasserhyazinthe in den Fluß gelangen, wie sie sich verändern und wie man sicher nachweisen kann, wohin sie transportiert werden. Das erfordert detektivische Kleinarbeit: Man benötigt pflanzliche Inhaltsstoffe, die einerseits einzigartig genug sind, um eine spezielle Pflanze zu charakterisieren. Andererseits muß das Grundgerüst einer derartigen Verbindung ausreichend stabil sein, um auch einen weit vom Ursprungsort im Flußwasser oder -boden verrottenden Pflanzenrest oder schlicht nur noch diese Verbindung sicher zuordnen zu können.

Fündig wurden Meereschemiker Liebezeit und Umweltwissenschaftler Wöstmann etwa bei Kohlenstoffverbindungen aus Blattwachsen, wächsernen Schutzhüllen des Pflanzenkörpers. Bei den für die Forscher interessanten Stoffen handelt es sich um sogenannte Triterpenoide. Im Pflanzenreich hat diese Verbindungsklasse viele Funktionen. Als Beimengung in Pflanzenwachsen schreibt man ihnen einen schützender Effekt vor Fraßfeinden zu. Mit Epi-Glutinol fanden Wöstmann und Liebezeit einen typischen Terpenoid-Vertreter, über den sich als Ursprungspflanze ganz eindeutig die Schraubenpalme nachweisen läßt: Epi-Glutinol ist das Haupttriterpenoid dieses Gewächses. Zudem war es in keiner anderen Pflanze des Flußuferbewuchses nachzuweisen. – Um Reste der Wasserhyazinthe aufzuspüren, konnte man auf die den Triterpenoiden chemisch nahe verwandten Steroide zurückgreifen. Spezielle Vertreter dieser Verbindungen ergaben gleichsam einen Fingerabdruck für die bläulich blühende und ausgedehnte Teppiche bildende Schwimmpflanze. – Zu den Steroiden gehört übrigens auch das Cholesterin, dessen zu hohe Blutkonzentration bei so manchem Menschen das Herzinfarktrisiko steigert.

Üblicherweise sammelt sich der gesamte organische Kohlenstoff in den feinkörnigen Flußablagerungen. Am Siak war stellenweise eine Verdünnung durch ausgewaschene Ufertone zu beobachten. Zusätzlich ließen sich lokal pflanzliche Überreste in sandigen Bereichen nachweisen. Sowohl anorganisches als auch organisches Material werden schließlich im Unterlauf und der Mündungsregion des Siak abgelagert – mit ihnen Schadstoffe wie Schwermetalle und Pflanzenschutzmittel. Vor Ort direkt zu beobachtende Schädigungen des Siak sind Abwassereinleitungen, etwa aus Kautschuk- und Holzindustrie, sowie die schädigenden Einflüsse durch die Palmölplantagen: Um möglichst alle Nährstoffe den Ölpalmen zukommen zu lassen, wird jeglicher andersartige Bodenbewuchs in den strikten Monokulturen entfernt – mit katastrophalen Folgen für die Bodenkrume. Jeder Regenguß, jede Bewässerung verfrachtet Mengen davon in den Fluß.

Die massiv in Flußnähe betriebene Trocknung von Rohkautschuk erzeugt extrem übelriechende, gummipartikelreiche Abwässer. Sie sind auch kilometerweit hinter der Einleitungsstelle noch nachweisbar und machten den Wissenschaftlern die Arbeit bei der Probenaufbereitung bisweilen schwer: Teilweise hatten sie bei Extraktionen mit massiven Verunreinigungen durch verfaulendes Naturgummi zu kämpfen.

Für das späte Frühjahr ist die abschließende Fahrt des ersten Projektabschnitts geplant. Die Terramare-Wissenschaftler werden sich letzten Pflanzenbestimmungen widmen und ein besonderes Augenmerk auf menschengemachte Belastungen des Flusses mit organischen Kohlenstoffverbindungen legen. In einem zweiten Projektteil sollen die Untersuchungen auf weitere Flusssysteme Ostsumatras ausgedehnt und neue Erkenntnisse dann bereits angewendet werden.

[*) Riverine, estuarine and nearcoastal transport and transformation of natural organic compounds – Tracer studies.]

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Gerd Liebezeit
Gerd.Liebezeit@terramare.de
Tel. 04421 – 944 100
Dipl.-Umweltwiss. Ralf Wöstmann
Ralf.Woestmann@terramare.de
Tel. 04421 – 944 218
Forschungszentrum Terramare
Schleusenstraße 1
26382 Wilhelmshaven

Ansprechpartner für Medien

Dr. Sibet Riexinger idw

Weitere Informationen:

http://www.terramare.de/rentt.htm

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