Umwelthormone: Vorsorge notwendig


Bericht der Weltgesundheitsorganisation fasst Forschungsstand zu hormonstörenden Chemikalien zusammen

Weibliche Schnecken mit männlichen Geschlechtsorganen, schlechte Spermienqualität bei deutschen Männern, Anstieg der Erkrankungsraten an Brust- und Hodenkrebs in vielen Teilen der Welt. Ist die Wissenschaft heute in der Lage, eine Erklärung dafür zu geben? Sind Umweltchemikalien, die das Hormonsystem von Mensch und Tier stören, hierfür verantwortlich zu machen? Diesen Fragen geht der bisher umfassendste Bericht über Umwelthormone nach, der kürzlich vom Internationalen Programm der Chemikaliensicherheit und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) veröffentlicht wurde. Er kommt zu dem Schluss, dass bei Tieren in vielen Fällen die schädliche Wirkung der hormonstörenden Chemikalien nachgewiesen oder wahrscheinlich ist. Beim Menschen gibt es konkrete Hinweise darauf. 60 der führenden internationalen Wissenschaftler haben über drei Jahre an dem Bericht gearbeitet. Forschungsprogramme des Umweltbundesamtes (UBA) seit 1995 sind darin eingeflossen. Der Bericht wurde – neben einer Reihe von internationalen Organisationen – vom Bundesumweltministerium gefördert.

Abschließende Klarheit kann auch dieser Bericht nicht schaffen, denn: In vielen Fällen fehlen wichtige Erkenntnisse um die Ursachen der bei Mensch und Tier beobachteten Effekte zu erklären. Dr. Andreas Gies, UBA-Experte im Steuerungskomitee für den WHO-Bericht, merkt dazu an: „Die Tatsache, dass die Wissenschaft in vielen Fällen noch nicht die Ursachen für Schadwirkungen zweifelsfrei identifizieren kann, darf nicht dazu führen, vorsorgende Maßnahmen zu verhindern oder zu verzögern.“ Dem Bericht zufolge erscheint es biologisch plausibel, dass Umwelthormone die Fortpflanzung und die Entwicklung des Menschen stören können. Auch negative Auswirkungen bei frei lebenden Tieren und im Laborexperiment geben Anlass zur Sorge, dass einige der beobachteten menschlichen Gesundheitsstörungen auf diese Umwelthormone zurückzuführen sein könnten. In keinem Fall jedoch reichen die Daten aus, um einen zweifelsfreien wissenschaftlichen Nachweis für die Wirkungen bestimmter Umweltchemikalien beim Menschen zu führen. Der Bericht plädiert dafür, über Umwelthormone weiterhin vorrangig zu forschen.
Das UBA hat schon im Jahr 2001 eine umfassende Einschätzung der Lage in Deutschland gegeben. Über die wissenschaftliche Analyse hinaus hat das Amt eine Reihe von Maßnahmen vorgeschlagen, um der Vorsorge Rechnung zu tragen und Gefahren für Mensch und Umwelt abzuwehren. Hierzu gehört die Forderung, vorläufige Maßnahmen für Verdachtsstoffe ergreifen zu können, auch bevor noch die letzten wissenschaftlichen Untersuchungen abgeschlossen sind.

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