Nozebo-Effekte vermeiden

Wie können aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zu Nozebo-Effekten in die medizinische Forschung und Praxis umgesetzt werden, um die Wirksamkeit und Verträglichkeit von medizinischen Behandlungen zu verbessern?

Dieser Frage gehen Prof. Dr. Ulrike Bingel und Prof. Manfred Schedlowski vom Universitätsklinikum Essen und ihre Kollegen der DFG-Forschergruppe FOR-1328 Paul Enck (Tübingen) und Winfried Rief (Marburg) in einer aktuellen Veröffentlichung „Avoiding Nocebo Effects to Optimize Treatment Outcome“ in der renommierten Zeitschrift JAMA nach. Als Nozebo-Effekte verstehen sie dabei negative Einflüsse durch negative Überzeugungen, negative Vorerfahrungen oder Angst auf die Wirksamkeit und Verträglichkeit von medizinischen Behandlungen.

Basierend auf den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Wirkweise von Nozeboeffekten postulieren die Autoren in der aktuellen Veröffentlichung verschiedene Strategien, um den negativen Einfluss von Nozeboeffekten auf das Outcome von medizinischen Behandlungen zu reduzieren. Diese umfassen verschiedene Ebenen des Gesundheitssystems und reichen von der Ausbildung von Ärzten und anderen Heilberufen, über die klinische Praxis, aber auch rechtliche Aspekte (Gestaltung von Beipackzetteln) bis hin zum Umgang der Medien.

Ein erster wichtiger Schritt wäre das Bewußtsein dafür, welchen starken Einfluss jeder Beteiligte im Gesundheitssystem auf die Entwicklung von Nozeboeffekten hat, sagen die Autoren. Daraus muss sich die Verantwortung ableiten, Nozeboeffekte möglichst zu reduzieren, oder sogar ganz zu vermeiden.

Für die Vermeidung von Nozeboeffekten im klinischen Alltag spielt eine wissenschaftlich fundierte Kommunikationskompetenz der Behandler eine entscheidende Rolle. Die Kommunikation zwischen Behandler und Patienten ist ein mächtiges Instrument, um die psychologischen Triebfedern von Nozeboeffekten, nämlich Erwartung- und Lernmechanismen positiv zu beeinflussen. So kann negativen Überzeugungen, negativen Behandlungserfahrungen, Missverständnissen und daraus resultierenden Sorgen und Ängsten vorgebeugt werden.

Die Medizin hat in den vergangenen Jahrzehnten dramatische Fortschritte in den diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten erzielt. Diese Entwicklung und die damit verbundene Spezialisierung haben aber auch ihre Schattenseiten. Arzt-Patientenkontakte finden im Minutentakt statt.

Das Ungleichgewicht aus diagnostischen Möglichkeiten und dem ärztlichen Gespräch führt zu einer Schwächung des therapeutischen Bündnisses. Die Implementierung von mechanismenbasierten Strategien zur Vermeidung von Nozeboeffekten verspricht dieser Entwicklung entgegen zu arbeiten, um die Wirksamkeit und Verträglichkeit von medizinischen Behandlungen zum Wohle des Patienten zu verbessern. Hierbei spielt die Kommunikation eine zentrale Rolle, was auch in der Ausbildung von Heilberufen abgebildet sein sollte, so die Autoren.

Hintergrund
Experimentelle und klinische Studien belegen, dass ein Großteil der unerwünschten Wirkungen im Rahmen von pharmakologischen (und anderen) Behandlungen nicht auf das Medikament selbst zurück zuführen ist. Denn erstaunlicherweise entwickeln die Patienten in klinischen Studien, die gar nicht mit dem Medikament, sondern einem Plazebo behandelt werden, dieselben Nebenwirkungen. Genauso berichten viele Patienten, dass es beim Wechsel von Originalpräparaten zu sog. Generika zum vermehrten Auftreten von Nebenwirkungen kommt, obwohl das Generikum den identischen Wirkstoff enthält. Diese Beispiele illustrieren, dass psychologische Faktoren, wie die Erwartung des Patienten bzgl. der Verträglichkeit von Behandlungen das tatsächliche Auftreten von unerwünschten Wirkungen stark beeinflusst.

Die individuellen Erwartungen und Überzeugungen von Patienten beeinflussen nicht nur die Verträglichkeit, sondern auch die Wirksamkeit von medizinischen Behandlungen. Dies zeigen Medikamentenstudien, in denen die Erwartung der Patienten bewußt beeinflusst wird. Diese Studien belegen, dass eine positive Erwartung bzgl. der Wirksamkeit die Wirkung von Schmerz-, oder Migränemedikamenten verdoppeln kann, während eine negative Erwartung dessen Wirksamkeit reduziert, oder sogar komplett aufheben kann. Ähnliches konnte für eine negative Vorerfahrung mit medizinischen Behandlungen gezeigt werden, welche auch das Ansprechen auf einen nächsten, ganz anderen Therapieversuch negative beeinflussen können.

Diese negativen Einflüsse von negativen Überzeugungen, negativen Vorerfahrungen oder Angst auf die Wirksamkeit und Verträglichkeit von medizinischen Behandlungen bezeichnet man als Nozebo-Effekte.

Die Beschwerden, die durch Nozeboeffekte ausgelöst werden, lassen sich im Körper nachweisen. Auch wenn der Nozebo-Effekt neurowissenschaftlich noch lange nicht so gut erforscht wie sein positiver Zwilling – der Plazebo-Effekt – weiß man, dass Nozeboeffekte spezifische Korrelate im zentralen Nervensystem und im peripher-physiologischen System haben.

Nozeboeffekte können verheerende Folgen für die Verträglichkeit und Wirksamkeit von medizinischen Behandlungen haben und dazu beitragen, dass Patienten indizierte und ggf. lebensverlängernde Therapien nicht fortführen. Die erhebliche Bedeutung von Nozeboeffekten für das Scheitern von medizinischen Behandlungen wird im klinischen Alltag unterschätzt.

Referenz:
Avoiding Nocebo Effects to Optimize Treatment Outcome, U. Bingel et al, JAMA published online July 7th 2014.

Kontakt für weitere Informationen:
Prof. Ulrike Bingel, Klinik für Neurologie, Universitätsklinikum-Essen, Universität Duisburg-Essen, ulrike.bingel@uk-essen.de.
Prof. Manfred Schedlowski, Institut für Medizinische Psychologie, Universitätsklinikum-Essen, Universität Duisburg-Essen; manfred.schedlowski@uk-essen.de.

Media Contact

Kristina Gronwald idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Informationen:

http://www.uniklinikum-essen.de/

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