Pflanzliche Ersatz-Hormone zeigen Wirkung im Tiermodell

Europäisches Projekt EUROSTERONE untersucht sexualhormon-ähnliche Substanzen

Pflanzliche Ersatz-Hormone haben erste positive Wirkungen bei Beschwerden in den Wechseljahren im Tiermodell und in klinischen Studien gezeigt.

Die so genannten Phyto-Östrogene können Geschlechtshormone ersetzen, die Steroid-Hormone, die für die Hormonumstellung des menschlichen Körpers in den Wechseljahren verantwortlich sind. Ob auch spätere Ausfallserscheinungen der Sexualhormone durch diese pflanzlichen Ersatz-Substanzen günstig beeinflusst werden, ist wenig bekannt. Seit zwei Jahren befasst sich eine Forschergruppe am Bereich Humanmedizin der Universität Göttingen in dem Projekt (E)UROESTROGEN(E)S mit den Wirkungsweisen von Sexualsteroiden und von pflanzlichen Inhaltsstoffen mit geschlechtshormonähnlicher Wirkung speziell im Urogenitaltrakt. In dem von der Europäischen Union mit insgesamt 3,9 Millionen Euro geförderten Projekt arbeiten sieben medizinische Fakultäten aus ganz Europa zusammen. Vom Bereich Humanmedizin Göttingen kooperieren die Abteilungen Klinische und Experimentelle Endokrinologie (Leiter Prof. Wolfgang Wuttke), Urologie (Leiter Prof. Rolf-Hermann Ringert) und Gynäkologie und Geburtshilfe (Leiter Prof. Günter Emons).

Steroidhormone sind niedermolekulare Substanzen, die von den Geschlechtsdrüsen (Hoden, Eierstöcke) und der Nebennierenrinde produziert werden. Sie spielen für die Fortpflanzung wie auch für zahlreiche Körperfunktionen eine wichtige Rolle. Ihr Wegfall nach dem Klimakterium kann zu krankhafter Osteoporose (Veränderung von Knochen), Arteriosklerose (Veränderung von Arterien) und möglicherweise zur Entwicklung der Alzheimer Krankheit führen. Ebenso werden die Organe des Urogenitaltraktes (Gebärmutter, Scheide, Harnblase und Harnleiter der Frau sowie Harnblase und Vorsteherdrüse des Mannes) von den Hormonen beeinflusst. Im Vordergrund des Forschungsprojektes stehen die Wirkungen der Steroidhormone im weiblichen und männlichen Urogenitaltrakt. Diese werden zunächst im Tierexperiment untersucht. Es sind besonders ältere Menschen, die unter dem Mangel an Steroidhormonen leiden. Bei Frauen in der Postmenopause häufen sich Blasenerkrankungen, insbesondere chronisch auftretende Blasenentzündungen. Eine trockene Scheide kann chronisch entzündliche Prozesse verursachen und den Geschlechtsverkehr erschweren. Harninkontinenz gehört ebenfalls zu den Folgen des Östrogenmangels. Viele Frauen und Männer leiden unter dem unwillkürlichen Abgang von Harn bei Husten, Niesen oder körperlicher Anstrengung. Dieses als Stressinkontinenz bezeichnete Symptom ist durch die ausbleibende Östrogenproduktion bedingt. Da auch die Harnblase und der Verschlussmechanismus der Harnblase des Mannes mit Östrogenrezeptoren ausgestattet ist, liegt die Vermutung nahe, dass auch hier eine östrogene Komponente eine Rolle spielt, die bisher noch völlig unerforscht ist. Durch Einnahme von Östrogenen können diese Beschwerden gelindert werden. Allerdings können auch unerwünschte Nebenwirkungen auftreten. Die Forschungen von (E)UROESTROGEN(E)S könnten vor allem klären, ob diese unerwünschten Nebenwirkungen in der Gebärmutter (wie Blutungen oder Begünstigung der Entstehung eines Gebärmutterkrebses) auch bei den pflanzlichen Ersatzstoffen auftreten.

Zahlreiche Pflanzen produzieren Substanzen, die eine so genannte SERM-Aktivität aufweisen. Das sind selektive Östrogenrezeptor-Modulatoren, die Osteoporose und Arteriosklerose in den Arterien zu verhindern scheinen, aber keine Wirkungen in der Brustdrüse oder der Gebärmutter haben. Über eine Wirkung im Urogenitaltrakt von Frauen und Männern liegen bisher noch keine Untersuchungen vor. Deshalb hat es sich das (E)UROESTROGEN(E)S-Konsortium zur Aufgabe gemacht, die Rolle der SERM-Substanzen mit dem der Phyto-Östrogene im weiblichen und im männlichen Urogenitaltrakt zunächst tierexperimentell und später in klinischen Studien zu vergleichen. Die bekanntesten bisher isolierten Phytoöstrogene stammen aus der Sojabohne und dem Süßklee; aber auch lange bekannte Mittel zur Verhinderung von klimakterischen Beschwerden, wie aufsteigende Hitzewallungen etc., wie Präparate aus der Wurzel der Traubensilberkerze (Cimicifuga racemosa) werden untersucht. Sie besitzen nach jüngeren Forschungsergebnissen positive Wirkungen auf den Knochen und das Herzkreislaufsystem. Ihre Wirkung auf den Urogenitaltrakt von Mann und Frau sind bisher ebenfalls noch nicht untersucht worden.
Beim Mann ist im höheren Lebensalter eine Vergrößerung der Vorsteherdrüse (Prostata), die so genannte benigne Prostatahyperplasie (BPH), ein häufiger Grund für erhebliche Beschwerden. Da das Gewebe der Vorsteherdrüse in erheblichem Ausmaß die verschiedenen Östrogenrezeptortypen produziert, hat das (E)UROESTROGEN(E)S-Programm auch tierexperimentelle Untersuchungen zur Entstehung der BPH geplant. Die bösartige Entartung von Prostatagewebe, das Prostatakarzinom, ist die zweithäufigste Karzinomart des Mannes. Entstehung und die frühe Progression des Prostatakarzinoms unterliegt der Steuerung durch männliche Geschlechtshormone, den Androgenen. Aber auch hier wird eine Rolle der weiblichen Geschlechtshormone, die noch weitestgehend unerforscht sind, postuliert.

Weitere Informationen:

Universität Göttingen – Bereich Humanmedizin
Abt. Klinische und Experimentelle Endokrinologie
Prof. Dr. Wolfgang Wuttke
Robert-Koch-Str. 40
37075 Göttingen
Tel.: 0551/39 – 6714

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Bettina Bulle idw

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