Dein ist mein ganzes Herz – Die Verpflanzung von Organen in der modernen Medizin


Der 3. Dezember 1967 ist als ganz besonderer Tag in die Geschichte der Medizin eingegangen: An jenem Tag pflanzte der Chirurg Christian Barnard einem todkranken 55-Jährigen das gesunde Herz eines kurz zuvor verstorbenen 25-Jährigen ein – ein Meilenstein im Fortschritt der Medizin. Fünf Stunden dauerte die Operation damals, und sie löste hitzige Debatten darüber aus, ob eine solche Organverpflanzung ethisch überhaupt zu rechtfertigen sei. Der Patient überlebte nur 18 Tage, dann starb er an einer Lungenentzündung.
Inzwischen gehören Herzverpflanzungen zum Alltag: Mehr als 54.000 Herzen, dazu noch rund 74.000 Lebern und 470.000 Nieren wurden bisher weltweit verpflanzt. Allein in Deutschland erhalten jedes Jahr rund 600 Menschen ein neues Herz, 800 eine neue Leber und 2.300 eine neue Niere. Und auch die Überlebenschancen haben sich drastisch erhöht – fünf Jahre nach der Operation leben heute noch mehr als 80 Prozent der Herzempfänger. Das verdanken sie den sogenannten Immunsuppressiva. Diese Mittel, die das Abstoßen der fremden Organe verhindern, wurden im Lauf der Zeit immer weiter entwickelt. Doch das hat seinen Preis: Die Medikamente müssen tagtäglich für den Rest des Lebens eingenommen werden.
Welche Rolle die Organtransplantationen mittlerweile in der modernen Medizin spielen, darüber spricht die Oberärztin und Fachärztin für Chirurgie an der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie des Klinikums Chemnitz, Frau Dr. med. Christiane Habeck, am Mittwoch, dem 18. Oktober 2000, um 17.30 Uhr im Zentralen Hörsaal- und Seminargebäude der Chemnitzer Uni, Reichenhainer Straße 70, Hörsaal N 111. Ihr Vortrag trägt den Titel „Organspende und Organtransplantation“ und ist Teil der äußerst erfolgreichen Reihe „Medizin im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Gesellschaft“, die die Uni seit dem Wintersemester 1997/98 gemeinsam mit dem Klinikum Chemnitz anbietet. Hierzu sind alle Chemnitzer Bürger eingeladen, der Eintritt ist selbstverständlich frei.
Die erste Herzverpflanzung war auch deshalb besonders spektakulär, weil das Herz viele Jahrhunderte als Sitz der Seele galt – und in manchen Kulturen noch immer gilt. Doch die Übertragung von Organen von einem Mensch auf einen anderen ist wesentlich älter, als es die Großtat von Barnard vermuten lässt: Schon im zweiten Jahrhundert wurden in Indien und China Hautstückchen transplantiert. Versuche, Blut (auch ein Organ!) zu übertragen, sind seit Ende des 18. Jahrhunderts bekannt, und seit Beginn des 19. Jahrhunderts verpflanzte man auch in Europa Haut. Die Übertragung menschlicher Hornhaut – heute mit 4.000 Fällen jedes Jahr allein in Deutschland längste eine Routineoperation- gelang erstmals 1905. Schon 1902 wurde in Wien zum ersten Mal eine vollständige Niere von einem Hund auf einen anderen transplantiert. Doch bald erkannte man, dass solche komplizierten Organe bald wieder abgestoßen werden, ein Prozess, den man damals noch nicht verstand.
Auftrieb bekam die Transplantationsmedizin – das Wort wurde übrigens von dem deutschen Chirurgen Rudolf Pichlmayr geprägt – , als es dem amerikanischen Mediziner Joseph Murray 1954 gelang, eine Niere von einem eineiigen Zwilling in den anderen zu verpflanzen. Bereits in den vierziger Jahren hatte man zudem entdeckt, dass sich durch Cortison die Bildung von Antigenen hemmen lässt – und die sind für die Abstoßungsreaktion verantwortlich. Heute freilich verwendet man dazu das wesentlich wirksamere Antibiotikum Cyclosporin. Bereits 1963 auch verpflanzte der amerikanische Arzt Thomas Starzl erstmals eine menschliche Leber, und auch die ersten Bauchspeicheldrüsen wurden schon 1966, noch vor Barnard, übertragen.
Längst aber stehen für die lebensrettenden Transplantationen nicht genug Organe zur Verfügung. So mancher Patient stirbt, während er auf einen Spender wartet: Statt 6000 Herzen werden jedes Jahr 1000 benötigt, statt 2.300 Nieren 11.000. Doch noch immer sind viele Menschen nicht bereit, im Falle ihres Todes ein Organ zu spenden – offensichtlich wird hier eine Urangst des Menschen berührt. Das ist besonders beschämend, weil viele der in Deutschland eingepflanzten Organe aus dem Ausland kommen. Die anfallenden Organe werden nämlich von der Eurotransplant im niederländischen Leiden verteilt, und einziger Maßstab dabei ist die Verträglichkeit zwischen Spender- und Empfängergewebe, nationale Erwägungen spielen dabei keine Rolle. Gerade in Deutschland ist die Zahl der Spendewilligen aber besonders gering.
Dabei kommen als Spender ohnehin nur solche Menschen in Frage, deren Hirntod von zwei Ärzten unabhängig voneinander festgestellt worden ist, deren übrige Organe hingegen intakt sind. In Deutschland muss außerdem eine testamentarische Verfügung – etwa ein Organspenderausweis – des Verstorbenen vorliegen oder die Angehörigen müssen der Organentnahme zustimmen. In anderen Ländern ist das anders: In Österreich etwa muss der Verstorbene zu Lebzeiten einer Entnahme eigens widersprochen haben, in Singapur bekommt nur der ein Organ und selbst Spenderblut, der auch zur Spende bereit war und in der ehemaligen DDR war eine Entnahme sogar ohne Einwilligung möglich. „Hier muss sich aus Gründen der Mitmenschlichkeit das Denken der Menschen ändern, damit auch wir mehr Spenderorgane zur Verfügung haben“, so Frau Dr. Habeck. Mit ihrem Vortrag will sie erreichen, das verständliche Ängste und Vorbehalte gegen eine Organspende abgebaut werden. (HJG)

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Hubert J. Gieß idw

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