Zunehmende Resistenz gegen Antibiotika

Prof. Dr. Volker Schuster, Leiter der Universitätskinderpoliklinik, lädt im Namen der Deutschen Gesellschaft für pädiatrische Infektologie (DGPI) zum 5. Infektiologischen Intensivkurs nach Leipzig ein. Auf dem Programm stehen Fragen der Vorbeugung, Diagnose und Behandlung von Infektionskrankheiten, die von größerer gesundheitspolitischer Relevanz sind. Dazu gehören Infektionen durch Viren der Herpesgruppe, infektiöse Durchfallerkrankungen, zeckenübertragene Erkrankungen, Infektionen der Luftwege einschließlich Empfehlungen pro/kontra antibiotische Therapie, Resistenzentwicklung bei antibiotischer Therapie, importierte Tropenkrankheiten u.a.

Termin der Veranstaltung: 21. 3. 2002 bis 23. 3. 2002
Ort: Dorint Hotel Leipzig; Stephanstraße

Viele Infektionskrankheiten haben durch die zunehmende Reisetätigkeit und mangelnde Durchimpfungsraten in der Bevölkerung wieder an Bedeutung gewonnen. Insbesondere bei gemeinhin als harmlos angesehenen Erkrankungen wie den Masern wird die Schutzimpfung gern vernachlässigt. Dabei, so Prof. Schuster, sind die Masern keineswegs harmlos. Sie können zu gefährlichen und lebensbedrohlichen Komplikationen wie Lungen- und Gehirnhautentzündungen führen, wobei das durch die Masern vorübergehend unterdrückte Immunsystem den Patienten auch für bakterielle Erkrankungen besonders empfänglich macht. In Verbindung mit einem Mangel an Vitamin A, wie er bei Kindern in der Dritten Welt besonders häufig anzutreffen ist, sind die Masern z.Z. eine tödliche Waffe. In Afghanistan z.B. sind die Masern die häufigste Todesursache bei Kindern. Prof. Schuster erinnerte auch daran, dass seinerzeit nordamerikanische Siedler die Masern eingeschleppt hatten, denen ganze Stämme zum Opfer fielen, da das Immunsystem der Indianer nicht auf diese Infektion eingestellt war.

Selbst die mehr als lästig denn als gesundheitlich beeinträchtigend empfundenen Herpes-Simplex-Lippenbläschen können unter Umständen schweren Schaden verursachen. Im Moment ist eine Heilmethode für die Lippenbläschen noch nicht in Sicht. Nach der Infektion mit den Viren, kapseln sich diese in Nervenzellen ein und entkommen so dem Immunsystem. Bei seelischem und körperlichem Streß wandern sie entlang der Nervenbahnen an den Ort ihrer Bestimmung und erscheinen als juckende und unansehnliche Bläschen auf unseren Lippen. Mit Salben und Cremes, rechtzeitig aufgebracht, kann man sie einschränken, aber nicht verhindern. Vorsicht aber dann beim Umgang mit Säuglingen! Neugeborene und kleine Säuglinge, die noch keine entsprechenden Abwehrmechanismen entwickeln konnten, können bei Ansteckung in seltenen Fällen schwerste Krankheitsbilder entwickeln und sogar daran sterben.

Auch andere Herpesinfektionen wie die Zytomegalie, die gewöhnlich unauffällig verläuft, können für Säuglinge und immungeschwächte Personen tödlich verlaufen. Die Zytomegalie gilt als häufigste Infektionskrankheit des ungeborenen Kindes. Bis zu 2% von ihnen sind mit diesem speziellen Herpes-Virus infiziert. Besonders heimtückisch ist die Krankheit auch deshalb, weil nur ein Bruchteil der Infizierten nach der Geburt klinisch auffällig ist, d.h. man sieht ihnen die Infektion nicht an. Erst nach Jahren zeigen sich die Folgen in Form von Taubheit, Sprachschwierigkeiten oder z.T. schweren Hirnschäden.

Große Probleme macht den Infektiologen die zunehmende Resistenz gegen Antibiotika. Früher wirksame Antibiotika wirken nicht mehr; das betrifft z.B. schädliche Keime auf Intensivstationen. Bestimmte Eitererreger (Staphylokokken) gelten als multiresistent und sind von den Medizinern schwer in den Griff zu bekommen. Das gleiche gilt für einige Pneumokokkenarten (das sind Bakterien, die eine Lungenentzündung auslösen), die insbesondere durch den Einsatz sogenannter Makrolid-Antibiotika zunehmend resistent werden. Diese Makrolide erscheinen Arzt und Patienten zunächst sehr bequem: Höchstens drei bis vier Tage, ein- oder zweimal täglich eingenommen, können sie bakterielle Infektionen schnell bekämpfen. Aber: Ihre große Halbwertszeit führt dazu, dass sie länger im Körper verweilen und damit als Grundlage für die Entwicklung von resistenten Bakterien dienen können. Ursache ist die häufig unkritische Verschreibungspraxis der Ärzte. „Verantwortungsvolle Mediziner verschreiben Antibiotika, insbesondere Makrolide, nur dann, wenn alle anderen Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind und entsprechende Indikationen vorliegen.“, so Prof. Schuster.

Wie nötig das ist, beweisen Zahlen: Im Jahre 2001 ist die Rate von resistenten Pneumokokken in Deutschland immerhin auf 16 % gestiegen. In Asien und einigen mitteleuropäischen Ländern, in denen makrolide Antibiotika nicht verschreibungspflichtig sind, liegt die Rate sogar bei 80 %! „Die Resistenzentwicklung wird möglicherweise auch begünstigt durch die Verfütterung von Antibiotika in der Tiermast“, ergänzt Prof. Schuster.

Für den Wissenschaftler erhebt sich die Frage, wie man die Ausbreitung gesundheitsschädlicher Bakterien von vornherein bekämpfen kann. Bei Pneumokokken erscheint das besonders schwierig, da es über 80 verschiedene Arten von ihnen gibt. Diese können nicht alle durch einen Impfstoff abgedeckt werden. Der neueste Impfstoff wirkt gegen sieben Pneumokokkenarten. Für Prof. Schuster erscheint es keineswegs als ausgeschlossen, dass sich nach einer solchen Impfung andere Arten besonders stark entwickeln, so dass er den neuen Impfstoff nur für Risikopatienten empfiehlt.

Er setzt sich auch engagiert für die Einhaltung von ständig zu aktualisierenden Qualitätsrichtlinien in der antibakteriellen Behandlung ein und plädiert für Einführung der heftig umstrittenen DRGs (diagnose related groups), die eine einheitliche, diagnosebezogene Behandlung von Krankheiten unabhängig vom Therapieort vorschreibt. „Das kommt nicht nur dem Patienten zugute, der damit rechnen kann, nach neuesten Standards behandelt zu werden, sondern das wirkt auch der Kostenexplosion im Gesundheitswesen entgegen“, meint der Pädiater.

Dies ist nur eine kleine Auswahl der Themen, die während des Infektiologischen Intensivkurses auf der Tagesordnung stehen. Ein Programm senden wir ihnen gern zu.

Ansprechpartner für Medien

Dr. Bärbel Adams idw

Weitere Informationen:

http://www.futuramed.de/futuramed/

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