Lübecker Urologen entwickeln OP-Verfahren zum Blasenersatz

Die fertige Ersatzblase, die an der Bauchwand befestigt wird und über einen Katheter von außen geleert werden kann (rechts in schematischer Darstellung)

Besonders Frauen profitieren von der neuen Methode

Bei etwa 20 Prozent der Patienten mit Blasenkrebs ist die Erkrankung bereits so weit fortgeschritten, dass die Harnblase vollständig entfernt werden muss. Um die Harnableitung zu ermöglichen, kommen verschiedene chirurgische Verfahren zur Anwendung. Urologen der Medizinischen Universität zu Lübeck (MUL) haben jetzt eine weitere Methode entwickelt, die besonders weiblichen Patienten hilft.
Jährlich erkranken in Deutschland rund 11 000 Männer und noch einmal halb so viele Frauen an Blasenkrebs. Damit ist Blasenkrebs nach Tumoren an der Prostata die zweithäufigste urologische Krebserkrankung. In aller Regel wächst der Tumor langsam, das heißt, er bleibt auf die innere Schleimhaut begrenzt. Diese Tumoren können mit örtlich begrenzten Maßnahmen meist erfolgreich behandelt werden.
Befindet sich der Tumor jedoch in einem fortgeschrittenen Stadium (wenn Krebszellen in die Blasenwand eingedrungen sind), muss die Blase entfernt und durch ein neues System ersetzt werden. Nach wie vor die geläufigste Methode ist ein Bauchstoma. Der Begriff Stoma kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Öffnung“ oder „Mund“. Die beiden von den Nieren kommenden Harnleiter werden hierbei in ein etwa 15 cm langes Darmstück eingesetzt, das zuvor vom übrigen Verdauungsschlauch entfernt wurde. Das offene Ende dieses Darmstücks wird über die Bauchhaut nach außen geleitet. Der Patient trägt am Körper einen Beutel, in den ständig etwas Flüssigkeit sickert. Dieser Beutel wird nach Bedarf geleert. Das Verfahren ist vor allem für ältere, gebrechliche Menschen geeignet, da ein solches „nasses“ Stoma relativ einfach zu handhaben ist. Für jüngere, selbständige Patienten ist es jedoch eher unangenehm und nicht mehr zeitgemäß.
Die für diese Patienten optimale Variante ist die Schaffung einer Ersatzblase aus Darmanteilen, die direkt an die Harnröhre angeschlossen wird. Damit kann der Patient weiterhin normal zur Toilette gehen und auf gewohntem Weg Harn ablassen. Dieses Verfahren wird Neoblase genannt und so oft wie möglich eingesetzt. Allerdings: Frauen, die über ein anderes Schließmuskelsystem als Männer verfügen, profitieren von der Methode meist ebenso wenig wie Patienten, die im Bauchraum voroperiert sind (Narbenbildung).
Für diese Patientengruppen haben die Lübecker Urologen jetzt ein System („Lübeck-Pouch“) entwickelt, das die Betroffenen wenig belastet und ihnen eine beinahe ebenso gute Lebensqualität ermöglicht wie mit der Neoblase. Hierfür wird ein etwa 80 cm langes Dünndarmstück aufgetrennt, umgeformt und zu einem neuen Harnreservoir vernäht. Dieser auch Pouch genannte Sammelbeutel wird von innen an der Bauchwand befestigt und kann über eine drei bis vier cm lange Hautröhre regelmäßig und kontrolliert von außen mit einem Katheter geleert werden.
Das Besondere an dem Pouch ist der ebenfalls aus körpereigenem Dünndarm bestehende Ventilmechanismus, der nach Angaben von Prof. Andreas Böhle, leitender Oberarzt an der Urologischen Klinik in Lübeck (Direktor: Prof. Dieter Jocham), die neue Blase vollständig verschließt. Am Übergang Blase-Harnleiter wird während der OP eine Art Rückschlagventil konstruiert, um zu verhindern, dass mögliche Infektionsherde in die Nieren wandern. Die Verbindung Blase-Bauchöffnung ist gleich mit einem zweifachen Ventil gesichert. „Das System ist so dicht, dass die Blase eher platzen würde, bevor sie sich von selbst nach außen entleert“, erläutert Böhle.
Die Bauchöffnung befindet sich bei dem neuen Verfahren im rechten Unterbauch in Höhe der Sliplinie und kann mit einem Pflaster abgedeckt werden („trockenes“ Stoma). Die Patienten können problemlos schwimmen gehen, versprechen die Lübecker Urologen. Weiterer Vorteil: Sind die Patienten in der Folgezeit ? etwa aus Altersgründen ? nicht mehr in der Lage, selbständig Harn abzulassen, kann ohne weiteren Eingriff ein Dauerkatheter gelegt werden.
In einer ersten Studie wurden elf Patienten (neun Frauen, zwei Männer) behandelt. Darunter waren nicht nur Tumorpatienten zur Erstversorgung, sondern auch zwei Patienten, die vorher einen anderen Pouch hatten, der jedoch nässte. Seitdem sie auf den neuen Ventilmechanismus umgestellt wurden, sind sie trocken. Ebenso wie die übrigen Patienten, die alle auch durchschnittlich ein Jahr nach dem Eingriff selbständig in der Lage waren, den Harn per Katheter abzulassen.

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Rüdiger Labahn idw

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